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6- Übersicht|
Rezension:
- Geschichte Spaniens -
Von Walter L. Bernecker und Horst Pietschmann
Mit der Thronbesteigung des Habsburgers Karl I. entwickelten
sich enge kulturelle Beziehungen zwischen Deutschland
und Spanien. Nach dem Dynastiewechsel zu den Bour-bonen im 18. Jahrhundert
richtete sich Spanien stärker an
Frankreich aus, jedoch begann im 19. Jahrhundert eine erneute Hinwendung
zu Deutschland. Nach dem zweiten Weltkrieg
wandte man in Deutschland dem Spanien Francos kaum Interesse mehr zu und
in Spanien sank Deutsch als Wissenschaftssprache zur völligen Bedeutungslosigkeit
herab. Die Geschichtswissenschaft in beiden Ländern folgte in etwa
diesen Entwicklungssträngen. Seit dem 18. Jahrhundert wurden in Deutschland
in kurzen Abständen immer wieder Ge-samtdarstellungen der spanischen
Geschichte veröffentlicht. Die letzte publizierte aber 1939 von Richard
Konetzke unter dem Titel Geschichte des spanischen und portugiesischen
Volkes". Erst zu Beginn der 80er Jahre begann sich langsam ein Wandel
abzuzeichnen. 1984 legte dann Hartmut Heine seine Geschichte Spaniens
in der frühen Neuzeit, 1400-1800 vor und Walter L. Bernecker
begann gegen Ende der 80er, Über-blicksdarstellungen zur Spanischen
Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zu veröffentlichen. Vor einigen
Jahren konzipier-ten dann Prof. Dr. Walter L.
Bernecker, er lehrt Auslandswis-senschaft an der Universität Erlangen-
Nürnberg, und Prof. Dr.Horst Pietschmann, der Dozent für Iberische
und Lateinamerikanische Geschichte ander Universität Hamburg ist,
eine Gesamtdarstellung der spa-nischen neueren und neuesten Geschichte
auf Deutsch als Ersatz für ältere Darstellungen von Richard
Konetzke. Durcheine Flut neuerer Darstellungen zur spanischen Geschichte
verzögerte sich jedoch die Veröffentlichung der Geschichte
Spaniens" bis 1993.Im Teil 1 des Buches beginnt Horst Pietschmann
mit einer Darstellung der spätmittelalterlichen Geschichte Spaniens
und seiner Regionen. Er schildert den weit zurückreichenden Einheitsgedanken
Spaniens, der
auch Portugal einschloß, das aber in diesem Buch außen vor
bleibt. Fraglich ist die Behauptung, daß Spanien, und nicht
Portugal, das erste Weltreich der Neuzeit geschaffen hat. Die administrativen
Elemente Spaniens werden von Pietschmann stark beachtet. Er kommt zu einer
Neubewertung der Regierungszeit Karls II. Dabei ist er der Auffassung,
daß in der älte-ren Geschichtsschreibung die Kontinuitäten
aus dem späten 17. Jahrhundert bei der Betrachtung
des Neuanfangs des 18. Jahrhunderts übersehen wurden. Der Aufschwung
des 18. Jahrhunderts sei durch Reformen am
Ende des 17. Jahrhunderts vorbereitet worden. Als Beispiele nennt er die
sich in Richtung eines modernen Premierministers entwickelnde Institution
des königlichen Günstlings und die Abkehr vom Verwaltungssystem
der kollegialen Ratsbehörden.Im Instrument königlicher Kommissare
sieht er eine Vorstufe des späteren Intendanten- systems.Die neuere
Geschichts-schreibung befinde sich an einem Neuanfang der Bewertung der
Epoche Karls II., da zu vielen politik-, wirtschafts-, sozial-, kirchen-
und geistesgeschichtlichen Problemen noch keine Untersuchun-gen
vorliegen.Zum spanischen Erbfolgekrieg vermißt man eine erläu-ternde
Stammtafel. Die Stammtafel spanischer Könige, die
am Ende des Buches vorhanden ist, gibt zum Erbfolgekon-flikt nicht viel
her. Ebenso fehlen Karten zur Entwicklung
des Erbfolgekrieges, dagegen sind im zweiten Teil des Buches Karten zum
spanischen Bürgerkrieg vorhanden. Auch
fehlen Karten zu Spaniens europäischen Besitztümer (z.B. vor
und nach dem Erfolgekrieg) und zum überseeischen Ko-lonialbesitz.
Das Kapitel Die Reformpolitik des aufgeklärten Abso-lutismus
ist die erste überzeugende Gesamtdarstellung der bourbonischen Reformen
auf Deutsch. Zum Sieben-Dörfer-Krieg schreibt er, daß sich
die Jesuiten in Paraguay gegen die Durchsetzung eines Grenzver-trages
mit Portugal gewandt hätten. Jedoch liegen heute einige der ehemaligen
Jesuitenreduktionen auf argentischen Gebiet in der Provinz Misiones, so
daß man besser nicht (nur) von Paraguay sprechen sollte. Zusammenfassend
läßt sich über den Teil 1 des Buches von Horst Pietschmann,
der die Zeit bis zum Unabhängig-keitskrieg 1808 beschreibt, sagen,
daß er, zumindest verglichen mit dem Teil 2, sehr arm an Karten
und Tabellen
ist. Es gibt im ersten Teil lediglich 4 Karten (Überblickskarte Spanien,
Die wichtigsten Städte um die Mitte des 16.
