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Artikel erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)
am Samstag, 25. Oktober 1997, in Beruf und Chance, S. 51:
-Aus breitem Wissen einen Anker auswerfen zu den klassischen Disziplinen-
Mischstudiengänge qualifizieren oft nur für Nischen / Vertiefte Fachkompetenz nötig
/ Von Alexander Pajevic
"Einkaufstaschen tragen, während ich die Treppen hochsteige? Ich bin doch kein Akrobat!" lautet
die Klage über die hohen Anforderungen an den modernen Menschen in dem Gedicht "Gleichzeitig? Das kann
ich nicht!" des Zeitgeist-Lyrikers Max Goldt. Gleichzeitig sollte man eigentlich doch können, um sich
im Gedränge des Arbeitsmarktes hervorzutun, dachten sich Anfang der neunziger Jahre viele Universitäten
und boten immer mehr Studiengänge an, die mehrere Disziplinen vereinen. Darunter sind naheliegende und bewährte
Kombinationen wie die von Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften zur Wirtschaftsingenieurausbildung; auch Wirtschaftsmathematik
mutet nicht allzu exotisch an, und die Mechatronik - gewrungen aus der Verbindung von Mechanik und Elektronik -
scheint nach kurzem Nachdenken ebenfalls naheliegend. Doch welche Qualifikationen und Chancen bergen dagegen die
Regionalwissenschaften Lateinamerika oder ein Abschluß als Magistra Rerum Europae?
"Durch die Kombination sollen Kräfte für die Wirtschaft ausgebildet werden, die außer dem
wirtschaftswissenschaftlichen auch das kulturwissenschaftliche Denken pflegen", erläutert Sebastian Iken,
Studienberater an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, den Studiengang Regionalwissenschaften
Lateinamerika. Die Ausbildung setzt sich aus Volkswirtschaft, Politikwissenschaft, Geschichte und Philologie zusammen;
im Hauptstudium ist ferner ein Praktikum in Wirtschaftsunternehmen oder Kulturinstitutionen in Südamerika
vorgesehen, um die theoretischen Kenntnisse in der Region praktisch zu vertiefen.
Interkulturelle Kompetenz heranzuziehen, die in mehr als im reinen Spracherwerb liegen soll, war nach Worten von
Claus Rolshausen, Professor für Politische Wirtschaftslehre an der Universität Osnabrück, auch das
Anliegen des Magister-Studiengangs "Europäische Studien/European Studies". Neben dem breitangelegten
Studium von Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die mit Sprache, Literatur und Kultur Europas verknüpft
werden, unterrichtet man dort auch praxisbezogen EDV und Statistik.
Ausbildungsprofile wie diese sind noch neu; viele potentielle Arbeitgeber können sich daher kaum ein Bild
über die Qualifikation der Bewerber machen, die mit einem Abschluß in einem solchen Mischstudiengang
in der Tasche bei ihnen anklopfen. Das Engagement der Studenten, sich in ungewöhnlichen Bereichen zu spezialisieren,
werde jedoch durchaus honoriert, sagt Ottmar Kayser, Leiter der Nachwuchsgruppen in der Personalabteilung der Deutschen
Bank. Man habe sogar eine ganze Reihe Absolventen von Mischstudiengängen aufgenommen. Darunter seien beispielsweise
Kulturwirte aus Passau - jedoch nicht unbedingt weil sie ihre Ausbildung als Kulturwirte so attraktiv gemacht habe,
sondern weil sie von der Persönlichkeit her überzeugt hätten. Die Fachausbildung, sagt er, habe
einen geringeren Stellenwert, als gemeinhin angenommen werde; ohnehin werde die Halbwertzeit des Wissens immer
kürzer. Wichtiger sei der Praxisbezug der Qualifikationen. So könne ein Praktikum als Beleg dafür
dienen, daß der Bewerber seine Vorstellungen umzusetzen verstanden und sich dann auch bewährt habe -
um so besser, wenn das auch noch durch ein entsprechendes Zeugnis belegt werden könne.
Barbara Fröhlich, Leiterin der Internationalen Nachwuchsgruppe bei Daimler-Benz, zeigt sich ebenfalls offen
für Absolventen fächerverbindender Studiengänge: "Wir sind an Leuten mit hoher sozialer und
interkultureller Kompetenz interessiert." Wichtig jedoch sei, daß die Bewerber ein "funktionales
Ankerfeld" mitbrächten. So sei ein breitgefächertes Interesse zwar durchaus gefragt, notwendig aber
ein Vertiefungsbereich, in dem man von einer hohen Kompetenz ausgehen könnte. Diese Ankerfelder könnten
zum Beispiel in den Bereichen Betriebswirtschaftslehre, Logistik oder Marketing liegen; es sei eben eine Kombination
mit einem industrierelevanten Fachwissen wichtig. Wenn das zu leisten sei, sagt sie, dann könne ein Mischstudium
durchaus sinnvoll sein. Sprachen seien dabei zwar eine wichtige Qualifikation, sie frage sich jedoch, ob man deshalb
eine Sprache gleich studieren müsse: "Ich glaube jemandem auch, daß er Englisch spricht, wenn er
in England gearbeitet oder studiert hat." Praktische Erfahrungen sind selbstverständlich stets gefragt.
"Wir wollen Leute, die viel gesehen und gemacht haben", sagt sie.
