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6- Übersicht|
Rezension:
- Brasilien:Diagnose einer Krise -
O Brasil é o país do futuro (Brasilien
ist das Land der Zukunft) lautet ein bekanntes Motto und oft wird ironisch
ergänzt ...e sempre será (...und wird es immer
bleiben). Das Land verfügt über ein gewaltiges Entwicklungspotential,
das jedoch in vielfacher Hinsicht blockiert ist. Seit Jahrzehnten steckt
Brasilien in einer Krise, die positive und negative
Tendenzen in sich vereint und nicht geradewegs in die Katastrophe führt.
In vielen Bereichen gibt es positive
Entwicklungen, die jedoch durch die negativen zum Teil entwertet werden.
In dem Buch Brasilien - Diagnose einer
Krise versucht Manfred Wöhlcke, diese Entwicklungskrise zu
beschreiben, ihre Ursachen zu benennen und die Chancen
für ihre Überwindung abzuschätzen. Er hat viele Jahre in
Lateinamerika gelebt und ist Lateinamerika-Referent an
der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen. Die Frage nach dem
Entwicklungsgrad der brasilianischen
Gesellschaft läßt sich am einfachsten beantworten, indem man
die konkreten Lebensbedingungen der Bevölkerung
betrachtet. Dabei zeigt sich, daß die große Mehrheit in diesem
sogenannten Schwellenland nach wie vor unter
elenden Verhältnissen lebt. Das bisherige gesellschaftliche Ergebnis
des Industrialisierungsprozesses ist in der Tat nicht
sehr befriedigend. In Brasilien besteht nach wie vor ein deutlicher Widerspruch
zwischen dem Entwicklungspotential
und der Entwicklungsrealität, und viele jener Qualitäten, die
mit dem Begriff eines Schwellenlandes in Verbindung
gebracht werden, sind noch nicht verwirklicht. Im Gegensatz zu anderen
Autoren vertritt Wöhlcke die
Auffassung, daß die externen Entwicklungshemnisse im brasilianischen
Falle weitaus weniger bedeutsam sind als
die hausgemachten internen, zu denen nach Wöhlcke haupt-sächlich
das starke Bevölkerungswachstum, der notorische
Mangel an good governance und die wenig konstruktive Rolle
der gesellschaftlichen Elite zählen. Trotz des politischen Aufräumeprozesses,
der nach der Aufdeckung zahlreicher Korruptionsskandale einsetzte, hält
es der Autor für nicht wahrscheinlich, daß in Brasilien tatsächlich
die Weichen in Richtung auf eine moderne, leistungsfähige,
sozialverträgliche und umweltfreundliche Gesellschaft gestellt werden.
Die demokratische Selbstreinigung
sei zwar gewiß bemerkenswert, aber sie erscheint ihm unzureichend.Wöhlcke
meint, daß selbst wenn es gelingen würde dem Land den entscheidenden
Modernisierungsschub zu versetzen, dessen konkrete Resultate sicherlich
weniger spekta-kulär wären als jene überzogenen Erwartungen,
die schon immer mit diesem vermeintlichen Land der Zukunft
verbunden
wurden. Im ersten Teil des Buches untersucht Wöhlcke, ob Brasilien
immer noch unterentwickelt ist. Er sieht das Kern-problem der Entwicklung
Brasiliens nicht darin, den wirtschaftlichen Prozeß mit mehr oder
weniger Erfolg zu dyna-misieren, sondern die Rahmenbedingungen für
einen gesellschaftlichen Wandel zu schaffen, der zunächst einmal
nach drei qualitativen Prioritäten in bezug auf das Gemeinwohl ausgerichtet
sein sollte: Existenzsicherung, Sozialver-träglichkeit und Umweltfreundlichkeit.
Der These Brasilien sei ein sogenanntes Schwellenland hält er entgegen:
- Die Überwindung der Unterentwicklung im umfassenden Sinne sei bislang
eher die Ausnahme als die Regel. - Es gäbe eine Reihe von Unterschieden
zwischen der Industrialisierung der heutigen Industrienstaaten und jenem
Prozeß, der in den meisten Entwicklungsländern abläuft.
- Die Unterentwicklung habe zahlreiche und ganz verschiedene Ursachen.
