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3 - Übersicht|
- Literatur hautnah, an der Uni... und
anderswo... -
In diesem Semester war die kürzlich mit dem Luis
de Camões-Preis
ausgezeichnete brasilianische Schriftstellerin Rachel de Queiroz, erste
Frau in
der brasilianischen Academia de Letras und ehemals Mitglied in der sozialistischen
Partei, an der Uni Köln und in der Stadtbibliothek
Das Hauptseminar von Prof. Dr. Helmut Feldmann über
den zeitgenössischen brasilianischen historischen Roman wurde
dieses Semester durch den Besuch der Autorin des Seminargegenstands Memorial
de Maria Moura - Rachel de Queiroz - angereichert.
Die Autorin im Roman...
Rachel de Queiroz, die mit diesem Roman den bedeutenden Literaturpreis
Luis de Camões gewann, gegen die Konkurrenz von Jorge
Amado, befaßt sich in ihrem Werk mit dem Thema des Landbesitzes
im brasilianischen
Nordosten. Sie zeigt hier die Vorbedingungen für das Entstehen des
nordostbrasilianischen Sozialbanditentums des Cangaço
auf, und zwar auf eine sehr eindrucksvolle Weise. Die Geschichte der Maria
Moura, symptomatisch
für den Niedergang einer bestimmten Gruppe von Großgrundbesitzer,
setzt auf lebendige Art die sozialen und gesellschaftlichen Verstrickungen
dieser Zeit in Szene, die, ver-quickt mit dem Mitte bis Ende des letzten
Jahrhunderts in Brasilien entstehenden Heiligenkult, in ihrer Konsequenz
zu jenen Veränderungen des Lebens der Landbevölkerung
geführt haben, das Dichter der brasilianischen Cordel-Literatur
noch heute zu epenhafter Glorifizierung ihrer Helden wie Lampiã
und Corisco verleitet. Die alte Dame des brasilianischen Romans,
mit-lerweile über achzig Jahre, zeigt penibel die ir-rationalen Verhaltensweisen
der Landbesitzer auf, die schließlich zu ihrem eigenen Niedergang
führen. Der sehr viel mehr soziologische als literari-sche Stil des
Romans läßt eine distanzierte Einstellung der Autorin zu diesen
weitestgehen heute noch/wieder in Kraft befindlichen Strukturen der nordostbrasilianischen
Landpolitik vermuten.
Hier wird ein historischer Roman geschrieben über eine Zeit, die
sonst in der Literatur hemmungslos romantisiert und mit Bildern der brasilianischen
Variante des Pioniers undlonesome Cowboy, dem Sertanejo, verklärt
wird.
... an der Uni...
Bei ihrem Besuch an der Uni Köln, tritt nun eine Plaudertasche
erster Qualität vor uns, die so gar nichts mit dem Bild einer strengen
sozialwissenschaftlich denkenden Person gemein hat. Es wird regelrecht
gemütlich, sie plaudert aus dem Nähkästchen, spricht über
ihre Romane und ihr Leben, erzählt von ihrer Familie und ihrer Fazenda
im brasilianischen
Bundesstaat Ceará und hinterläßt den Eindruck einer
lieben und gutmütigen Großmutter, die allerdings sehr genau
weiß wovon sie spricht. Nach dem Talk im Seminar gehts dann
zum Talk im Turm, das Portugiesisch-Brasilianische
Institut (PBI) lädt zu einem Umtrunk im dritten Stock. Hier wird
es dann noch gemütlicher, fast familiär. Die nette alte Dame
von nebenan kann so richtig charmant sein und präsentiert außerdem
noch eine Menge ihres reichlichen
Erfahrungsschatzes bezüglich der brasilianischen jüngeren Geschichte.
... und am Abend...
Am Abend findet dann die Lesung in der Stadtbibliothek Köln
an Neumarkt statt. Nach einer Lesung aus ihrem Roman O Quinze
in deutsch und mangels Übersetzung aus Memorial de Maria Moura
auf portugiesisch beginnt eine
Diskussion über die Gültigkeit der im Buch beschriebenen Realitäten
im heutigen Brasilien. Wer nun erwartete, es würde die gleiche Rachel
sprechen wie noch vormittags an der Uni, der wurde schwer enttäuscht.
Die Situation im Roman O Quinze, der von einer Dürrekatastrophe
im brasilianischen Hinterland handelt, sei auf heute überhaupt nicht
übertragbar, heute sterbe in Brasilien niemand mehr wegen einer Dürre
und überhaupt sei das Leben auf dem Lande das Schönste was es
gebe. Im Sommer, wenn alles gereift ist, werde die Ernte eingeholt, und
im Winter werde nicht mehr
gearbeitet, man gehe dann zu Festen, tanzen, besuche Verwandte und genieße
das Leben. Dies gelte übrigens nicht nur für die Grundbesitzer,
sondern auch für die Arbeiter auf den Fazendas. Spätestens hier
mußte man sich fragen, ob man
es mit einer senilen Frau zu tun hatte, oder obder Wahlkampf für
das auch in Brasilien ein Superwahljahr darstellendes 1994 schon begonnen
hatte. Hörte man gerade einer äußerst geschickten Chamäläondame
zu, die ihre Position dem
jeweiligen Publikum, oder was sie dafür hielt, perfekt anzupassen
vermochte, oder war die Tatsache, daß sie selbst aus einer besitzenden
Grundbesitzerfamilie entstammte Sieger über ihre Beobachtungsgabe
der Realität geblieben?
Man gewann den Eindruck, daß hier jemand sprach, der die brasilianische
Realität nie mit eigenen Augengesehen hatte, der nicht wußte,
das der Bundesstaat Ceará von einer der schlimmsten Dürren
der letzten Jahre geplagt wurde, daß bei den letzten Präsidentschaftswahlkämpfen
Geld für die Wasserversorgung der notleidenden Bevölkerung in
Privatkonten der Politbosse geflossen war, daß es einem armen Landarbeiter
wie Hohn vorkommen mußte, wenn sie sich rühmte von
ihrem riesigen Besitz einige Hektar verwildern zu lassen, um ökologischen
Anforderungen Rechnung zu tragen, und weil ja morgens die Vögelchen
sie immer so schön weckten. Der Respekt vor der Geschichte dieser
Frau und vor ihrem fortgeschrittenen Alter verbat eine direkter geführte
Diskussion, so daß es kaum Widerrede, jedoch eine Menge Groll vor
allem auf Seiten der Brasilianischen Zuhörer, gab. Nach dieser teilweise
beschämenden Vorstellung mußte man sich wirklich fragen, ob
es sich mit Romanen und Autoren so verhalte wie mit Büchern und Filmen
wenn man ersteres kennt,
kann einen letzteres nur noch enttäuschen. Interessant zu sehen war
dieser Zwiespalt von Literatur und Person allemal und die Fortführung
sollcher Programme sollte auf alle Fälle energischst befürwortet
werden.Jedoch sollte man sich im klaren darüber sein, daß hier
evtl. Literaturgötter entglorifiziert werden, was aber einem aufgeklärten
Studium der Literatur, vor
allem in ihrem sozialen und gesellschaftlichen Kontext, nicht unbedingt
abträglich sein muß. P.S.: Laut Gerüchteküche soll
nächstes Semester ein Seminar über música popular
brasileira (mpb) stattfinden. Ein persönliches Erscheinen
von Chico Buarque würden wir alle sicherlich auf das herzlichste
begrüßen.
dh

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Diese Seite wurde erstellt von Berenike
Oesterle am 07.06.2002
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