Fortaleza: Ort zum Träumen und Studieren- Sonne, Strand und Mehr -Es ist neun Uhr. Eigentlich sollte ich längst aufgestanden sein, es ist aber noch ganz dunkel draußen und kalt, und überhaupt habe ich gerade so einen schönen Traum gehabt. Ein Engel ist mir erschienen und hat mit einer sonoren Stimme (ich glaube, es war ein sehr alter und weiser Engel) gesagt Tim, du willst also unbedingt studieren, aber warum bloß hier; hier ist es doch so dunkel und so kalt! Darauf habe ich geantwortet: Engel, davon verstehst du nichts, ich studiere RWL, dat jeht nur in Kölle. Aber mein Junge, RWL kenne ich natürlich, von der Homepage der Fachschaft. Dort heißt es, der Studiengang habe etwas mit Lateinamerika zu tun Regionalwissenschaften Lateinamerika. Nun frage ich dich, wo sonst könntest du besser dein Wissen über die Region vertiefen als in Lateinamerika selbst? Dort wirst du das Licht des Wissens an der Sonne messen und Dunkelheit und Kälte bald vergessen. Aber Engel, wie soll ich das denn bezahlen? Mein Junge, hier hast du das Flugticket, 1000 Deutsche Mark pro Monat und noch eine Auslandskrankenversicherung. Als ich gerade zugreifen wollte, bin ich aufgewacht. Alles nur ein Traum? Stipendium Fortaleza ein Traum?Nein, das hatte ich doch so ähnlich bereits erlebt, nur daß mir kein Engel erschienen war, sondern Prof. Feldsieper. Ganz unter uns: Ich glaube übrigens seitdem wieder an den Weihnachtsmann. Ist es nicht unglaublich, dein Studium in der Region deiner Wünsche fortsetzen zu dürfen, noch dazu direkt am Meer und das ganze obendrein bezahlt zu bekommen?! Und jetzt etwas noch Unglaublicheres: Anscheinend will das niemand! Als kleines Kind durfte ich von Fremden auch keine Geschenke annehmen, aber Professor Feldsieper kennen wir doch alle. Prof. Feldsieper wiederum kennt Fortaleza und das Lehrangebot in Volkswissenschaften der Universidade Federal do Ceará (UFC), das man übrigens auch mit JAIR abkürzen kann. Daher gibt er uns gerne dafür einen Hauptseminarschein. Das kommt gleich wieder einem Weihnachtsgeschenk nahe, denn man erlangt in Fortaleza wichtige Scheine für sein Studium, ist aber während der Zeit des Stipendiums in Köln vom Studium beurlaubt - die Semester-Stechuhr tickt also nicht weiter (...ich mußte es ihnen einfach sagen!). Geld, Sonne und MehrWie ihr merkt, versuche ich gerade, euch mit meiner Begeisterung für ein Auslandsstudium, sei es nun in Fortaleza oder Tucumán, anzustecken. Der traurige Anlaß des frohen Ereignisses ist das mangelnde Interesse der RWLerInnen an den Stipendien. Nur mit viel Mühe in Form von Anwerbungsbriefen, die der Arbeitskreis Spanien-Portugal-Lateinamerika an alle kürzlichen Vordiplomsabsolventen als mögliche Kandidaten verschickt hat - ist es gerade gelungen, für jeden Stipendienplatz des DAAD einen Bewerber aufzutreiben. Neben dem DAAD-Stipendium, das für Studierende des Hauptstudiums gilt, gibt es ein kleines Stipendium für Fortaleza vom Portugiesisch-Brasilianischen Institut (PBI) bzw. direkt von der UFC, für welches sich auch Studierende des Grundstudiums bewerben können, und zwar im Gegensatz zum DAAD-Stipendium sowohl für das Sommersemester als auch für das Wintersemester. Für BAFöG-Empfänger wird aus diesem kleinen Stipendium durch das AuslandsBAFöG schnell ein großes, selbst wenn man sonst seine BAFöG-Ansprüche nicht wahrgenommen hat oder der Inlandssatz eher niedrig ist. Beide Fortaleza-Stipendien sind keineswegs ausschließlich den Studierenden vorbehalten, deren erste Fremdsprache Portugiesisch ist. Es wird vielmehr hoch anerkannt, wenn man sich auch in der zweiten Fremdsprache bemüht hat und seine Kenntnisse durch ein Auslandssemester verbessern möchte. Ich empfehle jedem, das Auslandssemester gerade im Land der zweiten Fremdsprache zu wählen, da man sonst kaum eine Chance hat, diese ordentlich zu erlernen. Die Sprache ist natürlich nur einer von vielen Aspekten eines Auslandsstudiums. Klar ist auch, daß im Vordergrund nicht gerade die Dinge stehen, die einem so im Traum erscheinen Geld, Sonne und Meer (um so schöner, daß diese trotzdem dazu gehören). Das Wesentliche ist das StudiumDas Wesentliche ist das Studium, in Fortaleza für die meisten im Bereich Volkswirtschaft, da unserem Professor Jair sein Ruf und seine Beliebtheit bei den Studierenden vorauseilen, und das völlig zu recht. Ihr könnt aber auch in den anderen Fachbereichen Scheine erlangen, nur solltet ihr es dann auf keinen Fall verpassen, euch vorher in den entsprechenden Instituten in Köln zu erkundigen, welche Leistungsnachweise man aus Fortaleza mitbringen muß, um einen Hauptseminarschein anerkannt zu bekommen. In der Regel müssen hierfür Pós-Graduação-Kurse besucht werden. