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Rezension:

- Chico Buarque: Der Gejagte -

Francisco Buarque de Holanda wurde 1944 in Rio de Janeiro als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Im Elternhaus in São Paulo ging der berühmte brasilianische Songtexter Vinicius de Moraes ein und aus. Erst mit der Bewegung der Bossa Nova Ende der 50er Jahre fand Chico Gefallen am Gitarrenspiel, deshalb bezeichnet er sich auch als Kind der Bossa Nova. Seit seiner Jugend hatte Chico linke Ideen. Im Colégio de Santa Cruz, an dem er Architektur studierte, war er während der Cuba-Krise 1962 der einzige Student, der zu Fidel Castro hielt. 1966 kandidierte er für die
Präsidentschaft an seiner Fakultät und im gleichen Jahr wurde er bereits mit 23 Jahren Ehrenbürger von São Paulo.
Zum ersten Male trat er in einer Bossa-Nova-Show am Colégio Santa Cruz auf. Später übernahmen andere Interpreten
seine Kompositionen und Chico nahm an diversen Shows teil. 1966 plazierte sich Chico Buarques „A Banda“ beim zweiten MPB-(Música Popular Brasileira) Festival der TV Record an zweiter Stelle hinter „Disparada“ von Geraldo Vandré und Théo de Barros. Mit seinen LP`s wie „Construção“ oder „Sinal Fechado“ feierte er große nationale und internationale Erfolge. Mittlerweile gehört er zu den berühmtesten brasiliani-schen Sängern. Zumindest anfangs waren die
Texte Chicos von den französischen Chansons beeinflußt. Seine musikalische Basis bilden traditionelle brasilianische Formen wie Samba, Marcha-Rancho, Marcha und Choro. Er sieht sich selbst in der Tradition namhafter brasilianischer Komponisten wie Noel Rosa, Ary Barroso und den Sambistas der Escolas de Samba.Viele der erfolgreichen Lieder Chicos stammen aus Musicals und Theaterstücken, die von ihm verfaßt wurden.Ihm gelang es erstmals - im Gegensatz den meisten anderen Musikern der engagierten Sambas und Protestlieder -, die unteren Volksschichten anzusprechen. Nicht zuletzt deshalb setzte die Zensur bei ihm besonders harte Maßstäbe an.
Nach dem Institutionellen Akt Nr.5, der die Zensur in Brasilien institutionalisierte, wurde Chico im Dezember
1968 von der Polizei verhaftet und durfte nur mit Genehmigung São Paulo verlassen. Dies wurde ihm im Januar
1969 für die phonographische Messe Midem in Cannes gestattet. Nach dem Besuch der Messe fuhr er mit seiner
Frau Marieta nach Itali-en ins Exil, aus dem erst im März 1970 nach Rio zurückkehrte. Soweit zu Chico Buarque den Musiker, von dem man aber, wie selbst betont, Chico Buarque den Schriftsteller trennen muß. Seiner Aussage nach lassen sich keine Rückschlüsse von der Musik auf seine Bücher und umgekehrt ziehen. Sein zweiter Roman„Der Gejagte“ wurde in Brasilien auf Anhieb zum Bestseller mit zehntausenden verkaufter Exemplare und in alle Weltsprachen übersetzt.
Das Buch trägt den portugiesischen Originaltitel „O Estorvo“ (=Die Störung) und ist bei der Editora Schwarcz in São
Paulo erschienen. Die deutsche Übersetzung besorgte Karin von Schweder-Schreiner, die kürzlich auf der Frankfur-ter Buchmesse einen Übersetzerpreis erhielt. Die Übersetzung ist sehr gut, lediglich hätte sie vielleicht manchen por-tugiesischen Eigennamen übersetzen sollen. „Carvalho“ als „Carvalho“ stehen zu lassen, statt es mit dem deutschen
Wort „Eiche“ zu übersetzen, ist nicht sehr glücklich. Chico entführt uns in seinem Roman in ein Rio de Janeiro
- die Stadt wird zwar nie erwähnt, aber aus den Ortsbeschreibungen kann man schließen, daß es sich um Rio handeln
muß -, ein Rio jedoch, das wenig mit dem Tourismusklischees von schönen Stränden, heißen Karnevalspartys und
schönen Mulattinnen zu tun hat. Die Geschichte beginnt damit, daß irgendein Typ an der Tür des Erzählers klingelt. Der Erzähler schaut durch den Türspion, der Typ kommt ihm zwar bekannt vor, er kann ihn aber nicht einordnen. Er wartet bis der Typ wieder weg geht und rennt dann aus dem Haus. Die Flucht hat begonnen. Anschließend begibt er sich zum Haus seiner Schwester, eine abenteuerlich anmutende Glaspyramide, um dann mit dem Bus zum sítio (Landsitz) „Posto Brialuz“ der Familie in die nahegelegenen Berge zu fahren. Dort wird er jedoch wieder von Motorradfahren,Motorradfahren,
