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Rezension:

- Revolution der Form -

„In dem Jahr damals trugen sie noch kurze Hosen, wir rauchten noch nicht, unter allen Sportarten zogen sie Fußball vor und wir lernten gerade Wellenreiten, vom zweiten Sprungbrett des >Terrazas< ins Wasser hechten, und sie
waren ungezogen, bartlos, wißbegierig, sehr behende, gefräßig. In dem Jahr damals, als Cuéllar ins Colegio Champagnat
eintrat.“ Der vielversprechende Anfang dieses kleinen Heftchens übertreibt nicht, hier wird nicht Literatur geschrieben, hier
wird Form zelebriert. Doch zuerst zum Plot: Junge wird in der Schule von einer Dogge kastriert, kann sein Defizit zunächst
durch sportliche Leistungen kompensieren, scheitert jedoch kläglich an seiner Pubertät und vor allem an der Gesellschaft um ihn herum, die nicht fähig ist, ihn in sich einzugliedern. Schauplatz ist Miraflores, ein gutbürgerli-cher Vorort von Lima, in dem die wohlbehütete und recht verzogene Jugend so richtig ihrem pubertären Machismo frönen kann, der gleichzeitig Crux und Kompensation der Hauptfigur ist. In dem Buch „Die jungen Hunde, Schwanz Cuéllar“ von Mario Vargas Llosa wird exzellent ein Lebenslauf geschildert, der mehrere Personen gleichzeitig umfaßt. Das Leben der Gruppe um Schwanz Cuéllar wird von der frühen Jugend bis ins mittlere Alter verfolgt und exemplarisch in seine Phasen von der Jugend über die Pubertät bis über die einsetzende Midlife-Crisis hinaus eingeteilt. Dreh- und Angelpunkt ist jedoch das Schicksal von Cuéllar, Spitzname Schwanz, der der wichtigsten Eigenschaft seines Jungendaseins, seiner Männlichkeit, beraubt ist. Nicht nur die al-lein auf den ersten Blick oberflächliche Psychologie in Vargas Llosa’s nur knapp sechzig Seiten umfassendem Werk fasziniert nach ein paar Leseseiten, nicht nur seine exzellente Beschreibung der bürgerlichen Mittelschicht Limas
fesselt wegen der unterschwelligen Gesellschaftskritik, das wichtigste in diesem Büchlein ist immer die Form.
Man könnte dieses Buch als eine Etüde betiteln, in der neue Formen der Erzählung ausgetestet werden, die Umsetzung
von multiperspektivischem Erzählen versucht wird und gleichzeitig bis zur Meisterschaft gelangt. Hier wird gleichzeitig der aktuell lebendigen Sprache gehuldigt, die sich in ihrer Alltäglichkeit nicht auf eine einzige Perspektive beschränkt, und Comic-Lautmalerei in den Stil miteingebunden. Wenn man in Betracht zieht, daß dieses revolutionär zu nennende Formal-Experiment in eine fesselnde psychologische Studie eingebunden ist, ohne im entferntesten künstlich oder gestellt zu wirken, dann erkennt man daran den wirklich großen Erzähler, der überall zu Hause ist, und sich trotz Neuerungen und Experimenten niemals wirklich verirrt. Wer eine stringente Perspektive in der Erzählung gewöhnt ist, der wird zunächst Schwierigkeiten haben, das Gesche-hen in diesem Roman zu verfolgen. Hat man sich aber erst einmal eingelesen, muß man zugeben, daß der Begriff Authentizität mit dieser Erzählung Vargas Llosa’s eine neue Bedeutung innerhalb der Literatur gewonnen hat. „Von wegen, dir gefallen nur die anständigen Mädchen nicht, sagten sie, und er als Freundinnen durchaus, und sie bloß die Cholas, die Halbseidenen, die Gaunerinnen und, unvermittelt, fing Schwänzchen an, dddoch gefffielen ihm
schon, die anstttändigen Mäddddchen, zu stottern, nnnnur ebebeben dir dürre Gagagagamio nicht, sie hast schon wieder
Federn und er außeraußeraußerdem war kkkkeine Zeit wegen der Prüfffungen und wir laßt ihn in Ruhe, kamen
ihm zu Hilfe, ihr überzeugt ihn nicht, er hatte eben seine kleinen Geheimnisse, beeil dich Bruderherz, schau wie die
Sonne scheint, die >Herradura< glüht bestimmt, gib Gas, damit der mächtige Ford rast.“

 

 Dirk Heinen

Mario Vargas Llosa: Die jungen Hunde; Suhrkamp Taschenbuch
1841, € 5,50 , im spanischen Original: Los Cachorros
(Pichula Cuéllar).

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002