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- Quo Vadis, Mexico? -

Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, und nicht nur dort, ist der Teufel los!
Worum geht’s und was geht’s uns an?

Der mexikanische Bundesstaat Chiapas liegt im Süden des Landes, an der Grenze zu Guatemala. Es ist traditionell ein Landstrich, der von der Revolution von 1914 fast unberührt geblieben ist, da hier die von der Partei der institutionellen
Revolution (PRI) festgelegte Obergrenze für privaten Landbesitz von 300 Hektar durch rechtzeitige Überschreibung auf Strohmänner und Familienmitglieder umgangen wurde, so daß er noch heute eine extrem hohe Bodenkonzentration
aufweist. Die Region weist einen großen Agrar-Reichtum auf, da hier Kakao, Kaffee, Weizen und Baumwolle angepflanzt werden. Der Bundesstaat Chiapas gehörte früher zu Guatemala, die separatistischen Tendenzen der Großgrundbesitzer
(GGB) haben sich bis heute gehalten, da sie nicht für den Zentralstaat, sondern in die eigene Tasche wirtschaften wollen.
Die geschichtlichen und wirtchaftlichen Voraus-setzungen bringen es mit sich, daß die immer noch mächtigen GGB die Wirtschaft in diesem Teil Mexikos kontrollieren. Die Region hat einen Indianer-Anteil von ca. 50%, die einen starken kulturellen Einfluß ausüben, wirtschaftlich jedoch stets die Verlierer der jeweiligen Politik waren, da sie in den Programmen der Regierung nicht berücksichtigt wurden. Indios wurde jedoch keine Rücksicht genommen, ihre hauptsächlich auf Subsistenz ausgerichtete Landbebauung litt unerträglich unter der Industrialisierung und der neuen Konkurrenz. Der
in der Revolution entstandene Artikel 27. der Verfassung über kollektive Landnutzung wurde in Verhandlungen mit den USA und Kanada gestrichen, mit der Konsequenz, daß dieses von Indios bebaute Kollektivland nun an Kapitalisten
verkauft wurde, den Indios die Lebensgrundlage entzogen wurde.Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet vorerst
das Inkrafttreten des Vertrages über die nordamerikanische Freihandelszone zwischen USA, Kanada und Mexiko (NAFTA) am 1.1.94.
Hierin werden faktisch die Grenzen für den freien Güterverkehr der beteiligten Nationen abgebaut, ausgeschlossen blieb, zumindest vorerst, nur das Erdöl. Für die Indios aus Chiapas bedeutet dies praktisch den Wegfall ihrer letzten Überlebenschance in ihrer kulturellen Identität, da sie nun nicht mehr mit der billigen landwirtschaftlichen, stark
subventionierten Produktion aus den USA und Kanada konkurrieren können, und ihnen nur noch das Los bleibt, am Rande der Großstädte in den Elendsvierteln ein Leben zu fristen, ein Trend der in den letzten Jahren verstärkt zugenommen hat. Der Tag des Inkrafttretens der NAFTA wurde daher von den Aufständischen auch zum Anlass genommen, den Krieg gegen das System auszurufen und zu den Waffen zu greifen (siehe Erklärung der EZLN in diesem Heft). Die Frage stellt sich nun, wie kann in der „Demokratur“ Mexiko, die ein ausgefeiltes Überwachungssystem durch Integration des Großteils der Administration in die PRI besitzt, sich eine Guerilla unbemerkt formieren, und zwar über einen langen Zeitraum von mehreren Jahren, der für die überraschend gute Organisation einer solchen Bewegung notwendig ist?

Die Existenz der EZLN war bekannt!