die sich in der langen Zeit, in welcher der Landsitz verwahrlost leerstand, dort eingerichtet haben, vertrieben.
So fährt er wieder in die Stadt zurück und besucht seine Ex-Frau in der Boutique, in der sie arbeitet, und bittet sie um
Hilfe. Sie gibt ihm ihren Wohnungsschlüssel. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung kommt er am Haus eines Freundes vorbei.
Dort herrscht gerade ein großer Menschen- und Medienauflauf aufgrund eines Mordes, der dort geschehen ist. So gibt er
den Vorsatz auf, seinen Freund nach Jahren wieder einmal aufzusuchen. Schließlich kommt er in der Wohnung seiner Ex-Frau an, in der er ein unbeschreibliches Chaos anrichtet. Als sie in ihre Wohnung zurückkehrt findet sie ihn inmitten des Chaos schlafend vor. Er läuft davon und kehrt in die Wohnung seiner Schwester zurück, in der gerade eine Party stattfindet. Im Durcheinander der Party nutzt er die Gelegenheit und stiehlt den Schmuck seiner Schwester. Mit diesem Schmuck fährt er erneut im Bus zum sítio in die Berge. Während der Busfahrt sitzt neben ihm eine Leiche. Auf dem sítio angekommen verscherbelt er den Schmuck an einige zwielichtige Typen und bekommt als Belohnung einen Koffer voller Marihuana. Mit diesem Koffer fährt er wieder in die Stadt zurück. Diesmal begibt er sich zur Wohnung seiner Mutter, die ihm aberdie ihm aber nicht öffnet. Erläßt den Koffer dort stehen und geht weg, um bald wiederzukommen und den Koffer wieder mitzunehmen. Dann gehter zur Wohnung eines Freundes, wo ihm der Koffer aufplatzt. Ohne den Koffer und seinen gefährlichen Inhalt flüchtet er zur Boutique seiner Ex-Frau. Dort wird er nicht eingelassen woraufhin er die Glastüre der Boutique zertrümmert. Er wird von einem Auto zum Haus seiner Schwester mitgenommen, die aber inzwischen verreist ist. So sieht er seinem Schwager beim Tennisspielen zu und unterhält sich mit ihm über einen Überfall auf seine Schwester, bei dem sie vergewaltigt wurde. Später kommt noch ein Polizeikommissar in das Haus, der Nachforschungen zum Überfall auf seine Schwester anstellt. Zusammen mit dem Kommissar fährt er in einem Taxi zum sítio, wo die Eindringlinge fest-genommen werden. Der vermißte Schmuck der Schwester wird wiedergefunden. Der Schluß soll hier nicht verraten werden. Von dem Stakkatorhythmus der Sätze Chicos geht eine Faszination aus, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Man ist versucht das Buch in einem Schwung durchzulesen und beim Lesen könnte man fast den Eindruck gewin-nen, daß Chico es auch in einem Rutsch geschrieben hat, obwohl er über ein Jahr gebraucht hat, um die 144 Seiten zu ver-fassen. Er hat seiner Aussage deshalb so lange gebraucht, weil er „jeden Absatz mindestens zehnmal umgeschrieben hat“. Mit seinem Roman entführt er uns in ein Brasilien, daß von der Gewalt gekennzeichnet ist. Überfälle, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung und werden von den Akteuren als normal betrachtet. Phasenweise kommt man sich wie im Film „Avenida Brasil“, der das düstere und brutale Leben in den Favelas von Rio zeigt, vor. Sein Brasilienbild ist weit entfernt von den Klischees der Prospekte der einschlägigen Reiseveranstalter.Wir dürfen auf das nächste Buch von Chico Buarque gespannt sein, das er gerade schreibt. Wer nicht solange auf Chico Buarque den Schriftsteller warten will, kann sich ja von Chico Buarque dem Musiker die kürzlich erschienene CD „Para todos“ kaufen, was auch sehr lohnenswert ist.

 Johannes Beck

Chico Buarque: Der Gejagte, Roman ( Original: Estorvo, Editora Schwarez, São Paulo 1992 ), Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner, 144 Seiten, gebunden, Hanser Verlag, Hamburg 1996, € 14, 90

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 08.06.2002