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6 - Übersicht|
Rezension:
- Lateinamerika am Ende
des 20. Jahrhunderts -
Am Ende dieses Jahrhunderts ist Lateinamerika in eine Randlage
der Weltpolitik geraten. Bei einer oberflächlichen
Betrachtung erscheint die Region befriedet zu sein. Bei genauerem Hinsehen
zeigt sich jedoch das Bild eines Kontinents
dem verlorenen Jahrzehnt der Achtziger der Übergang zu mit der sogenannten
Ersten Welt konkurrenzfähigen
Marktwirtschaften gelingen wird. Die ökologische Zukunft des Kontinents
liegt völlig im Dunkeln.
Der Sammelband Lateinamerika am Ende des 20. Jahrhunderts
versucht in 11 Artikeln, eine kritische Bilanz der
Entwicklungsprobleme und -aussichten Lateinamerikas zu ziehen. Ein Schwerpunkt
wird dabei auf die Themenbereiche
Politik, Wirtschaft und Umwelt gelegt. Das Buch ist ein Beispiel an interdisziplinärer
Zusammenarbeit.
Hier werden Beiträge von Historikern, Ökonomen, Soziologen und
Politologen vereint. Warum ist so etwas
an der Universität Köln nicht möglich? Wir haben zwar den
interdisziplinären Regionalstudiengang zu Lateinamerika,
aber anscheinend nicht die richtigen, zu interdisziplinärer Kooperation
bereiten Professoren. Stattdessen liefert
uns die Universität Heidelberg, an dem das Herausgebertrio lehrt
(Detlef Junker ist Professor für Neuere Geschichte,
Dieter Nohlen Professor für Politik und Hartmut Sangmeister Privatdozent
für VWL), dieses Buch. Diese Professoren
könnten wir besonders im Bereich Politik in Köln
sehr gut gebrauchen. Dies wäre bei der momentanen Ver-nachlässigung
Lateinamerikas im Politischen Institut eine wirkliche Bereicherung. Im
ersten Beitrag Lateinamerika zwischen Diktatur und Demokratie
befaßt sich Dieter Nohlen mit der politischen Instabilität
als einer der auffälligsten Charakteristika der politischen Entwicklung
des Subkontinents. Zunächst gibt Nohlen einen groben Überblick
über die Entwicklung der Herrschaftsformen in den verschiedenen Ländern
Lateinamerikas seit der Unabhängigkeit. Dann versucht er, die häufigen
Regimewechsel zu erklären. Er nennt mehrere Hauptursachen: Zum einen
die iberisch-katholische autori-täre Tradition, die noch heute in
den autoritären Gesell-schaftsstrukturen fortwirke und diese Gesellschaften
für
Diktaturen besonders anfällig mache. Zum anderen die mangelnde Entwicklung
der Sozialstruktur. In agrarischen
Gesellschaften, gekennzeichnet durch kleine Oberschichten, kaum entwickelte
Mittelschichten und in Armut lebende
Unterschichten, die das Gros der Gesellschaft ausma-chen, sei keine Demokratie
zu errichten. Desweiteren der
sogenannte externe Faktor und hier besonders die Einmischung der USA.
Abschließend fragt er nach den Perspektiven
für das Überleben der Demokratie in Lateinamerika. Für
ihn spricht vieles für die Aufrechterhaltung der Demokratie,
teils aus Gründen, die in historischen Erfahrungen und in politischen
Innovationen liegen, teils aufgrund man-gelnder
Attraktivität oder Durchsetzungschancen diktato-rischer Lösungen.
In der Alternative zwischen instabilen
und konsolidierten Demokratien sei die gegenwärtige und zukünftige
Frage, ob es den Demokratien Lateinamerikas
in der Phase mangelnder Alternativen zur Demokratie gelingt, sich trotz
der enormen wirtschaftlichen und sozialen
Herausforderungen weiterzuentwickeln und zu stabilisieren. Erst dadurch
würde dauerhaft der zyklischen politischen
Entwicklung der Region zwischen Diktatur und Demokratie Einhalt geboten.
Die nächsten beiden Beiträge versuchen, die lateinamerikanische
Entwicklung aus einer Außenperspektive zu erklären.
Sie behandeln Nord- und Südamerika zugleich. Hans-Jürgen Puhle,
er ist Professor für Politikwissenschaft
an der Universität Frankfurt, vergleicht im ersten Beitrag die Unabhängigkeit,
Staatenbildung und gesellschaftliche
Entwicklung in Nord- und Südamerika. Etwas merkwürdig ist, daß
er Football als quasi-militärisches Ritual bezeichnet.