Die Bewegung, die am ersten Januar diesen Jahres in Mexiko den Krieg ausgerufen hat, existiert in ihrer Vorbereitungsphase nach eigenen Angaben schon 10 Jahre. Im Zeichen des indianischen Revolutionsführers Emiliano Zapata, der während der Revolution starb und noch heute vom Volk verehrt wird, formierte sich die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (Ejercito Zapatista de la Liberación Nacional/EZLN) hin zu einem ungewöhnlichen Organisationsgrad, der es ermöglichte, scheinbar ohne Wissen der Geheimdienste, gut mit Waffen, Sprechfunk und
Uniformen versorgt, am Jahresanfang loszuschlagen, mehrere Städte zu besetzen und einen Ex-Gouverneur gefangen zu nehmen.Sogar der Militärstützpunkt von San Cristóbal de las Casas mit über 3000 Soldaten wurde angegriffen und ein Gefängnis gestürmt. Die Organisation läßt es unwahrscheinlich erscheinen, daß diese Organisation in ihrem Aufbau unbe-merkt blieb. Der CIA soll davon gewußt haben, nach verschiedenen Anschlägen im letzten Jahr hatte die Regierung Maxikos mit Sicherheit Kenntnis von den Gruppen im Untergrund. Seit der rasante wirtschaftliche Aufschwung
Mexikos in den 80’er Jahren durch die Schuldenkrise gestoppt wurde und die große Unzufriedenheit der Mittelschichten einsetzte, waren Oppositionsgruppen entstanden, die sowohl im offiziell politischen - wie die sich aus Überläufern der PRI konstituierende Demokratische Revolutionspartei (PRD) - als auch im außerparlamentarischen Bereich aktiv wurden.
Auch war im vorigen Jahr bei der Entführung eines GGB der Name einer nach Emiliano Zapata benannten Gruppe gefallen - Die PRI war also auf keinen Fall unwissend. Das Motiv, warum die PRI nicht entschiedener gegen diese Gruppen vorging, sondern sie im Gegenteil noch in ihrer Bedeutung herunterspielte ist wahrscheinlich in den laufenden NAFTA-Verhandlungen zu suchen. Niemand wollte dieses Freihandelsabkommen gefährden, eine unsichere innenpolitische Lage durfte nicht existieren.

Kirche als Sündenbock

Die Entstehung der EZLN mit ihrem perfekten Organisationsgrad legt die Vermutung nahe, daß hier nicht nur Indios sich selbst organisiert haben, sondern von intellektuellen Kreisen gesteuert werden. Dieses Argument ist übrigens klassisch,
es taucht bei Entstehen jedweder sozialer Bewegung in Lateinamerika auf, um ihr den Boden der Legitimität zu entziehen.
Da sich die Guerillas der EZLN von ausländischen Einflüssen distanzieren (siehe Erklärung) muß die Kirche als Sündenbock herhalten. Hier tritt wieder einmal die standardisierte Interessensunion von Rom und dem jeweiligen totalitären Staat in Aktion. Der Bischof und Befreiungstheologe Samuel Luiz soll, obwohl er sich ausdrücklich von jeder Gewaltanwendung distanzierte, der geistige Kopf der Aufständischen sein. Schon voriges Jahr versuchte der Nuntius, mit Unterstützung Roms und der PRI, den Bischof vor dem mexikanischen Episkopat zu diskreditieren, was jedoch nicht
recht gelang. Heute wird der Bischof, der erklärter Anwalt der Indios in Chiapas ist, als einziger legitimer Verhandlungspartner von (fast) allen anerkannt -hier spielt wohl auch eine Menge Kälkül von seiten der PRI mit, die sonst keine Verhand-lungsbasis mit der EZLN fände. Trotzdem drängen sich Vergleiche mit Haiti, wo Rom der einzige Staat der Welt ist, der die Putschregierung anerkannte - Aristid ist, der Zufall will es so, ein sehr exponierter Befreiungstheologe
- oder Brasilien, wo in der Zeit der auslaufenden Militärdiktatur die Befreiungstheologen und Bischöfe Arns, Helder Câmara und Lorscheider von Rom diszipliniert wurden/ werden sollten. Auch hier spielte deren Rolle in der oppositionellen Guerilla die entscheidende Rolle für das Verhalten Roms. Wie auch immer die Verstrickungen von Kirche und Staat sein in Mexiko mögen, die Zeit der Zusammenarbeit des Vatikans mit menschenrechtsverletzenden Diktaturen ist leider noch nicht
vorbei, und der Einfluß Roms in den zum überwältigenden Teil katholischen Nationen wird immer wieder mißbraucht und schwindet leider nur langsam.

Die ersten Tage...

