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Rezension:

- Iberische Welten: Festschrift zum 65. Geburtstag von Günter Kahle -

Mit der Festschrift „Iberische Welten“ ehren Kollegen, Freunde und Schüler Günter Kahle. Günter Kahle wurde
1927 in Berlin geboren. Nach der Entlassung aus sowjetischer Gefangenenschaft 1956 studierte er in Köln Geschichte,
Völkerkunde und Amerikawissenschaft. 1962 promovierte er mit der Dissertation „Grundlagen und Anfänge des
paraguayischen Nationalbewußtsein“. Mit einer Arbeit über „Militär und Staatsbildung in den Anfängen der Unabhän-gigkeit Mexikos“ habilitierte er vier Jahre später. In den langen Jahren als Inhaber des Lehrstuhles für Iberische
und Lateinamerikanische Geschichte in Köln machte er sich auf seinem Fachgebiet als Mitherausgeber der international
angesehenen Zeitschrift „Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas“
und der zugehörigen Beiheftreihe „Lateinamerikanische Forschungen“ (das vorliegende Buch erschien in dieser
Reihe als Band Nr. 22) sowie der „Kölner Historischen Ab-handlungen“und des „Forum Ibero-Americanum“ verdient.
Es wurden ihm hohe Auszeichnungen lateinamerikanischer Staaten verliehen. 1973 wurde er zum Korrespondierenden
Mitglied der Academia Paraguayana de la Historia und 1985 zum Korrespondierenden Mitglied der philosophisch-
historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Als letzte große Veröffentlichung
ist von ihm 1993 das Buch „Lateinamerika in der Politik europäischer Mächte 1492-1810“ erschienen, das uns
allen gut bekannt sein wird. Ebenfalls allseits bekannt wird der Lateinamerika-Ploetz sein, den er herausgegeben hat.
Eingeladen an dieser Festschrift mitzuwirken waren unter anderem diejenigen, die wie er Schüler Richard Konetzkes
waren, seine eigenen Schüler, seine Fachkollegen im Inland und befreundete ausländische Kollegen sowie ehemaligen
Stipendiaten und Gäste des Kölner Instituts für Iberische und Lateinamerikanische Geschichte.
Der Schwerpunkt der 46 Artikel liegt auf der Politischen Geschichte (Teil I) und der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
(Teil II) mit Darlegungen der diplomatischen Beziehungen sowie der meist konfliktreichen Begegnungen europäischer
Reisender und Einwanderer mit der Neuen Welt. Im Teil III folgen Beiträge zur Kultur- und Geistesgeschichte
und im Teil IV zur Rezeption Amerikas in Europa. Die Schwerpunktlegung und die breite inhaltliche Vielfalt sollen
die Interessen und Vorlieben des hier Geehrten wiederspiegeln. Daraus erwächst die Vielfalt der Festschrift, die
einen weitgefaßten Querschnitt durch die iberische und lateinamerikanische Geschichte darstellt. Einen weiteren Eindruck
von der Interessenvielfalt Günter Kahles gewinnt man auch mit dem im Anhang angeführten Schriftenverzeichnis
Günter Kahles, das von Karin Schüller zusammengestelltwurde. Es enthält sage und schreibe 103 Artikel, Monographien,
etc. Desweiteren hat Günter Kahle in 9 Zeitschriften ca. 150 Rezensionen veröffentlicht. Der Teil I (Politische Geschichte) des Buches beginnt mit einem Artikel von Felix Becker zur Legitimität des Entdeckers.
Der nächste Beitrag ist von Walter L. Bernecker und mit „Bartolomé de las Casas. Vom Kolonialisten zum Kolonialkritiker“ überschrieben. Er kommt zu einer sehr differenzierten Betrachtung von Las Casas. Dann folgt ein sehr spezieller Aufsatz von Bodo Spranz über „Nuño da Silva als Gefangener von Francis Drake auf Kaperfahrt um Spanisch-Amerika“. Etwas weniger speziell dann „Francisco de Miranda y Catalina II“ auf spanisch von Moisei S. Al´perovich. Dann folgt von Inge Buisson-Wolff „Vida individual y problemas estructurales: Un veterano venezolano de la guerra de independencia“. Etwas unverständlich ist, warum der Artikel auf Spanisch und nicht auf Deutsch abgedruckt ist.
Juan Villegas S.J. befaßt sich anschließend wieder mit einem sehr ausgefallenen Thema: „América en la correspon-dencia entre la corte española y su representación diplomática en Lisboa, 1824-25“. Manfred Kossok versucht dann
„Francia und das Rätsel der Diktatur während der Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika“, zu lösen. Hans-Otto
