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- Timor não pode esperar -

Wer 1999 während des Monats September in Portugal war, konnte ein ganzes Volk in innerer Aufruhr beobachten - nur wenige waren skeptisch und lehnten die uneingeschränkten Solidaritätskundgebungen mit Osttimor ab, wie es Alberto Joäo Jardim, sozialdemokratischer Gouverneur von Madeira, tat. Jener sah sich dann auch einer moralischen Abstrafung durch die Öffentlichkeit gegenüber: seine Haltung war zu dem Augenblick eben gänzlich unportugiesisch. Der Nachrichtensprecher des Privatsenders SIC verlas mit empörter Mimik die Meldung, daß Jardim von den Kundgebungen, an denen Tausende von Menschen teilnahmen, nichts halte. Der Telejomal des öffentlich-rechtlichen Senders RTP widmete dem Problem Osttimor ebenfalls achtzig Prozent seiner Berichterstattung, der Rest gehörte dem Fußball sowie regionalen, nationalen und anderen internationalen Ereignissen.

Man konnte erstaunt sein, wie sich eine Nation - auch wenn es mal nicht um die Bewerbung für die Austragung der Fußball-Europameisterschaft geht - mobilisiert und wie beispielsweise auf Portos Praça da Liberdade täglich Hunderte von Menschen gegen die indonesisch unterstützte Aggression der Milizen gegen Osttimors Bevölkerung demonstrieren, vor nahezu jedem Geschäft Protesttafeln stehen. Fußballer ihre Tore im Gedenken an die Massakrierten schießen, portugiesische Journalisten timoresischen Interviewpartnern weiße Rosen überreichen, meterlange weiße Laken an den Fassaden der Hochhäuser hinabwehen, an den Zielortanzeigen der Busse die Aufschrift TIMOR LORO SAE blinkt, das Deutsche Konsulat per Fax mit "Flugblättern" mit dem Text "Timor não pode esperar" geradezu überschüttet und mit diesem gezeigten kompromißlosen, absoluten Engagement sogar für mehr Beteiligung an den etwas emotionsärmeren, drögen Parlamentswahlen geworben wird.

Es herrschte eine seltsame elektrifizierende Stimmung in dem Land, das nun mit aller Wucht, seiner Kraft und vielleicht auch mit einer Prise Aktionismus seinen Willen zur Verantwortung und zur Sorge um seine ehemalige und so abrupt in die Unabhängigkeit entlassene Kolonie zeigen will. Konzerte wurden gegeben. Luis Represas fand nicht nur in den Exil-Timoresen und "normalen" Portugiesen bewegte und zu Tränen gerührte Zuhörer. Auch Staatspräsident Jorge Sampaio sang den Song "Ai Timor" mit und wußte sich mit seiner so gut wie gesamten Nation in moralischer Einigkeit verbunden.
Wer die Berichterstattung in den Medien verfolgte, konnte sich des Gefühls, auf der guten Seite zu stehen, nicht erwehren und war von den aus Osttimor gezeigten Bildern immer wieder aufs Neue erschüttert: vom Bischofssitz in Dili aus gefilmt, sah man wie ein timoresischer UN-Mitarbeiter versuchte, von einem Milizionär verfolgt, das kirchliche Grundstück zu erreichen. Nachdem er gestolpert war, schlug sein Verfolger mit dem Gewehrkolben auf ihn ein, worauf drei weitere Milizionäre hinzueilten und ihr Opfer mit Macheten töteten. In portugiesischen Zeitungen wurde das Bild eines holländischen Journalisten veröffentlicht, der mit abgeschnittenen Lippen und Ohren tot auf dem Urwaldboden lag.

Alles wurde mit allen Mitteln mobilisiert, um sich in der moralischen Richtigkeit, was die Unterstützung des osttimoresischen Volkes anging, zu bestätigen - und es war moralisch richtig!!! - auch wenn die politische Linke, Teil der Spitze der Bewegung, in dem Massaker an den Osttimoresen, die Konsequenzen ihrer Unabhängigkeitspolitik der 70er Jahre sehen muß und der frühe Termin des Referendums - teilweise gegen den Willen osttimoresischer Unabhängigkeitspolitiker - festgesetzt wurde, ohne an die indonesische Reaktion und die lokale Situation zu denken. Die Entsendung nur einer portugiesischen Fregatte in das Krisengebiet mutete dann etwas minimalistisch an. Die absolute Überzeugung der portugiesischen Regierung und auch großer Teile der Opposition, für etwas absolut Gutes einzutreten, hat somit etlichen Timoresen das Leben gekostet. Gerade das Eintreten für das Gute erfordert Besonnenheit, Taktgefühl und Offenheit für Kritik. Dem absoluten Wissen um das Gute muß die realistische and abwägende Umsetzung der guten Überzeugung also gute Politik folgen.

Die USA kamen in der portugiesischen Beurteilung (was nicht ungewöhnlich ist) nicht gut weg. Insbesondere Carlos Carvalhas, Parteichef der kommunistischen CDU, ereiferte sich in Forderungen nach US-amerikanischer Hilfe. Hier also sollten die USA ihrer sonst so kritisierten Weltpolizeirolle gerecht werden. Die Ablehnung der USA, einzugreifen und letztlich den Australiern legitimerweise die gesamte Führung in der Krise zu überlassen, sorgte bei Carvalhas für Empörung.
Was aus dem Viel-Ethnien-Staat Indonesien wird, ist unklar. Es gibt mehrere Provinzen, die sich vorgenommen haben, dem Beispiel Osttimors zu folgen. Sie werden es wohl nicht leichter haben. Zumal sie nicht auf die Katholische Kirche bauen können, wie es in Osttimor der Fall ist; damit fällt es ihnen schwerer, sich als Moslime von dem hinsichtlich der Einwohnerzahl größten moslimischen Staat der Erde abzuheben.

Es war ein erhebendes, ausfüllendes Gefühl, irgend etwas tun zu müssen weil man von etwas zu hundert Prozent überzeugt ist. Man bewundert die Leute, die in Lissabon eine kilometerlange Menschenkette bilden und würde am liebsten selbst dort stehen oder am liebsten ein genauso bewegendes Lied wie Luis Represas schreiben oder allen Milizionären mindestens in das Gesicht spucken - beeindruckend! Beängstigend zugleich, wenn man sich fragt. was passieren kann, wenn die Menschen sich in ihrer moralischen Entscheidung irren oder getäuscht werden. Unterliegt diese Gut-oder-Böse-Entscheidung einem Verhältnis von 50:50? Ist es eine Frage von Glück oder Pech? Eine Frage zufälligen Zusammenwirkens vieler Umstände, die wenige schlaue Leute ausnutzen? Eine Frage der Vernunft und der Einsicht jedes Einzelnen (ich hoffe es!)?

 Andreas Dornseifer

Anm. der Redaktion: Dieser Artikel ist nur in der Online-Ausgabe der Portuñol erschienen, da er uns leider erst nach Redaktionsschluß erreichte.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000