Als der Aufstand anfing, war der Überraschungsmoment der Vorteil der Guerilleros. Es wurden Gericht, Polizei und Rathaus von San Cristóbal besetzt, Akten vernichtet oder auf die Straße geworfen, damit die Bevölkerung sich ein
Bild von der Korruption in der Administration -im Zuge der touristischen Aufrüstung der Region - machen konnte. Desweiteren wurden Farbfotos von barbarisch zugerichteten Indios hinterlegt, Opfer der Auseinandersetzungen
zwischen ihnen und den GGB der letzten Jahre. Das Rathaus von San Cristóbal wurde besetzt, den ausländischen Ansässigen wurde empfohlen, das Gebiet zu verlassen, da Kampfhandlungen mit der Armee erwarte wurden (diese Ausländer, die den indianischen Süden Mexikos als Tourismusspektakel gemacht hatten, waren wohl die am meisten überrumpelten und gerieten in Panik). Es sollten Busse und PKW organisiert werden, um die gafährdete Zivilbevölkerung zu evakuieren. Apotheken und Lebensmittelläden wurden geplündert und die Enteigneten Arzneien und Naturalien verteilt, und der Subcommandante Marcos hielt eine Rede auf dem Platz vor dem Rathaus San Cristóbals, die viel Beifall bei den
anwesenden 4 - 5000 erhielt. Die für den nächsten Tag um 6 h geplante Versammlung zwecks Organisation der
Evakuierung fand nicht statt, da inzwischen die Guerilleros abgezogen waren und das Gefängnis gestürmt hatten um die Gefangenen freizulassen. Hiernach wurde die mit 3000 Soldaten belegte Kaserne der Armee angegriffen, was die
Besetzung des Stadtzentrums durch die Armee und den Einsatz von Kampfhubschraubern und -flugzeugen zur Folge hatte. Es hatte ein richtiger Krieg begonnen. Bis jetzt gab es in diesem Krieg über 1000 Tote, die Armee hat sich massivster Menschenrechts-verletzung und Verstöße gegen die Genfer Konvention schuldig gemacht indem sie Gefangenge folterte und exekutierte. Diese Tatsache wurde inzwischen von verschiedenen internationalen Menschenrechtsorganisationen bestätigt. Das Militär befindet sich im Moment international in der Defensive, ein Waffenstillstand wurde vereinbart, ob zur Vorbereitung von Truppen-verschiebungen und Ausrottung der „Guerilla-Nester“ in der chiapenischen „Selva“ oder zur
Sicherung wirklicher Verhandlungen ist unklar. Die Person des mit Sondervollmachten ausgestatteten Sonderbeauftragten und wahrscheinlichen Nachfolger des Präsidenten läßt hieran Zweifel aufkommen. Er hatte es zwar in Mexiko-Stadt
trotz einer dortigen Mehrheit der opositionellen PRD geschafft, den sozialen Frieden wahren können was ihm große Anerkannung eintrug. Jedoch war er hiernach schon auf ein politisches Abstellgleis verfrachtet worden und wurde nun wahrscheinlich aus taktischen Überlegungen wegen seiner Anerkennung beim Volk von Mexiko-Stadt als Verhandlungspartner eingesetzt.

Ausblick ? ...

Ein solcher ist schwer zu machen, da in Mexiko keine eindeutigen Positionen auszumachen sind. Der Austand, der sicherlich kein rein indianischerist, wird von der Bevölkerungstark unterstützt, was ihn zu einem wahren Volkskrieg werden
lassen könnte. Die Guerillas der anderen lateinamerikanischen Staaten unterstützen die EZLN zwar ihrer Idee
nach, manifestieren dies jedoch nicht öffentlich, da sie allemal in Friedensverhandlungen mit den jeweiligen Regierungen stecken, die es nicht zu gefährden gilt. Die weitere Unterstützung von hier ist zweifelhaft. Auch in Chiapas selbst gibt es Gegentendenzen zur EZLN. Die außerparlamentarischen opositionellen Gruppen, die bisher geduldet wurden,
sehen ihre Tätigkeiten und ihre Existenz in Frage gestellt, da sie im Zuge des Krieges gegen die EZLN vom Militär zerschlagen werden könnten. Den Massen, die von der wirtschaftlichen Liberalisierung vergessen wurden, stehen die ge-genüber, die von ihr profitierten und ihre Unterstützung der EZLN ist höchst unwahrscheinlich. Die Lage ist also in Mexiko selbst alles andere als deutlich zu bestimmen. Aber auch das Ausland bezieht verschiednen Positionen. Die Aktivitäten der verschiedenen internationalen Organisationen und deren moralische Unterstützung der EZLN verstärken die gespaltene Haltung in den NAFTA-Ländern -in den USA bekam das NAFTA-Projekt nur eine hauchdünne Mehrheit vom Kongreß.
Den Hauptausschlag für den Erfolg oder Mißerfolg der EZLN wird mit Sicherheit von deren Fähigkeit, die Massen zu mobilisieren, abhängen. Es gilt die immer noch große Popularität des Präsidenten Salinas zu brechen und auf den Unmut gegen die letzte Wahlfälschung zurückzugreifen. Daß die Bewegung schon jetzt auf Unterstützung auch außerhalb der indianischen Landbevölkerung bauen kann zeigte eine 100.000 Personen zählende Demonstration pro EZLN in Mexiko-Stadt. Diese Unterstützung im nationalen und internationalen Bereich könnte dem Ejercito Zapatista de la Liberación Nacional trotz der militärisch letztendlich zweifelhaften Lage verhelfen.

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike Oesterle am 07.06.2002