Kleinmann beschäftigt sich mit den deutschen Staaten und der Unabhängigkeit Lateinamerikas und Leopold Auer mit der Einrichtung österreichischer konsularischer Vertretungen in Brasilien. Josefina Zoraida Vázquez schreibt zum „Restabelecimento del federalismo en México“. Michael Zeuske befaßt sich mit dem Erfinder der heutigen kubanischen Nationalflagge Narciso López und den deutschen Freiwilligen in seiner gescheiterten Expedition von 1851-1852. Ein weiterer Artikel über europäisch-lateinamerikanische Beziehungen des 19. Jahrhunderts kommt von Waltraud Winkelbauer zu den Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Paraguay, 1880-1890. Dannach folgt der einzige portugiesischsprachige Artikel von João Medina über die koloniale Krise und ihre Konsequenzen für die beiden iberischen Mächte (1880-1890). Aktuelle Bedeutung gewinnt der Artikel von Ragnhild Fiebig-von-Hase zur Okkupation Haitis durch die USA 1915. Holger M. Meding schreibt über die außenpolitischen Weichenstellungen nach dem Umsturz von 1943 in Argentinien und Hans-Jürgen Prien über die Haltung der nichtka-tholischen Kirchen zum Revolutionsprozeß in Nicaragua.
Im zweiten Teil „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ finden wir Artikel über Ethnicity, social mobility and mestiza-je
in Spanish American colonial history (Magnus Mörner); die Landwirtschaft Brasiliens in der Kolonialzeit (HansPohl); Estrategias de sobrevivencia de una élite indigena (Scarlett O`Phelan Godoy); wirtschaftliche Aspekte der
Paulistaner Bandeiras (Georg Thomas); die Kreditfunktion der Kaufleute in Mexiko vor der Gründung der Banken
(Reinhard Liehr), Hamburg und Lateinamerika (Horst Pietschmann); die Struktur der deutschen Einwanderung in
Argentinien (Anne Saint Saveur-Henn); die Währungsre-form und Zahlungseinstellung in Chile (Lisa Glaser-Schmidt);
die Universität und Gesellschaft/Das Beispiel der Universidad católica de Chile (Ricardo Krebs) und über die
Archivos municipales en Argentina (Aurelio Tanodi). Im Teil Nr. III „Kultur- und Geistesgeschichte“ sind 9
Aufsätze u.a. zu folgenden Themen abgedruckt: Überlegung zur Funktion der Erinnerung an den 500. Jahrestag der „Ent-deckung“ Amerikas (Claus Bussmann); La „Historia Ge-neral de la Orden de Nuestra Señora de la Merced“ y la „Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España“ (José Antonio Barbón Rodríguez); Ein Bamberger Jesuit in
Ecuador (Hans-Joachim König); Literaturgeschichtsschrei-bung als nationale Aufgabe (Christian Wentzlaff-Eggebert);
Trujillos „Domicanización de la frontera“ (Frauke Gewek-ke). Der vierte Teil enthält 11 Artikel zur Rezeption Amerikas
in Europa. Diese sind Ausdruck einer der Tradition der Kölner Lateinamerikaforschung, sich mit der Aufnahme La-teinamerikas in Europa und insbesondere im deutschsprachigen Raum zu beschäftigen. Unter anderem finden wir
hier Artikel z.B. über „Die Moskitoküste oder der Reiz des Skurrilen. Reiseberichte aus der Zeit der englischen Pro-tektoratsherrschaft, 1739-1860“ (Barbara Potthast-Jukeit), „Das Amerikabild in den Leipziger Zeitungen zwischen dem
Siebenjährigen Krieg und der Französischen Revolution von 1789“ (Bernd Schröter), „Das Paraguaybild in der deutschen
Presse am Vorabend des Tripel-Allianz-Krieges, 1864-1870“ (Heinz-Joachim Domnick) und über „Leopold Contzen. Ein
Bürger der Kaiserzeit und Lateinamerika“ (Karin Schüller). Alles in allem eine beachtliche Ansammlung von 46 Artikeln
auf 877 Seiten. Für am besten gelungen halte ich Teil I und II. Einige Artikel erscheinen mir jedoch von ihrer Thematik
zu skurril und ausgefallenen, so daß sie für Regionalwissenschaftler von recht geringem Informationswert sind.
Etwas mehr an allgemeineren Artikeln hätte dem Buch gut getan. Man vermißt einen Anhang mit kurzen bibliographischen
Angaben zu den einzelnen Autoren, da viele dieser doch völlig unbekannt sind. Im Vorwort, das in einer deutschen und einer spanischen Version abgedruckt ist, steht: „Vor allem möchten die Her-ausgeber aber dem Jubilar danken, der nicht nur ihr akade-mischer Lehrer ist. Die Distanz mit der Günter Kahle seine eigene Tätigkeit und Position betrachten konnte, und seine ungewöhnlich große Toleranz haben uns auch menschlich geprägt und Freiraum für eigenständige Entwicklung geschaffen. Wir hoffen, ein Stück davon weitergeben zu können.“
Ich denke, daß dies den Herausgebern gut gelungen ist.

 Johannes Beck

Felix Becker, Holger M. Meding, Barbara Potthast-Jukeit,
Karin Schüller (Hrsg.); Iberische Welten; Bd. 22 der La-teinamerikanische
Forschungen (Beiheft zum Jahrbuch für
Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Latein-amerikas);
Köln, Weimar, Wien 1994; Böhlau Verlag; ISBN
3-412-12993-3; 148,- DM

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002