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António Lobo Antunes‘ dritter Meisterroman zu Gewalt und Angst

- Anweisungen an die Krokodile -

Mimi, die Schwerhörige, die zusammen mit ihrer galizischen Großmutter vergeblich das Rezept von Coca-Cola zu entdecken sucht; Fátima, die Patentochter des Bischofs, die sich permanent mit religiösen Schuldgefühlen quält;
Celina, die Schöne, die ihrer Kinderpuppenwelt und ganz besonders einer Micky Maus-Puppe hinterher trauert;
Simone, die Dicke, die sich sehnlichst ein Café in Espinho wünscht, ohne diesen nordportugiesischen Badeort jemals besucht zu haben – es sind vier Frauen, die uns abwechselnd als Erzählerinnen durch den neuen Roman von António Lobo Antunes führen.

Anweisungen an die Krokodile ist das dritte Werk in dessen Romanzyklus zu Gewalt und Angst. Nach dem Ende der Salazar/Caetano-Diktatur im Handbuch der Inquisitoren und der portugiesischen Kolonialvergangenheit in Portugals strahlende Größe widmet sich Antunes diesmal der anti-kommunistischen Gewalt nach der Nelkenrevolution am 25. April 1974.

Eine Terroristengruppe kämpft gegen die Bedrohung durch die extreme Linke, die nach dem Militärputsch vom 25. April plötzlich immer stärkeren politischen und gesellschaftlichen Einfluß gewinnt. Sie verüben Anschläge auf die KP im Norden Portugals, töten einen kommunistischen Priester und legen eine Bombe im Flugzeug eines Ministers. Tatsächlich war es nach der Nelkenrevolution im sogenannten „heißen Sommer“ 1975 in Mittel- und Nordportugal zu heftigen Attacken gegen Parteibüros und Wahlkampfauftritte der kommunistischen Partei PCP gekommen. Außerdem war am 4. Dezember 1980 der sozialdemokratische Premierminister Francisco Sá Carneiro bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Mehrere parlamentarische Untersuchungskommissionen konnten bis heute den Verdacht nicht vollständig ausräumen, daß es sich dabei um ein Bombenattentat handelte.

Nicht nur hier verfährt Antunes getreu nach seinem Motto: „Um escritor que não é muito bom inventa, um escritor que é bom descobre“ („Ein nicht so guter Schriftsteller erfindet, ein guter Schriftsteller entdeckt.“) Auch die Auswahl der Mitglieder der Terrorgruppe weckt gewisse Assoziationen mit der Realität. So wird die Gruppe von einem General geleitet, was an den portugiesischen Ex-Präsidenten General António de Spínola erinnert. Er war nach der Nelkenrevolution anfangs von der Revolutionären an die Spitze des Staates und ihrer Bewegung gerufen worden, hatte sich dann aber recht schnell von ihnen distanziert und am 11. März 1975 erfolglos einen anti-kommunistischen Staatsstreich versucht.
Bei der Beschreibung seiner Orte bleibt Antunes, wie von ihm gewohnt, sehr genau und realitätsnah. Zu Hilfe kommt ihm dabei, daß er sich fast nie auf unbekanntes Terrain wagt: Auch in Anweisungen an die Krokodile bleibt der Aktionsradius auf Lissabon und Umgebung beschränkt. Dies schadet dem Roman aber keineswegs. Im Gegenteil, er gewinnt dadurch an Echtheit und kann zumindest bei ortskundigen Lesern immer wieder Aha-Effekte auslösen. Für Antunes selbst ist Lissabon und Umgebung das ideale Szenario. In einem Deutschlandfunk-Interview begründete er dies überzeugend damit, daß er dort geboren und aufgewachsen sei. Außerdem, so fügte er hinzu, wäre in Portugal in den letzten Jahrzehnten schließlich genug Interessantes passiert. Dies reiche zur Inspiriration völlig aus.

Immer wieder überrascht Antunes mit seiner Beobachtungsgabe. Mal läßt er die Sonne durch die Küche tanzen und die verschlafene Fátima ärgern, mal sticht Lissabon plötzlich mit den geblähten Segeln trocknender Hemden den Santana-Hügel hinunter in See. Oder er bringt uns mit erfrischend neuen Bildern zum Schmunzeln. So verwandelt er das Behandlungszimmer eines Krankenhauses in ein Aquarium und sämtliche Krankenschwestern in Krabben. Häufig fühlt man sich an längst vergessene Marotten erinnert, wie das Spielchen: „Kommt der linke Fahrstuhl vor dem rechten zuerst, werde ich Glück haben.“

Wenig konventionell ist die Erzählweise. Mehrere zeitliche und räumliche Erzählebenen schieben sich übereinander, verschiedene Erzähler wechseln sich ab – mittlerweile schon ein Antunes-Markenzeichen. Im Gegensatz zu anderen Romanen macht es uns Antunes diesmal aber leichter, die Erzähler zu identifizieren. Die vier Frauen – Mimi, Fátima, Celina und Simone – wechseln sich brav Kapitel für Kapitel ab, und das immer schön der Reihe nach. Alle vier spielen keine zentralen Rollen in der Terrorgruppe, sondern sind mit deren männlichen Führern verwandt oder verheiratet.
Im Gegensatz zu Antunes anderem Roman über eine Terrorgruppe aus der Zeit nach der Nelkenrevolution, Leidenschaften der Seele, gelangen die Anweisungen an die Krokodile nur gefiltert durch den Blickwinkel der Frauen zu uns. Im Vergleich zu Leidenschaften der Seele verliert der neue Roman dadurch an Spannung, gewinnt aber an neuen Perspektiven und Facetten.

Fast nichts an Qualität verloren hat das Buch durch die Übersetzung: Maralde Meyer-Minnemann hat erneut ihre Gabe als brillante Übersetzerin bewiesen und es geschafft, den Antunes-typischen Sprachfluß fast 1:1 ins Deutsche zu transportieren. Auch sonst wird uns die deutschsprachige Ausgabe würdig präsentiert: Roland Eschlbeck und das Luchterhand-Verlagsteam haben einen äußerst gelungenen Umschlagseinband gestaltet. Er schlägt das portugiesische Original von Publicações Dom Quixote um Längen.

Insgesamt kann der neue Antunes voll und ganz empfohlen werden. Nur diejenigen, die auf das strikte Einhalten grammatikalischer Regeln pochen, seien vor den Anweisungen an die Krokodile gewarnt: Nicht nur, daß manche Wörter einfach nach der Hälfte enden, António Lobo Antunes hat in seinem neuestem Werk schlichtweg einfach nur einen einzigen Punkt pro Kapitel gesetzt...

 Johannes Beck

António Lobo Antunes, Anweisungen an die Krokodile, Luchterhand Literaturverlag, München 1999,
ISBN 3-630-87035-X, 441 Seiten, 48,– DM.


       

 

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000