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Ein Besuch im Gefängnis San Pedro in La Paz

- Alles so wie draußen - nur mit MAUERN -

Die Plaza San Pedro liegt im Zentrum von La Paz, keine fünf Gehminuten vom Prado, der hektischen Hauptstraße der bolivianischen Metropole, entfernt. Ein ganz normaler, beinahe idyllischer Platz mit Grünflächen, auf denen Kinder spielen, jungen Paaren, die auf den Bänken sitzen, und geschäftigen älteren Frauen, die Münzen für die antiquierten öffentlichen Telefone verkaufen. Jeden Donnerstag und Sonntag herrscht jedoch eine gewisse Unruhe an der Nordseite der Plaza. Menschenschlangen sammeln sich dort, am Straßenrand preisen Verkäufer Obst und Süßigkeiten zu überhöhten Preisen an. Kleine Kinder rennen zwischen den Wartenden hindurch, die geduldig auf Einlass warten - in der Mehrzahl Frauen. Es ist Besuchstag in San Pedro, einem der größten Gefängnisse in La Paz.

San Pedro gehört zu einem der Gefängnisse in Bolivien, die nach einem ungewöhnlichen Vollzugskonzept funktionieren: Keine Zellen, keine Aufsichten, nur an den Außenmauern und am Tor Wachen. Was drinnen passiert, ist den Insassen überlassen.

Plötzlich stand ich im Hof

Es kostete mich einige Ausdauer und Hartnäckigkeit, hinter die Mauern von San Pedro zu gelangen und dieses anarchische Vollzugsprinzip von innen kennenzulernen. Schließlich überließ mir ein netter Verwaltungs-Beamter eine Liste aller 1.500 Gefangenen, aus der ich mir den Namen des einzigen derzeit einsitzenden deutschen Gefangenen raussuchte. Mit diesem Namen ausgerüstet - und ohne Pass, den man mir am großen schmiedeeisernen und von schwerbewaffneten Policías bewachten Eingangstor abnahm - stand ich plötzlich im Hof von San Pedro. Um mich herum hunderte Gefangene, die mein Anblick nicht zu sehr zu irritieren schien. Vielleicht wandern blonde Europäerinnen öfters durch das Gefängnis-Ghetto. Zu vermuten ist aber eher, dass Touristenbesuche als weitere Einnahmequelle gesehen werden.

Denn in San Pedro gibt es für alles Regeln - auch wenn der äußere Schein das nicht vermuten lässt.

Mein angeblicher »primo« Thomas L., ein 35 Jahre alter Hamburger, freute sich über den unerwarteten Besuch einer gänzlich Unbekannten. Doch auch er schien nicht völlig überrascht zu sein, da er in drei Monaten, die er bisher einsaß, schon mehrmals Besuch von Travellern, Journalisten oder Fotografen bekommen hatte. Denn San Pedro ist zum Beispiel im »Footprint Handbook Bolivia« als eines der - wenn auch eher ungewöhnlichen - Touristenziele von La Paz aufgeführt. Der Besuch wird passenderweise als eine »truly surreal, if slightly disturbing experience« beschrieben.

Die Zelle muss man sich mieten oder kaufen

So spazierte ich mit Thomas L. plaudernd durch das Ghetto von San Pedro. Ein riesiger Häuserblock, der in verschiedene Barrios unterteilt ist, mit Innenhöfen, kleinen Verkaufsständen und unzähligen Unterkünften: vom Schlafplatz unter der Treppe bis zur Penthouse-Wohnung. Denn alles, was es in der Welt draußen gibt, gibt es auch in San Pedro. Nur sind hier Mauern drum rum... Die Gefangenen verwalten das Leben in ihrem Knast selbst. Seine »Zelle« muss jeder Insasse selbst kaufen oder mieten. Wer Geld hat, kann sich ein luxuriöses Appartement samt Personal und Securities leisten. Wer kein Geld hat, schuftet für andere. Oder aber in der unsäglichen Gefängnis-Küche, deren Essen laut Thomas L. nicht zu genießen ist. Wer kann, kauft und bereitet die von außen eingeschleusten Lebensmittel selbst zu.

Thomas L. sitzt in La Paz, weil er mit zweieinhalb Kilo Kokain dem Zoll am Flughafen »El Alto« ein Schnippchen schlagen wollte. Da in La Paz derzeit nicht genug Richter zur Verfügung stehen, hat er bisher keine Verhandlung bekommen. Kriegt er kein Geld für eine Kaution zusammen, kann er bis 2008 in San Pedro seine Runden drehen.

Was nicht unbedingt der schlechteste Ort in La Paz ist. Denn viele Gefangene leben in San Pedro mit ihren Frauen und Kindern. Die für 500 Gefangene ausgelegten Kapazitäten sind um mehr als das Dreifache überschritten. Aber warum nicht dort bleiben, wo man wenigstens ein Dach über dem Kopf hat? Und alles bekommen kann.

Für »Recht und Ordnung« sorgen interne Banden

Drogen, Prostituierte, Waffen - wer Geld hat, für den unterscheidet sich San Pedro nicht sehr von der Welt draußen. Ein Gramm Kokain für 10 Dollar? Kein Problem! Draußen zahlt man ein Vielfaches. Außerdem gibt es wöchentliche Fußballturniere und reichlich Anlässe zu ausgelassenen Feiern. Die Einladung zu einer solchen Fiesta (O-Ton: »Wir haben alles da!«) schlug ich jedoch dankend aus.

Die Wärter mischen sich in das Geschehen im Inneren kaum ein, bessern ihren Lohn lieber mit kleinen Deals auf. Für »Recht und Ordnung« sorgen die internen Banden selbst. Beispielsweise endete die Knastzeit für einen Insassen, der eine Frau in San Pedro vergewaltigt hatte, schneller als erwartet: Am nächsten Morgen lag er mit 25 Messerstichen im Hof.
Über eine schmale Stiege führen Stufen ins Thomas L.s Apartamento im Ghetto-Barrio »Alamos«. 300 Dollar zahlt er gemeinsam mit zwei Kumpeln monatlich für die etwa 20 Quadratmeter. Hätte kein so penetrant-beißender Kiffgeruch im Zimmer gestanden, wäre mir die »Zelle« beinahe wie eine Studi-WG vorgekommen. So saß ich aber mit Thomas, Mike - einem amerikanischen Drogendealer - und dem Bolivianer Marco, der seine Freundin erschlagen hatte, beim Tee und unterdrückte jeden Gedanken über die potentiellen Ausmaße meines San Pedro-Besuchs. Als mir die drei plötzlich leid zu tun begannen, verabschiedete ich mich. Die Surrealität des Moments durfte mich nicht vollkommen umhauen.

Stefanie Bolzen


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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000