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Rezension:

- Staat und Gewerkschaften
in Lateinamerika -

Hartmut Grewe, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konrad- Adenauer-Stiftung, und Manfred Mols, Professor für
Politikwissenschaften an der Universität Mainz, haben unter dem Titel „Staat und Gewerkschaften in Lateinamerika/
Wandel im Zeichen von Demokratie und Marktwirtschaft“ ein Buch mit Länderstudien zu Argentinien, Bolivien, Paraguay,
Uruguay und Brasilien herausgebracht. Sie zeigen wie die Perioden von Unterdrückung und Abhängigkeit der
Gewerkschaften einem qualitativ neuen Verhältnis Platz machen. Bei der Konzipierung des Projektes „Gewerkschaften in
Lateinamerika“ richtete sich das Erkenntnisinteresse auf die Frage: Inwieweit hat der mit dem Zusammenbruch der Mi-litärdiktaturen in den achziger Jahren in Gang gekommene Redemokratisierungsprozeß in vielen Staaten Lateinamerikas
dort auch neue Existenzbedingungen und erweiterte Handlungsspielräume geschaffen? Angesichts der veränderten
politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen bestand ein Bedarf an verläßlichen Informationen über aktuelle
Entwicklungen im ohnehin problematischen Verhältnis von Staat und Gewerkschaften. Auf die Frage: „Warum interessieren uns gerade Gewerkschaften, die derzeit weltweit in einer durch Mitgliederschwund,
Vertrauensverlust und Machteinbußen gekennzeichneten Krise stecken?“, antworten die beiden Herausgeber:
„Weil es keine wirkliche Alternative zu dieser erprobten Form einer kollektiven Interessenorganisation der
abhängig Beschäftigten in einem modernen (bzw. sich modernisierenden) Staatswesen gibt.“ Lange Zeit war in La-teinamerika die Ausübung der eigentlichen Aufgaben der Gewerkschaften wie die Interessenartikulation, kollektive
Selbsthilfe und das Erzeugen interner Solidarität nicht möglich. Entweder wurden Gewerkschaften an ihrer Entfaltung
gehindert und ihre Funktionäre verfolgt und verhaftet (oft sogar getötet) oder sie wurden bewußt vom Staat gefördert
und für dessen Zwecke mißbraucht, nämlich zur Kontrolle und Disziplinierung der ihnen korporativ zugeführten Mitglieder.
Eine autonome gewerkschaftliche Entwicklung war angesichts der widrigen politischen Verhältnisse nur in seltenen
Fällen möglich. Sie wurde aber auch aufgrund der herrschenden ökonomischen Bedingungen sehr erschwert.
Die feudalistische Agrarstruktur, die binnenorientierte, protektionistische Industriepolitik der lateinamerikanischen
Staaten, der durch weltwirtschaftliche Einflüsse verschärf-te Dualismus, der einen wachsenden informellen Arbeitsmarkt
schuf, sowie neuerdings der Abbau der Beschäftigung im stattlichen Sektor stellten eher Hindernisse in den Weg, als daß sie die gewerkschaftliche Organisierung förderten. Für jedes Land muß die Entwicklung der Gewerkschaften
einzeln unter Berücksichtigung der jeweiligen politischen Traditionen nachvollzogen werden. Aus forschungspragmatischen Gründen entschieden sich die Herausgeber für Länderstudien zu den vier MERCOSUR-Staaten und
zu dem Sonderfall Bolivien, da dort der nationale Gewerkschaftsverband COB drei Jahrzehnte lang an der Regierung
beteiligt war, bevor er Mitte der achziger Jahre einen traumatischen Machteinbruch erlitt. Den Studien, die von kleinen
Autorenteams bearbeitet wurden, lag ein gemeinsames Fragemuster zugrunde.Im ersten Aufsatz „Staat, Gewerkschaften und Unterneh-mer in Lateinamerika: Sozialpartner von morgen?“ von Peter Birle, wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Politikwissenschaften der Universität Mainz, und Manfred Mols wird das Verhältnis der verschiedenen Sozialpartner in Lateinamerika untersucht. Die Autoren weisen auf die Aktualität der Thematik gerade jetzt am Ende eines Redemokra-tisierungsprozesses hin. Es ist die feste Überzeugung der beiden Autoren, daß in Lateinamerika weder die Demokratie
erhalten und ausgebaut, noch bisher weitgehendst vernachlässigte soziale Entfremdungen und distributive Verzerrungen
vermindert werden können, wenn es nicht gelingt, eine authentische, als selbstverständlich angesehene Sozialpartnerschaft aufzubauen, in der Staat, Gewerkschaften und Unternehmer ganz anders aufeinander zu- und miteinander umgehen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Sie kommen zu dem Schluß, daß sich Lateinamerika gegenwärtig
