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Rezension:

- Brasilien:Diagnose einer Krise -

„O Brasil é o país do futuro“ (Brasilien ist das Land der Zukunft) lautet ein bekanntes Motto und oft wird ironisch
ergänzt „...e sempre será“ (...und wird es immer bleiben). Das Land verfügt über ein gewaltiges Entwicklungspotential,
das jedoch in vielfacher Hinsicht blockiert ist. Seit Jahrzehnten steckt Brasilien in einer Krise, die positive und negative
Tendenzen in sich vereint und nicht geradewegs in die Katastrophe führt. In vielen Bereichen gibt es positive
Entwicklungen, die jedoch durch die negativen zum Teil entwertet werden. In dem Buch „Brasilien - Diagnose einer
Krise“ versucht Manfred Wöhlcke, diese Entwicklungskrise zu beschreiben, ihre Ursachen zu benennen und die Chancen
für ihre Überwindung abzuschätzen. Er hat viele Jahre in Lateinamerika gelebt und ist Lateinamerika-Referent an
der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen. Die Frage nach dem Entwicklungsgrad der brasilianischen
Gesellschaft läßt sich am einfachsten beantworten, indem man die konkreten Lebensbedingungen der Bevölkerung
betrachtet. Dabei zeigt sich, daß die große Mehrheit in diesem sogenannten Schwellenland nach wie vor unter
elenden Verhältnissen lebt. Das bisherige gesellschaftliche Ergebnis des Industrialisierungsprozesses ist in der Tat nicht
sehr befriedigend. In Brasilien besteht nach wie vor ein deutlicher Widerspruch zwischen dem Entwicklungspotential
und der Entwicklungsrealität, und viele jener Qualitäten, die mit dem Begriff eines Schwellenlandes in Verbindung
gebracht werden, sind noch nicht verwirklicht. Im Gegensatz zu anderen Autoren vertritt Wöhlcke die
Auffassung, daß die externen Entwicklungshemnisse im brasilianischen Falle weitaus weniger bedeutsam sind als
die hausgemachten internen, zu denen nach Wöhlcke haupt-sächlich das starke Bevölkerungswachstum, der notorische
Mangel an „good governance“ und die wenig konstruktive Rolle der gesellschaftlichen Elite zählen. Trotz des politischen „Aufräumeprozesses“, der nach der Aufdeckung zahlreicher Korruptionsskandale einsetzte, hält es der Autor für nicht wahrscheinlich, daß in Brasilien tatsächlich die Weichen in Richtung auf eine moderne, leistungsfähige,
sozialverträgliche und umweltfreundliche Gesellschaft gestellt werden. Die „demokratische Selbstreinigung“
sei zwar gewiß bemerkenswert, aber sie erscheint ihm unzureichend.Wöhlcke meint, daß selbst wenn es gelingen würde dem Land den entscheidenden Modernisierungsschub zu versetzen, dessen konkrete Resultate sicherlich weniger spekta-kulär wären als jene überzogenen Erwartungen, die schon immer mit diesem vermeintlichen „Land der Zukunft“ verbunden
wurden. Im ersten Teil des Buches untersucht Wöhlcke, ob Brasilien immer noch unterentwickelt ist. Er sieht das Kern-problem der Entwicklung Brasiliens nicht darin, den wirtschaftlichen Prozeß mit mehr oder weniger Erfolg zu dyna-misieren, sondern die Rahmenbedingungen für einen gesellschaftlichen Wandel zu schaffen, der zunächst einmal
nach drei qualitativen Prioritäten in bezug auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein sollte: Existenzsicherung, Sozialver-träglichkeit und Umweltfreundlichkeit. Der These Brasilien sei ein sogenanntes Schwellenland hält er entgegen:
