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Brasilianischer Fotojournalismus der 90er Jahre

- Den Blick öffnen für die Würde des Menschen -

Fotojournalistische Arbeiten über fremde Völker und Kulturen können hierzulande nur selten als Gesamtwerk in einer Ausstellung angesehen werden. Die Galerie der Universität zu Köln gab fotografiebegeisterten Besuchern die Gelegenheit, ein Projekt der jungen brasilianischen Fotojournalistin Gleice Mere zu bestaunen

Man sieht, wie in einer kargen Behausung sich Menschen vor dem kleinen Tisch mit einer Marienstatue und weiteren Heiligenbildern darauf versammeln. Zahlreiche Kerzen werden entzündet sowie Blumen und Fotos zu Füßen der Maria abgelegt. Dann steht man Angesicht zu Angesicht vor dem Portrait einer alten, vom Leben gezeichneten Frau. Junge Männer werden bei ihren täglichen Arbeiten gezeigt. Auf fast allen Bildern spielt sich das Leben unter freiem Himmel ab. Die Bilder sind Teil einer Dokumentation über das Schutzgebiet des Kalunga-Volkes in Zentralbrasilien. Die Fotografin Gleice Mere, 1972 in Brasília geboren, schloss 1994 ihr Journalistikstudium an der Universidade de Brasília ab. Auf der Suche nach einer Weiterbildungsmöglichkeit in Fotografie gelangte sie von 1995 bis 1999 als Stipendiatin an die Fachhochschule Dortmund. Von dort aus realisierte sie verschiedene fotografische Projekte in Brasilien, so z.B. Dokumentationen wie ”Schicksale des Nordostens”, eine visuelle Interpretation der Lebensbedingungen der Landarbeiter Piauís, ”Das Tal der Morgenröte”, Einblicke in eine exotische Sekte und ”Kalunga”, Bilder über das Schutzgebiet eines afrikanischstämmigen Volkes in Goiás. Im November 1999 kehrte sie nach Brasilien zurück, um sich dort ihrer fotografischen Arbeit zu widmen.

Thematisch bleibt Mere ihrem Land treu. Sie fotografiert fast ausschließlich brasilianische Menschen. Das macht sie gerade auch für das ausländische Publikum interessant. Der Betrachter kann mit den Augen einer Brasilianerin Brasilien entdecken.

Wahrnehmung des Ästhetischen

Mit ihren Bildern lehrt sie sehen, sie verfeinert unseren Blick für die Wahrnehmung des Ästhetischen, aber auch für die Wahrnehmung ganz verschiedener Wahrheiten über die Menschen, über ihre Kämpfe und über ihre Würde. Da die deutsche Herangehensweise an die Bildbetrachtung, unsere Sichtweise also, eine andere ist, spielt die Auseinandersetzung mit dem Begriff Kultur vorab eine zentrale Rolle. Kultur in Deutschland wurde und wird immer noch vor allem mit der Fortschrittsidee verbunden. Fortschritt als ständige Weiterentwicklung führt aber zu einer Explosion der Bedürfnisse und Ziele und zu einer Inflation der Werte und Lebensstile. Manch einer mag nun in der Umkehr nach rückwärts neue Ziele suchen. Als Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Meres Bildern zum Volk der Kalunga ist diese Einstellung jedoch nicht geeignet. Im Zeitalter der Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Kulturen und Subkulturen besteht weiterhin eine Unfähigkeit, das Andere als Anderes wahrzunehmen und gelten zu lassen. Kulturen, in denen Entwicklung etwas anderes bedeutet als Fortschritt, können uns in vielerlei Hinsicht überlegen sein. Die Kalunga-Ausstellung lud dazu ein, auf andere Art und Weise das Andere zu betrachten.

Die Bilder über das Volk Kalunga zeigen Nachfahren afrikanischer Sklaven, die sich in den entlegenen Bergen des Bundesstaates Goiás, Zentralbrasilien, angesiedelt haben. Auf der Flucht vor der Sklaverei haben sie sich in diese entlegenen, unwegsamen Gegenden zurückgezogen. Heute leben dort ca. 4.000 Einwohner. In vielen Einzelheiten ihres Zusammenlebens lässt sich noch ihr afrikanischer Ursprung entdecken. Die Darstellung dieses Volkes hat, wie fast alle fotografischen Projekte von Gleice Mere, dokumentativen Charakter. Ihre journalistische Herkunft ist in der Fotografie deutlich sichtbar. So lässt sich auch ein sozialpolitisches Engagement nicht leugnen. Dies zeichnet sich aus, nicht nur durch die Thematisierung von einfachen, in Armut lebenden Menschen, sondern auch durch die Art der Darstellung der Personen. Sie werden nicht in einer fatalistischen Hingabe zum Schicksal ihrer Armut gezeigt, sondern als stolze und kulturell reiche Menschen.

Mensch und Würde

Die beiden Hauptmotive in der Fotografie von Gleice Mere sind der Mensch und seine Würde. Die Darstellung von Personen als Individuen ist ihr wichtig, es soll Identität nicht Anonymität zum Ausdruck kommen. Sie erreicht das einerseits durch Spontaneität, durch nichtgestellte Motive und andererseits durch die Verwendung der Kurzbrennweite, durch die der Blick ganz nah an die fotografierte Person herangeführt wird. Mit der Schwarzweißfotografie wird Atmosphäre geschaffen, die Bilder erzählen Geschichten aus dem Leben.

Fotografie als Antwort auf die moderne Welt

Gleice Mere ist eine Apostelin der Menschlichkeit. Die moderne Welt, in der die technischen Entwicklungen den Alltag verändern und der Wohlstand den Kontakt zu den Mitmenschen weniger notwendig macht, stellt Fragen an das Miteinandersein in der Zukunft. Mere gibt eine Antwort auf diese Fragen in ihrer Fotografie. Nicht eine grausame Welt, dominiert von bedrohlichen Menschen, nicht Täter und Opfer, nicht Trauer und Elend will sie in ihrer Fotografie sichtbar machen. Es ist die Menschlichkeit, wonach sie sucht. Ihre Fotografie bezeichnet Gleice Mere als direkt und einfach, denn ihre Persönlichkeit und ihre Art die Welt zu begreifen seien ebenfalls einfach. Als studierte Journalistin habe sie gelernt komplizierte Sachverhalte in einfachen Wörtern zu erklären. Und ihre Fotografie sei von dieser Ausbildung auch stark geprägt worden. Gleice Mere bezeichnet ihre fotojournalistische Arbeit als eine Ehrung der einfachen Menschen ihres Landes. Die Kalunga-Ausstellung in der Universität zu Köln ermöglichte dem deutschen Publikum einen Einblick in die Lebensrealität eines kulturell und geographisch sehr weit entfernten Volkes zu bekommen. Sich auf diese Art mit einer fremden Kultur auseinander zusetzen beinhaltet die Gelegenheit sich auf die Entdeckung einer ganz anderen Welt einzulassen. Und es ist auch eine Gelegenheit, sich mit der eigenen Lebenswelt zu befassen und sie zu relativieren.

Ricarda Bruder

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000