Die optimistische Vorstellung, jedes beliebige Land über eine wirtschaftliche
Dynamisierung entwickeln zu können, iderspräche der historischen
Erfahrung. - Die sogenannten Schwellenländer haben zwar einige wirtschaftliche
und technologische Merkmale moderner Gesellschaften, zeigten aber gleichzeitig
viele Merkmale unterentwickelter Länder. Weiter geht Wöhlcke
im ersten Teil des Buches auf die soziale und ökologische Situation
Brasiliens ein. Im zweiten Teil, der mit Kein Take -off:
Start frei, aber das Flugzeug hebt nicht ab überschrieben ist,
versucht er, die Ursachen für die Nicht-Überwindung der Krise
zu schildern. An der ersten Stelle der Gründe nennt er das hohe Bevölkerungswachstum
und den Mangel an good governance sowie die wenig verantwortliche
Rolle der Eliten. Demgegenüber hält er die durch das internationale
System produzierten Entwicklungshemmnisse für weniger aus-schlaggebend,
auch wenn sie konjunkturell erhebliche Aus-wirkungen haben können.
Es ist bedenklich, welche starke Rolle Wöhlcke dem Bevölkerungswachstum
bei den Ursachen für die Nicht-Entwicklung Brasiliens gibt. Unstrittig
ist, daß die Bevölkerung immer noch stark zunimmt, aber ob
diese Bevölkerung zu groß im Verhältnis zur sozioökonomischen
Leistungsfähigkeit
der Gesellschaft ist, darf stark bezweifelt werden. Bei einer sozial ausgewogeneren
Verteilung der Ressourcen wäre das Land in der Lage, wesentlich mehr
Menschen gut zu versorgen. Ebenso dürfte seine These, daß es
in Brasilien zwar eth-
nische Vorurteile und rassische Diskriminierungen gäbe, aber daß
es sich dabei nicht um eine entwicklungshemmende
Apartheid handele , anzuzweifeln sein. Es mag durchaus entwicklungshemmend
sein, daß große Teile der schwar-
zen Bevölkerung faktisch vom sozialen Aufstieg ausgeschlossen sind.
Zustimmen kann man jedoch den anderen internen Faktoren, die er für
das Scheitern der Entwicklung anführt:
- Das politische System und die politische Kultur: Der Staat tritt weniger
als Garant von Stabilität, Ordnung, Rechtssicherheit und Regelung
gegenüber den heterogenen und tendenziell chaotischen
gesellschaftlichen Interessen und Kräften auf, sondern er ist selber
eine Quelle von Instabilität, Unordnung, opportunistischer Rechtsinterpretation
und Chaos. Es mangelt in erheblichem Maße an good governance
und politischer Moral. Die Verwaltung ist in vielen Bereichen überkompliziert,
schwerfällig, inkompetent und korrupt. Die Parteien sind mit wenigen
Ausnahmen oppor- tunistische Machtkartelle, die den Staat in erster Linie
als Beute betrachten.
- Die Wirtschafts- und Finanzpolitik.
- Die Nichteinbindung der Marktwirtschaft in einen an- gemessenen strukturellen,
sozialen und ökologischen Ge- staltungsrahmen (capitalismo selvagem).
- Die wenig konstruktive Rolle der gesellschaftlichen Eli-
ten.Lobenswert anzumerken ist noch, daß Wöhlcke ausführlich
auf die Umweltbedingungen in Brasilien eingeht.
Angereichert ist das Buch mit zahlreichen Tabellen, Schaubildern und Karten,
z.B. zur brasilianischen Bevöl- erungsentwicklung, zum brasilianischen
Außenhandel und Kapitalbilanz sowie zur Verwaltungseinteilung, Bevölke-rungsdichte
und Wirtschaftsstruktur.
Schade, daß die Anmerkungen nicht als Fuß-, sondern als Endnoten
angefügt sind, was den Lesefluß etwas stört. Manfred Wöhlcke
erwartet keine dauerhafte Überwindung der Krise im Sinne einer Entwicklung
auf breiter Front, trotz einiger positiver Tendenzen. Brasilien wird
so meint er auf absehbare Zeit ein Entwicklungsland bleiben. Wir
können nur hoffen, daß er sich getäuscht hat. Dann könnte
man sagen: O Brasil é o país do futuro e um dia será
(Brasilien ist das Land der Zukunft und wird es eines Tages auch sein).
Fazit: Ein lesenswertes Buch zu einem akzeptablen Preis (DM 19,80).
Johannes Beck
Manfred Wöhlcke: Brasilien - Diagnose einer Krise
160 Seiten mit 2 Karten , 3 Schaubildern und 7 Tabellen
Beck´sche Reihe Nr. 1076 / ISBN 3 406 37466 2.

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike
Oesterle am 08.06.2002
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