- Fortaleza und die Feste des Nordostens -Man muß es fast schon als einen Wink des Schicksals betrachten, daß uns unser Austauschprogramm mit Brasilien ausgerechnet in einen brasilianischen Bundesstaat mit einigen der schönsten Strände des Landes führt - Ceará. Wie in dem Artikel über die Stipendien dargelegt, geht es natürlich beim Auslandsstudium nicht um die Strände. Andererseits darf man sich freuen, daß sie uns praktisch als Zusatzleistung ohne Aufpreis gleich mitgeliefert werden bzw. wir zu ihnen geliefert werden. In Ceará erwarten uns - an den vorlesungsfreien Wochenenden(!) - die berühmten Strände von Jericoacoara und Canoa Quebrada mit ihren noch berühmteren Sonnenuntergängen, die man von den hohen Ddünen aus bestaunen kann. Die Sonnenaufgänge, die einen an diesen Orten meist überraschen, noch bevor man ein Auge zugetan hat, sind manchmal sogar noch schöner. Es ist allerdings nicht unbedingt notwendig, von Fortaleza aus dem Strand entgegenzureisen, denn er ist bereits da und das schon um sieben Uhr morgens in strahlendem Sonnenschein. Eine kleine Abkühlung in den Wellen, noch bevor um 8.00 Uhr der Unterricht beginnt, ist kein Problem, wenn man an der Praia de Iracema wohnt (hiermit habe ich also auch gleich Werbung für Alans Wohnung gemacht, die Prof. Feldsieper gerne vermittelt). Wer unbedingt auf die warnenden Stimmen hören möchte, aus hygienischen Gründen im Stadtgebiet nicht schwimmen zu gehen, nimmt den Linienbus zur Praia do Futuro oder in die andere Richtung nach Cumbuco. Cumbuco, nur eine Dreiviertelstunde von Fortaleza entfernt, ist ein kleiner idyllischer Fischerstrand mit Palmen und Sanddünen, an den sich unter der Woche nur kaum jemand verirrt. Die Praia do Futuro liegt direkt am Stadtrand Fortalezas und bietet außer Sand und Meer Donnerstag Nacht oder Samstag Nachmittag gleich noch die Möglichkeit, die brasilianische Tanzkultur kennenzulernen, die uns Mitteleuropäern mit einer durchschnittlichen Beweglichkeit eines Besenstiels in großes Staunen zu versetzen vermag. Dies gelingt in noch höherem Maße den Capoeira-Gruppen, die tagsüber an der Strandpromenade, der Beiramar, üben und abends zwischen den Cafés der Praia de Iracema ihr akrobatisches Können afrikanischer Tradition - halb Tanz, halb Kampf - vorführen. Capoeira und CaipirinhaDie hübschen Cafés der Praia de Iracema ziehen selbst unter der Woche die Nachtschwärmer an. Fast in jedem Lokal wird Livemusik gespielt, und meist findet sich auch ein Gitarrenspieler auf der Ponte Metálica, dem Steg, von dem aus die Verliebten (und alle anderen) das Schauspiel verfolgen können, wie sich der Mond aus der Skyline Fortalezas erhebt. Am Wochenende, das nach brasilianischer Zeitrechnung bereits am Donnerstag beginnt, wird das Treiben an der Praia de Iracema noch bunter. Um das Ganze gebührend abzurunden, findet jeden Montag im Pirata, einer Tanzbar im Piratenstil inklusive Piratenschiff, ein kleiner Karneval statt a segunda-feira mais louca do mundo laut New York Times. Fortaleza hat allerdings mal ganz abgesehen vom Studium noch weit mehr zu bieten als Capoeira und Caipirinha. Im historischen Theater José de Alencar treten international bekannte Ensembles aus Rio und São Paulo auf; und im neu errichteten Kulturzentrum Dragão do Mar (in der Nähe der Praia de Iracema), das ein ethnologisches Museum, ein Theater, ein Kino, ein Planetarium (Anfang des Jahres 1999 noch nicht in Betrieb) und eine Freilichtbühne beherbergt, spielen die berühmtesten Bands des Nordostens und teilweise Brasiliens. Hinzu kommen noch kulturelle Veranstaltungen an der Beiramar, die - aus gegebenem Anlaß - ganz unterschiedlicher Art sein können. Der wohl glücklichste Moment in dieser Hinsicht, sich in Brasilien aufzuhalten, ist in der Zeit der Wahlkämpfe, wenn sich die Politiker als Förderer der Kultur beliebt machen wollen, und während einer Fußballweltmeisterschaft, wenn sich ohnehin ganz Brasilien liebt und in dauerhafter Feierstimmung befindet, selbst wenn die brasilianische Nationalelf verliert, denn dann wird gefeiert, um sich über die Niederlage hinwegzutrösten. Wahlen und WM: Partei, Partie, Party! Wir hatten 1998 das Glück, sowohl die Präsidentschaftswahlen