Jahrhunderts, Regionale Bevölkerungsverteilung im 16. Jahrhundert,
Das Spanische Verkehrsnetz seit dem 16. Jahr-hundert), im zweiten Teil
dagegen 8 Karten, 10 Tabellen und 5 Schemata. Weiterhin kann man feststellen,
daß der
erste Teil mit 11 Kapiteln auf 185 Seiten etwas zu wenig gegliedert ist,
was ein schnelles Nachschlagen schwierig
macht. Im zweiten Teil kommen auf ebenfalls 185 Seiten 30 Kapitel. Auch
wäre es manchmal nicht verkehrt gewesen,
ein paar Absätze mehr einzufügen. Der von Walther L. Bernecker
verfaßte Teil 2 setzt mit dem Unabhängigkeitskrieg 1808 ein
und geht bis zu den spanischen Parlamentswahlen von 1993. Bernecker beginnt
mit der Problematik der Periodisierung, um dann auf den Volksaufstand
gegen die französische Besatzung, von dort stammt das Wort Guerilla,
einzugehen. Im Kapitel Arbeiter- und regionale Emanzipationsbewegungen
beschreibt er sehr gut die Gründung des PSOE, der besonders unter
baskisch-asturischen Arbeitern und in Madrid sowie Teilen Andalusiens
Rückhalt fand, sowie das Entstehen nationali-stischer Parteien und
Bewegungen in Katalonien (Lliga Regionalista de Catalunya) und im Baskenland
(PNV-Partido Nacionalista Vasco). Unter der Überschrift Zweite
Republik und Bürgerkrieg stellt er die Ursachen des Scheiterns
der spanischen Republik dar, die aufgrund der Appeasementpolitik der Westmächte
in ihrem Kampf gegen die deutsch-italienische Aggression weitgehend alleine
gelassen wurde. Ein Teil der neueren Forschung sieht in der Verabschiedung
der Religionsartikel die Entscheidung, mit der die Republik ihre Zukunft
aufs Spiel setzte. Der Bürgerkrieg wurde aufgrund seiner äußeren
Erscheinungsformen oft Religionskrieg genannt, jedoch wandte sich der
Antiklerikalismus der reformfreudigen Mittelschichten nicht gegen die
Kirche als Glaubensgemeinschaft, sondern als Verbündete der traditionell
Herrschenden. Dennoch fühlte sich die Kirche in ihrer Existenz bedroht
und sprach sich mehrheitlich gegen die Republik aus. Nach Meinung vieler
zeitgenössischer Beobachter und späterer Historiker wurde die
Religionsfrage zum wichtigsten Problem der Republik. Bernecker geht kaum
auf die durchaus kriegsentscheidende Hilfe Salazars für Franco im
spanischen Bürgerkrieg ein. Er erwähnt lediglich, daß
einige Tausend portugiesischer Soldaten, Lastwagenfahrer, Grenzpolizisten
und Polizisten auf der Seite der Nationalisten operierten. Die portugiesische
Nelkenrevolution wird von Bernecker als unblutig verlaufen bezeichnet.
Er übersieht dabei jedoch, daß es bei der Erstürmung der
Zentrale der PIDE (port. Stasi) mehrere Tote gab. Sonst verlief die Nelkenrevolution
jedoch weitgehend unblutig. Im Anhang folgt eine umfangreiche Bibliographie,
die jedoch nur nach Teil 1 und 2 aufgegliedert ist, was ihre Verwendbarkeit
leider deutlich einschränkt. Besser wäre es gewesen, wenn die
Titel den einzelnen Kapiteln zugeordnet gewesen wären. Auf die Literaturliste
folgt eine zehnseitige Zeittafel, die die spanische Geschichte überblicksartig
darstellt. Daran schließt sich eine zu gering geratene (die Erbfolgeproblematik
wird nicht deutlich) Stammtafel der
spanischen Könige an. Leider, und das ist das Hauptmanko des Buches,
ist nur ein Personenregister angefügt. Ein Orts-bzw. Sachregister
sucht man vergeblich. Dies schränkt die Nutzbarkeit des Buches als
Handbuch erheblich ein, was
sehr schade ist. Diese im Vergleich zum Nutzen recht ge-ringe Mehrarbeit
zur Erstellung eines Orts- und Sachregisters
hätten sich die Autoren wirklich machen sollen. Das bleibt noch bis
zur nächsten Auflage zu erledigen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Buch als erste
neuere Gesamtdarstellung der spanischen Geschichte voll überzeugt.
In ihm sind die umfangreichen internationalen Forschungen der letzten
Jahrzehnte vorzüglich auf-bereitet.
Die Geschichte Spaniens ersetzt somit glänzend längst
veraltete ältere (Konetzke) und weitgehend unzureichende
neuere (Heine) deutschsprachige Gesamtdarstellun-gen spanischer Geschichte.
Der zweite Teil von Walter L.
Bernecker überzeugt noch mehr als der erste Teil von Horst Pietschmann,
da er besser gegliedert, besser aufbereitet
(mehr Tabellen und Karten) und auch sprachlich überzeugender ist.
Abschließend könnte man sagen, daß dieses Buch
jede(r) RegionalwissenschaftlerIn besitzen sollte, wäre da nicht
der hohe Preis von € 35,- .Es ist auf jeden Fall eine
lohnenswerte Anschaffung. Uns bleibt nur noch die Frage: Wann kommt
ein solches Buch zur portugiesischen Ge- schichte?.
Johannes Beck
Walther L. Bernecker / Horst Pietschmann, Geschichte Spanens, Kohlhammer,
Stuttgart/ Berlin/ Köln 1993, ISBN 3-17-016188-1, 458 Seiten, €
35,-

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike
Oesterle am 08.06.2002
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