|Portuñol 16 - Übersicht|

Interview mit Otmar Issing, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank

- Der Euro – Modell für andere Integrationsbündnisse? -


In der ganzen Welt schließen sich immer mehr Länder in Wirtschaftsblöcken wie der NAFTA und dem Mercosur in Amerika oder der SADC im Süden Afrikas zusammen. Während sich mehrere dieser neu entstandenen Blöcke damit schwer tun, ihren Binnenhandel ganz zu liberalisieren, verfügen elf der fünfzehn Staaten der Europäischen Union seit Januar dieses Jahres bereits über eine gemeinsame Währung, den Euro.

Doch, kann der Euro als Modell für die anderen Integrationsbündnisse dienen? Dies haben wir am 11. November 1999 den Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, auf der Konferenz „Weltachsen 2000“ in Bonn gefragt. Otmar Issing – er ist auch Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank und hat mehrere Standardwerke zur Geldtheorie und Geldpolitik verfaßt – antwortete: „Den Modellcharakter? Da wäre ich vorsichtig. Ohne Frage wird man weltweit die Vorgänge in der Währungsunion beobachten, den Erfolg des Euro verfolgen und sich möglicherweise daran orientieren.“

Sollten andere Wirtschaftsblöcke bei einem guten Ergebnis des Euros also dessen Konzept kopieren? „Ja, aber nicht in dem Sinne, daß man sozusagen in einem Schritt gleich in die Währungsunion springt. Die lange Phase der Vorbereitung, die vergeblichen Versuche, das frühe Scheitern bis schließlich das Projekt erfolgreich begonnen werden konnte – all diese Erfahrungen gilt es zu berücksichtigen! Man kann sozusagen nicht einfach ein Statut abschreiben und dann darauf vertrauen, daß es genau so unter ganz anderen Bedingungen funktioniert.“

Aber auch ohne das Modell des Euros zu kopieren, profitieren laut Issing die Entwicklungs- und Schwellenländer bereits jetzt von der gemeinsamen europäischen Währung: „Insoweit als hier ein großer europäischer Kapitalmarkt entsteht, als hier eine stabile Währung eine Zone der Stabilität schafft. Nebenbei bemerkt, spielt der Euro ja schon eine Ankerrolle weit über den Euroraum hinaus. So gut wie alle Länder in Zentral- und Osteuropa orientieren ihre Wechselkurspolitik mehr oder weniger stark am Euro.“

Aber bevor weitere Staaten ihre Wechselkurspolitik statt am US-Dollar am Euro ausrichten, sollten sie, so Issing, genau überprüfen, mit welchen Ländern sie am meisten Handel treiben und in welcher Währung sie die meisten Auslandsschulden haben.

 Johannes Beck

Otmar Issing

Geboren: 27. März 1936 in Würzburg

1954-1960 Studium der klassischen Philologie und der Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg, Auslandsaufenthalte in London und Paris
1961 Promotion in Volkswirtschaftslehre mit einer Dissertation zum Thema: Probleme der Konjunkturpolitik bei festen Devisenkursen und freier Konvertibilität der Währungen - dargestellt am Beispiel der EWG
1965 Habilitation an der Universität Würzburg mit einer Arbeit zum Thema: Leitwährung und internationale Währungsordnung
1967-1973 Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg
1973-1990 Professor an der Universität Würzburg
1990-1998 Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank
seit 1.6.1998 Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank
Publikationen diverse Aufsätze und Bücher, darunter Einführung in die Geldtheorie, 11. Auflage 1998 und Einführung in die Geldpolitik 6. Auflage 1996; außerdem Mitgründer und Mitherausgeber der Zeitschrift Wirtschaftswissenschaftliches Studium - WiSt

 

|Portuñol 16 - Übersicht|


Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000