Konkreter formuliert Kruno Hernaut Leiter Bildungspolitik in der Zentralabteilung Personal der Siemens AG, die
Anforderungen seines Unternehmens. Der größte Bedarf in der Industrie liege nun einmal im technischen
Bereich, sagt er; ein Viertel der Angestellten bei Siemens seien derzeit Ingenieure, und der Anteil werde sich
noch vergrößern. Neue Qualifikationen würden in jedem Fall benötigt, und die könnten
über eine Erneuerung der Studieninhalte erreicht werden oder aber auch durch ganz neue Studiengänge -
dabei stehe jedoch stets die technische Kompetenz im Vordergrund. Die Industrie habe für Absolventen anderer
Studienkombinationen "keinen expliziten Bedarf". Trotzdem würden natürlich auch solche Bewerbungen
entgegengenommen: "Man sollte sich von der Illusion lösen, daß jemand, der gezielt für etwas
ausgebildet wird, dann auch genau das tun wird. Der Eintritt in die Firma ist immer eine zufällige Angelegenheit."
Es sind anerkennende und höfliche Worte, die aus Industrie und Handel zu den ungewöhnlichen Studiengängen
zu hören sind. Tatsächlich stehen jedoch Absolventen der klassischen arbeitsmarktrelevanten Disziplinen
immer noch am besten da. Bei einer kürzlich veranstalteten Rekrutierungsveranstaltung des German Career Service
in Berlin zeigten die Studienabschlüsse der angehenden Führungskräfte deutlich, daß von Unternehmen
weiterhin zumeist Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure gefragt sind, gefolgt von Mathematikern und Informatikern.
Sozialwissenschaftler seien da mehr als "statistisches Einsprengsel" zu verzeichnen, sagt Ralf Schneider,
Sprecher des German Career Service. Er spricht jedoch von hohen Chancen bei denjenigen Absolventen, die die bewährten
Studienfächer untereinander kombiniert hätten oder gar einen doppelten Abschluß vorweisen könnten.
Daß entspricht auch den Erkenntnissen von Ulrike Funke, Hochschulkoordinatorin am Arbeitsamt Frankfurt. Wirtschaftsingenieure
und -mathematiker gehören zu der Gruppe, die sich am problemlosesten vermitteln lassen, sagt sie; ganz anders
sehe es jedoch bei den exotischeren Kombinationen aus. Auf seiten der Industrie herrsche zumeist große Skepsis,
wenn die Studiengänge kein klares Profil anbieten könnten. Es gebe eben genug Betriebswirte, die dieses
klare Profil vorweisen könnten und die über Praktika oder Ferienjobs zusätzliche Qualifikationen
erlangt hätten.
Dennoch hofften viele Ratsuchende, mit diesen Fächern eine Nische zu erreichen, sagt sie. Auch versuchten
Hochschulen, ihr Studienangebot - und damit häufig auch den Studienstandort - attraktiv zu machen. Generell
abraten würde Funke von diesen Studiengängen nicht, aber doch jeden Interessenten an einem Mischstudiengang
auf die schwierige Arbeitsmarktlage hinweisen.
Daß es durchaus möglich ist, mit einer spezialisierten Qualifikation auf einen Nischenbedarf zu treffen,
zeigen die guten Erfahrungen der ersten Absolventen der Regionalwissenschaften Lateinamerika. Friederike Suess
schloß 1995 ihr Studium ab und arbeitet seitdem als Projektreferentin für Nord- und Südamerika
bei der IHK-Gesellschaft zur Förderung der Außenwirtschaft in Bonn. Zwar konnte sie auch mit Sprachkenntnissen
und praktischer Erfahrung aufwarten, jedoch sei das Studium "der Blickfang der Bewerbung" gewesen, meint
sie. Auch ihre Kommilitonen hätten zumeist eine auf Lateinamerika bezogene Stelle bekommen.
"Viele Geschäfte in der Außenwirtschaft scheitern nicht an den Angeboten, sondern an den Menschen,
die sich gegenübersitzen", sagt Suess. Wenn ein Unternehmen im Ausland eine Niederlassung aufbauen wolle,
brauche man jemanden, der Kontakte herstellen könne, der die politischen und kulturellen Strukturen kenne:
"Da gibt es noch Bedarf für Regionalwissenschaftler. Man kann ihnen ja Betriebswirte an die Seite stellen."
Und das Halbwissen, das den Absolventen häufig vorgeworfen werde, könne man auch als Vorteil betrachten:
Es sei ein ausbaufähiges Grundwissen von vielem vorhanden. Kombistudiengänge erzögen eben zur Flexibilität;
von der Analyse einer Volkswirtschaft zur Analyse eines Romans - das mache offen für alle Themen.
Nimmt man als Absolvent eines Mischstudienganges diese Flexibilität für sich in Anspruch, sollte man
sie jedoch auch belegen können: indem man zum Beispiel die Bereitschaft zeigt, ins Ausland zu gehen. Friederike
Suess wurde während ihres Studiums von ihrem Fachbereich eindringlich gebeten, an einem Austausch mit Brasilien
teilzunehmen - denn es fanden sich nicht genug Kandidaten, die bereit waren, ihre Heimat für ein Jahr zu verlassen.
Die Studenten müßten eben auch "den Hintern hochkriegen".
 
Diese Seite wurde erstellt von Johannes
Beck am 12.11.97 und aktualisiert am 08.03.98
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