- Die Überwindung der Unterentwicklung im umfassenden Sinne sei bislang eher die Ausnahme als die Regel. - Es gäbe eine Reihe von Unterschieden zwischen der Industrialisierung der heutigen Industrienstaaten und jenem Prozeß, der in den meisten Entwicklungsländern abläuft. - Die Unterentwicklung habe zahlreiche und ganz verschiedene Ursachen. Die optimistische Vorstellung, jedes beliebige Land über eine wirtschaftliche Dynamisierung entwickeln zu können, iderspräche der historischen Erfahrung. - Die sogenannten Schwellenländer haben zwar einige wirtschaftliche und technologische Merkmale moderner Gesellschaften, zeigten aber gleichzeitig viele Merkmale unterentwickelter Länder. Weiter geht Wöhlcke im ersten Teil des Buches auf die soziale und ökologische Situation Brasiliens ein. Im zweiten Teil, der mit „Kein ’Take -off‘: Start frei, aber das Flugzeug hebt nicht ab“ überschrieben ist, versucht er, die Ursachen für die Nicht-Überwindung der Krise zu schildern. An der ersten Stelle der Gründe nennt er das hohe Bevölkerungswachstum und den Mangel an „good governance“ sowie die wenig verantwortliche Rolle der Eliten. Demgegenüber hält er die durch das internationale System produzierten Entwicklungshemmnisse für weniger aus-schlaggebend, auch wenn sie konjunkturell erhebliche Aus-wirkungen haben können. Es ist bedenklich, welche starke Rolle Wöhlcke dem Bevölkerungswachstum bei den Ursachen für die Nicht-Entwicklung Brasiliens gibt. Unstrittig ist, daß die Bevölkerung immer noch stark zunimmt, aber ob diese Bevölkerung zu groß im Verhältnis zur sozioökonomischen Leistungsfähigkeit
der Gesellschaft ist, darf stark bezweifelt werden. Bei einer sozial ausgewogeneren Verteilung der Ressourcen wäre das Land in der Lage, wesentlich mehr Menschen gut zu versorgen. Ebenso dürfte seine These, daß es in Brasilien zwar eth-
nische Vorurteile und rassische Diskriminierungen gäbe, aber daß es sich dabei nicht um eine entwicklungshemmende
„Apartheid“ handele , anzuzweifeln sein. Es mag durchaus entwicklungshemmend sein, daß große Teile der schwar-
zen Bevölkerung faktisch vom sozialen Aufstieg ausgeschlossen sind. Zustimmen kann man jedoch den anderen internen Faktoren, die er für das Scheitern der Entwicklung anführt:
- Das politische System und die politische Kultur: Der Staat tritt weniger als Garant von Stabilität, Ordnung, Rechtssicherheit und Regelung gegenüber den heterogenen und tendenziell „chaotischen“ gesellschaftlichen Interessen und Kräften auf, sondern er ist selber eine Quelle von Instabilität, Unordnung, opportunistischer Rechtsinterpretation und Chaos. Es mangelt in erheblichem Maße an „good governance“ und politischer Moral. Die Verwaltung ist in vielen Bereichen überkompliziert, schwerfällig, inkompetent und korrupt. Die Parteien sind mit wenigen Ausnahmen oppor- tunistische Machtkartelle, die den Staat in erster Linie als Beute betrachten.
- Die Wirtschafts- und Finanzpolitik.
- Die Nichteinbindung der Marktwirtschaft in einen an- gemessenen strukturellen, sozialen und ökologischen Ge- staltungsrahmen (capitalismo selvagem).
- Die wenig konstruktive Rolle der gesellschaftlichen Eli-
ten.Lobenswert anzumerken ist noch, daß Wöhlcke ausführlich auf die Umweltbedingungen in Brasilien eingeht.
Angereichert ist das Buch mit zahlreichen Tabellen, Schaubildern und Karten, z.B. zur brasilianischen Bevöl- erungsentwicklung, zum brasilianischen Außenhandel und Kapitalbilanz sowie zur Verwaltungseinteilung, Bevölke-rungsdichte und Wirtschaftsstruktur.
Schade, daß die Anmerkungen nicht als Fuß-, sondern als Endnoten angefügt sind, was den Lesefluß etwas stört. Manfred Wöhlcke erwartet keine dauerhafte Überwindung der Krise im Sinne einer Entwicklung auf breiter Front, trotz einiger positiver Tendenzen. Brasilien wird – so meint er – auf absehbare Zeit ein Entwicklungsland bleiben. Wir können nur hoffen, daß er sich getäuscht hat. Dann könnte man sagen: „O Brasil é o país do futuro e um dia será“ (Brasilien ist das Land der Zukunft und wird es eines Tages auch sein).
Fazit: Ein lesenswertes Buch zu einem akzeptablen Preis (DM 19,80).

 Johannes Beck

Manfred Wöhlcke: Brasilien - Diagnose einer Krise
160 Seiten mit 2 Karten , 3 Schaubildern und 7 Tabellen
Beck´sche Reihe Nr. 1076 / ISBN 3 406 37466 2.

       

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002