als auch die Copa mitzuerleben. Bei jedem Brasilienspiel stand das Land
still, bzw. saß still vor dem Fernseher. Die Uni fiel aus,
alle Geschäfte, Banken, etc. schlossen, und wahrscheinlich schauten
sich sogar die Polizisten das Spiel an, schließlich ist selbiges
von den Gaunern zu erwarten gewesen. Nach der Partie war es mit dem Stillstand
vorbei, denn dann wurde die Party an die Beiramar verlegt. As festas juninasSão João ist übrigens ein weiterer Anlaß, den die Brasilianer zum Feiern zu nutzen wissen. Schon ohne Weltmeistertitel wird im brasilianischen Nordosten aus einem Tag des São João (eigentlich der 24. Juni) ein ganzer Monat von Feiern und Festlichkeiten. Dabei putzen sich vor allem die Städte Caruarú in Pernambuco und Campina Grande in Paraíba im Wettstreit heraus und nennen sich Capital do Forró und die Stadt des Maior São João do Mundo. Der Forró ist ein europäisch geprägter Tanz, dessen Bezeichnung aus dem Englischen stammt for all. Er hat wenig mit den afrikanisch beeinflußten Rhythmen des brasilianischen Karnevals zu tun, doch im Nordosten und sogar in São Paulo (dort leben sehr viele Nordestinos, die vor den Dürren geflohen sind) ist er sehr beliebt. In Fortaleza könnt ihr euch eure eigene Meinung dazu bilden, denn Ceará ist die eigentliche Heimat des Forró (so sagt man hier und streitet sich lebhaft um diesen Rang mit den Pernambucanos und den Paraibanos). Die Junikultur des Nordostens lebt jedoch nicht nur vom Forró Caruarús und Campina Grandes. Überall von São Luís do Maranhão bis Salvador da Bahia kann man sie in Straßenfesten und Theaterstücken (São Luís rühmt sich, das beste Theater Brasiliens zu beherbergen) erleben, vom Bumba-Meu-Boi über die unzähligen Quadrilhas und Bandinhas de Pífanos bis hin zu den urigen Bacamarteiros in ihren alten Uniformen mit Schrotbüchsen aus der Zeit Lampiãos. Traditionsreicher NordostenEinen Einblick in die reichen Traditionen des Nordostens gewinnt man das ganze Jahr über, z.B. auf den kleinen Märkten. In Caruarú, einem der Hauptzentren für die Oraltradition der literatura de cordel, wird dem Besucher aus dem Stegreif ein kleines Lied in perfektem Reim angedichtet. Die letzte Strophe ist allerdings stets dem Sänger selbst gewidmet und natürlich seiner vierzehnköpfigen Familie, die ernährt sein will. Das Ganze geschieht auf so liebliche Weise, daß man gerne einen kleinen Beitrag leistet, die vielen Münder zu stopfen, selbst wenn es am Ende doch nur der eine sein sollte. Caruarú bietet außerdem in der Osterwoche mit der Paixão do Cristo ein einmaliges Schauspiel. Auf einer Fläche, die einem Drittel der Altstadt Jerusalems entspricht, ziehen die Zuschauer den bis zu 200 Schauspielern von einer Szene zur nächsten hinterher. Die gesamte Szenerie, die aus zwölf festen Bühnen besteht, ist von einer dem Original in Jerusalem achempfundenen Stadtmauer umgeben. Vor allem die Besetzung des Jesus durch den Lieblingsnovelastar des TV-Kanals Globo und auch die Werbeeinlagen auf der Großleinwand vor Beginn der Vorführung haben jedoch dazu beigetragen, daß dieses Ereignis seinen ursprünglichen religiösen Charakter weitgehend verloren hat. Dennoch ist es, allein aufgrund der Kulisse, die Reise wert. Vom größten Fest des Landes, dem Karneval, wird an anderer Stelle in diesem Heft berichtet...der paßt hier einfach nicht mehr hin. Tim Neufert Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000 |