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang weiterhin, daß die Seitenanzahl der anzufertigenden Hausarbeit ausschlaggebend für die Anerkennung des Scheins in Köln sein kann. Es ist auch möglich, mehr als einen Pós-Graduação-Kurs zu besuchen, doch einen dieser Kurse ernsthaft vorzubereiten zumindest bei Jair bedeutet schon ausreichend Beschäftigung. Dafür lohnt es sich allerdings auch. Außer in den hochklimatisierten Räumen der Volkswirte zu sitzen (Strickjäckchen nicht vergessen), sollte man es nicht versäumen, das Land kennenzulernen, in dem man sich gerade befindet. Es ist daher ratsam, vor, während und im Anschluß an das Auslandsstudium genügend Zeit zum Reisen einzuplanen. Auf Reisen und Festen (dazu zählt natürlich auch der Karneval!) Land und Leute und deren Kultur kennenzulernen, ist ein wichtiger und legitimer Bestandteil des Auslandsstudiums (zu diesen Themen siehe weitere Artikel in dieser Ausgabe und den Hinweis auf den Diavortrag). Das im Laufe des RWL-Studiums theoretisch Erarbeitete erhält nicht nur plötzlich eine konkrete Gestalt, wodurch es einem sehr viel näher kommt, sondern man gewinnt außerdem einen starken Motivationsschub, das noch weiterhin theoretisch zu Erarbeitende leichter zu bewältigen. Neue Perspektiven durch AuslandsstudienFür viele nimmt das Studium mit einem Auslandssemester ganz neue Formen an, und meist zeichnet sich dadurch ein Thema für die Diplomarbeit ab, das einem selbst in sehr persönlicher Weise am Herzen liegt. Man kann das Auslandsstipendium auch von vornherein zu Recherchen für die Diplomarbeit nutzen und/oder ein Praktikum anhängen. Gerade für diejenigen, die sich noch nicht über einen zukünftigen Beruf (oder eine Berufung?) im klaren sind, ist ein Auslandsstudium mit Praktikum sehr hilfreich. Eine Praktikumsstelle in Lateinamerika zu finden, stellt kein großes Problem dar. Oft reicht es sogar, sich vorzustellen, um am nächsten Tag anzufangen. Auch die Bewerbung zu den Stipendien sollte niemanden abschrecken. Es werden vom DAAD zwar überdurchschnittliche Leistungen im bisherigen Studium verlangt, doch dies ist nicht mit einem Schnitt von eins gleichzusetzen, sondern mit Noten, die über dem Durchschnitt liegen, d.h. besser als drei sind. Dabei läßt sich ein verunglücktes Vordiplom mit sonstigen guten Leistungen ausgleichen. Für das Auswahlgespräch wird erwartet, daß man sich mit der Geschichte, Literatur, Politik und Wirtschaft des Gastlandes beschäftigt hat und sich darüber in der Sprache des Landes unterhalten kann (es werden keine perfekten Sprachkenntnisse vorausgesetzt). Dies sollte für RWLerInnen keine Hürde bedeuten, schließlich handelt es sich hierbei um unsere ureigenen Studieninhalte. Die bürokratischen Formalitäten in Brasilien sind mit Hilfe des ehemaligen Stipendiaten Björn Gerstenberger erstellten und bei Prof. Feldsieper erhältlichen Handzettels auch kein Hindernis mehr, zumal das entsprechende Sekretariat der UFC die Kölner Studierenden mit größter Hilfsbereitschaft unterstützt. Sogar eine Verlängerung des Studiums (dann allerdings auf eigene Kosten) um sechs Monate ist unproblematisch und meiner Meinung nach sehr lohnenswert. Es lohnt sich!Für BAFöG-Empfänger ist dies übrigens wärmstens zu empfehlen, da man zwei Auslandssemester finanziert bekommt, jedoch nur an einem Stück und im selben Land. Diese zählen nicht zur Regelstudienzeit, d.h. man bekommt ein Jahr Ausland geschenkt. Umsonst ist diese Investition des Staates in die Studierenden deswegen längst nicht, denn das im Ausland erlangte Fachwissen und die Erfahrungen zahlen sich garantiert aus. Sobald das Studium beendet ist und man ein festes Arbeitsverhältnis eingeht, kann man mit solchen Gelegenheiten nicht mehr rechnen. Wir können uns als RWLerInnen auch kaum beschweren, daß uns nicht genug Möglichkeiten geboten werden, wenn wir nicht einmal die hervorragende Chance eines Auslandsstipendiums wahrnehmen. Hinzu kommt, daß die Stipendienplätze gestrichen werden, sollte sich kein größeres Interesse bei den Studierenden zeigen. Der Weihnachtsmann kommt schließlich auch nur zu den Kindern, die an ihn glauben (und immer fleißig ihre Hausaufgaben gemacht haben). Ich bin zwar nicht der Weihnachtsmann, aber glaubt mir, es lohnt sich! Tim Neufert Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000 |