Sonst überzeugt der Artikel stärker in seiner Argumentation
zu Nordamerika als zu Lateinamerika. Sie ist bezüglich
der USA schlüssiger und differenzierter. Der zweite Beitrag von Detlef
Junker hat die Beziehungen zwischen
der dominierenden Hegemonialmacht USA und ihrem so-genannten Hinterhof
zum Thema. Seien Grundthese ist,
daß es eine erstaunliche, immer wieder überraschende Kontinuität
der Motive, Rechtfertigungen und Zielsetzungen der
US-Lateinamerikapolitik seit Anfang des 19. Jahrhunderts (Monroe-Doktrin
von 1823) bis zur Gegenwart gibt. Für
viele Staaten Mittelamerikas und der Karibik gilt auch heu-te noch, was
ein mexikanischer Politiker am Ende des 19.
Jahrhunderts sagte: Pobre Mexico tan lejos de Dios y tan cerca de
los Estados Unidos.
Zwei große Probleme Lateinamerikas, die Gewalt und die Verschuldung,
sind Themen der beiden folgenden Auf-sätze.
Im ersten Beitrag beschreibt Peter Waldmann, Professor für Soziologie
und Sozialkunde an der Uni Augsburg,
die staatliche und parastaatliche Gewalt als Repressionselement. Einen
besonderen Schwerpunkt legt er dabei
auf Brasilien und Argentinien. Hartmut Sangmeister analysiert in dem zweiten
Beitrag die Verschuldungsproblematik
und die soziale Schuld der lateinamerikanischen Gesell-schaften.In Soziale
Entwicklung und Demokratie in Lateinamerika
zu Beginn der neunziger Jahre geht Bernhard Thibaut, wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Politische
Wissenschaft der Universität Heidelberg, auf den Zu-sammenhang von
Armut und Demokratie ein.
Renate Rott, Professorin für Soziologie am Lateinamerika- Institut
der Freien Universität Berlin, thematisiert die
Stellung der Frau in Lateinamerika. Sie beschäftigt sich besonders
mit der Entwicklung der Frauenarbeit, den Bil-dungschancen der Frauen
und ihrem Einfluß auf die Politik. Die beiden folgenden Beiträge
befassen sich mit der Wirt-schaft. Klaus Eßer, wissenschaftlicher
Mitarbeiter des Deutschen Institutes für Entwicklungspolitik, analysiert
die radikale
wirtschaftspolitische Neuorientierung, die neoliberale Wirtschaftspolitik.
Hartmut Sangmeister stellt den gemeinsamen
Markt MERCOSUR Argentiniens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays vor. Die
Verwendung der Umweltpolitik als politische Waffe durch Brasilien untersucht
Martina Müller, Doktorandin im Fach Politische Wissenschaft an der
Universität Heidelberg. Im Schlußartikel Trotz allem:
Demokratie Zur politischen Entwicklung Lateinamerikas in den neunziger
Jahren greifen Dieter Nohlen und Bernhard Thibaut das De-mokratiethema
wieder auf. Sie wenden sich dabei gegeneine vorschnelle Kritik an der
Demokratie, welche die schwierigen Bedingungen ihrer Einübung, wirtschaftlichen
und sozialen Leistungen sowie ihrer Vertiefung und Ver-wurzelung verkennt.
Auch unter den gegenwärtigen wirt-schaftlichen, sozialen und politischen
Herausforderungen in Lateinamerika ist und bleibt die Demokratie die normative
Option. Dann folgt ein Glossar, in dem einige wichtige Begriffe und Abkürzungen
wie ALADI (Asociación Latinoameri-cana de Integración),
CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el
Caribe) oder UNEP (United Nations
Environment Programme) erklärt werden. Am Ende des Buches stehen
ein Personen- und Sachregister,
das die Nutzung des Buches als kleines Nachschlagewerk ermöglicht,
und das Autorenverzeichnis.
Fazit: Eine gelungene interdisziplinäre Analyse des Zustandes Lateinamerikas
am Ende des 20. Jahrhunderts.
Warum kann so etwas nicht einmal an der Universität zu Köln
entstehen?
Johannes Beck
Detlef Junker/Dieter Nohlen/Hartmut Sangmeister (Hrsg.):
Lateinamerika am Ende des 20. Jahrhunderts, München
1994, 273 Seiten mit 6 Abbildungen und 12 Tabellen,
Beck´sche Reihe 1062, ISBN 3-406-37452-2; € 12,50

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike
Oesterle am 08.06.2002
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