sowohl in politischer als auch in ökonomischer Hinsicht auf dem Weg zu einer neuen staatlichen und gesellschaftlichen
Ordnung befinde. Weder die Herstellung demokratischer und rechtsstaatlicher Verhältnisse, noch das öffentliche Bekenntnis zur Marktwirtschaft implizierten allerdings automatisch, daß sich dadurch auch die damit nur schwer zu vereinbarenden Verhaltensformen der relevanten staatlichen und gesellschaftlichen Akteure ändern. Nach dem einführenden allgemeinen Artikel folgen 5 Artikel, die alphabetisch nach den Ländernamen angeordnet sind, zu den einzelnen Ländern. Der erste von Hartmut Grewe unter Mitwirkung von Héctor Palomino, wiss. Mitarbeiter am CISEA (Centro de Investigaciones Sociales sobre el Estado y la Administración) in Buenos Aires, befaßt sich mit Argentinien. Nach einer Darstellung der argentinischen Geschichte der letzten 120 Jahre beschäftigen sich die Autoren dann mit dem Umbruch des argentinischen Gewerkschaftssystems und abschließend mit Carlos Menem als Erneuerer oder Überwinder des Peronismus. Im Anhang folgen Tabellen und Abbildungen zu den Gewerkschaften und Parteien in Argentinien
sowie zu Wahlpräferenzen, Streiks und dem Image der Gewerkschaften. Im nächsten Beitrag schreibt H.C.F. Mansilla, Kodirektor von CEBEM (Centro Boliviano de Estudios Multidisciplinarios) in La Paz und zukünftiger Präsidentschaftskan-didat Boliviens (siehe auch Portuñol Nr. 4), unter Mitar-beit von Hartmut Grewe zur Lage in Bolivien. Er sieht die Gewerkschaften Boliviens im antiquierten marxistischen Klassenbewußtsein verhaftet und hält die gewerkschaftliche Führungsschicht für geprägt von einer ausgesproche-nen Provinzialität und einem starren Dogmatismus, was ihre Denk- und Verhaltensmuster betrifft. Im Anhang stehen Kurzlebensläufe bekannter Gewerkschaftsführer (z.B. von
Juan Lechín), eine Liste der Mitgliedsgewerkschaften im Dachverband COB und Statistiken und Diagramme zur
Struktur der Erwerbsbevölkerung Boliviens. Mit Brasilien beschäftigt sich Gilberto Calcagnotto, wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Iberoamerika-Kunde in Hamburg, unter Mitarbeit von Luis Abramo und
Malva Espinosa im mit 122 Seiten mit Abstand längsten Aufsatz. Dann folgt ein Beitrag zu Paraguay von Jaime Ensignia,
Mitarbeiter von CIASI (Centro de Investigación y Asesoría Sindical) in Santiago de Chile, und Hartmut Grewe, der mit
„Das schwere Erbe der Stroessner-Diktatur: Die paraguayische Gewerkschaftsbewegung vor dem Neubeginn“ über-schrieben ist. Unter Mitarbeit von Marta Licio befaßt sich anschlie-ßend Detlef Nolte, stellvertretender Direktor des Instituts für Iberoamerika-Kunde in Hamburg, mit der Gewerkschaftsbewegung in Uruguay. Wie in den Artikeln zu Bra-silien und Paraguay sind auch hier zahlreiche Tabellen in den Text eingebaut. Am Schluß des Buches folgt ein ausführliches Abkürzu ngsverzeichnis, ein Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen, ein noch ausführlicheres, ausgezeichnetes Litera-turverzeichnis (alleine sage und schreibe 7 1/2 Seiten Lite-ratur zu Brasilien!) und die biographischen Angaben zu den
Autoren und Herausgebern. Das Buch ist sehr interessant. Es lohnt sich, auch für Pro-blemstellungen außerhalb von Gewerkschaften (z.B. zu Parteien) einen Blick dort hinein zu werfen. Das weite Feld der Beziehungen zwischen Staat und Gewerkschaften wird exzellent abgedeckt. Schade, daß man sich auf 5 Länder (Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) beschränkt hat. Hätte man Chile noch dazugenommen (mit Jaime Ensignia aus Santiago de Chile wäre ein Autor vor-handen gewesen), wäre der Süden Lateinamerikas komplett erfaßt worden. Mehr Länder waren wohl aus Platzgründen und vielleicht auch wegen fehlender deutschsprachiger Autoren nicht möglich. Vielleicht in einem der nächsten
Bände der Reihe „Studien zur Politik“. Eine interessante Bemerkung am Schluß: Warum gibt die Konrad-Adenauer-Stiftung und nicht die eigentlich bezüglich Gewerkschaften eher prädestinierte Friedrich-Ebert-Stiftung ein solches Werk heraus?

Johannes Beck

Hartmut Grewe/Manfred Mols (Hrsg.); Staat und Gewerkschaften
in Lateinamerika/Wandel im Zeichen von Demokratie
und Marktwirtschaft; Paderborn, München, Wien
1994; Schöningh; 472 Seiten; Studien zur Politik Nr. 26;
Herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung;
ISBN 3-506-79326-8; € 35,80

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002