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Rezension:

- Gringo Viejo -

Der Roman des mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes bietet nicht nur eine einmalige Demonstration latein-amerikanischer Literatur und lateinamerikanischen Denkens, er bietet auch noch den direkten Vergleich zu unserer
westlichen Denk- und Schreibweise. Drei Personen treffen sich in den Wirren der mexikanischen Revolution. Die amerikanische Lehrerin Harriet Winslow, die nach Mexiko kam, um die Kinder einer Großgrundbesitzerfamilie
zu unterrichten und feststellen muß, daß die Familie vor der Revolutionsarmee geflohen ist, Tomás Arroyo,
der auf eben dieser Farm als illegitimer Sohn des Besitzers und einer Dienstmagd aufgewachsen ist, und nun
mit dem revolutionären Heer die Farm zerstört, und der alte Gringo, der seinen Beruf als Journalist und Schriftsteller in
den USA an den Nagel gehängt hat und nach Mexiko gekommen ist um zu sterben. Alle drei Hauptpersonen versuchen permanent ihre eigene Vergangenheit zu bewältigen, und instrumentalisieren hierfür die jeweils beiden anderen. Es entwickelt sich ein dichtes Netz von persönlichen Beziehungen und Herausforderungen, die die Ähnlichkeit der drei Lebenssituationen ebenso deutlich macht, wie es die Verschiedenheit ihrer Kulturen und die inneren und äußeren Grenzen zwischen ihnen sichtbar werden läßt. So geht es denn auch hauptsächlich immer wieder um eine Sache: Grenzen. Grenzen zwischen den Ländern USA und Mexiko, Grenzen zwischen den Kulturen, Grenzen zwischen den Personen und Persönlichkeiten. Und doch erscheinen uns die drei Hauptpersonen als zusammengehörig, fast wie eine Familie, aufs engste miteinander verbunden, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer so verschiedenen Charaktere und Hintergründe.
Die Thematik der Genzen und deren Überschreitung bzw. des Scheiterns an Ihnen wird in gewisser Weise auch in der
Form umgesetzt: Lange Sätze ohne rechtes Ende sind häufig, der Doppelpunkt ersetzt des öfteren den Punkt, und sym-bolisiert damit die Durchlässigkeit bestimmter Grenzen, bzw. deren Starre. Insgesamt liegt diesem Buch ein höchst interessantes Konzept zugrunde und ist sowohl thematisch als auch stilistisch als Leckerbissen der lateinamerikanischen Literatur zu bezeichnen. Desweiteren eignet sich der Autor Carlos Fuentes auch hervorragend als Thema für etwaige Seminare und vor allem Zwischenprüfungen, denn erstens ist er einer der, wenn nicht der wichtigste mexikanische Autor
überhaupt, zweitens existiert eine Unmenge an Sekundärliteratur über sein Werk, das übrigens z.T. auch im romanischen
Seminar präsent ist. Interessant ist die eingehende Lektüre der Werke Carlos Fuentes’ allemal, denn als Jurist
und Journalist, der schon mehrere diplomatische Ämter seines Heimatlandes innehatte bevor er sich vollständig derLiteratur widmete und an vielen der renommiertesten Universitäten der USA und Großbritanniens lehrte, ist er ein
wichtiger Zeitzeuge der lateinamerikanischen Gegenwart und bringt sein Insiderwissen sehr interessant an den Leser.

         Dirk Heinen

Carlos Fuentes: Gringo Viejo; Fondo de Cultura Económica
S.A. de C.V., 1985, Deutsche Übersetzung von Marianne
Bamberg erschienen bei Rowohlt unter dem Titel “Der
alte Gringo”.
Preis der deutschen Ausgabe: 7,80 DM

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002