|Portuñol 6 - Übersicht|

Rezension:

- A desordem do progresso -

Analysen lateinamerikanischer Gesellschaften gibt es viele, besonders jene, die genau wissen, wie man alles hätte
besser machen können und die doch nicht fähig sind einen echten Ausweg aus der oft ausweglos scheinenden Situation
des jeweiligen Landes zu offerieren. Der Kreis um Cristóvam Buarque, brasilianischer Soziologe,
jedoch bringt mit dem Buch „A desordem do progresso“ ein Buch heraus, das nur als mutig bezeichnet werden
kann. Hier werden zwar auch gnadenlos Irrtümer in der politischen sowie ökonomischen Vergangenheit Brasiliens auf-gezeigt, und zwar in oft schonungsloser Härte. Was das Buch jedoch so interessant wie authentisch macht, ist die gna-denlose Miteinbeziehung der eigenen Ideologischen Heimat, der brasilianischen Linken in diese Kritik, und zwar
aus Sicht derselben. Hier schreibt nicht irgendein konservativer Technokrat um ausländische Modelle zu lobpreisen, es ist auch kein Ausländer, der eher die Interessen der Multis als die Brasiliens im Hinterkopf hat. Hier schreibt ein Brasilianer, der aus der Linken kommt die er kritisiert, der sich selbst kritisiert - und das tut weh. Es ist ein Rundumschlag quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche, in dem die resistenten Übrigbleibsel des Kolonialgeistes der Brasilianer dargestellt werden, sei es festgemacht an der Sprache, am Bildungssystem, an derWirtschaft, der Politik oder an irgendeinem anderen gesell- schaftlich releventen Thema. Dieses Buch besitzt weder die Naivität noch den unsäglichen Zynismus vieler solcher Publikationen ein Patentrezept für alle Probleme parat haben zu wollen, mit dem sämtliche Unpäßlichkeiten der brasilianischen Realität auf einen Streich aus der Welt geschafft werden könnten. Im Gegenteil, es scheint man ist sich der Unzulänglichkeit seiner eigenen Arbeit sehr wohl bewußt. Gerade dies jedoch macht die Glaubwürdigkeit dieser Publikation aus, die Schwächen und Fehler aufzeigt, um zu versuchen, mögliche Alternativen aufzuzeigen, um dazu anzuregen, an dieser Diskussion teilzunehmen, und um die Mitarbeit zu werben. Hier werden jede Menge Fragen gestellt, deren Beantwortung der Zukunft vorbehalten bleiben muß, die jedoch einen notwendigen und ungeheuer interessanten Beitrag zur Diskussion der Situation lateinamerikanischer Länder allgemein leistet. Wer an Literatur abseits des allgemeinen Lehrbetriebs und abseits heiliger politischer wie ökonomischer Dogmen interessiert ist, wer sein Studium um die unkonventionelle Sichtweise eines Lateinamerikaners bereichern möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

 Dirk Heinen

Buarque, Cristóvam (Hrsg): A desordem do progresso,
Editora Paz e Terra, Brasília

|Portuñol 6- Übersicht|


Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002