|Portuñol 16 - Übersicht|

Die Romanze der Dona Flor

- Das späte Glück des Blumenmädchens? -

Wer erinnert sich nicht gerne an das blinde Blumenmädchen aus Chaplins Stummfilmklassikern, das der komische Held auf seine ihm eigene Art zu erobern versucht... Unser Blumenmädchen hat die Blüte ihrer jungen Jahre bereits überschritten: Neide Oliveira Santos ist 52 Jahre alt und verkauft seit zehn Jahren Blumen an der »Praia de Iracema«, der Flaniermeile der nordostbrasilianischen Millionenstadt Fortaleza.

Als ich sie heute treffe, sitzt sie erschöpft an eine Wand gelehnt, den Blumenkorb schützend zwischen Stuhl und Wand geklemmt, und schläft. Es ist früh, halb elf und das Geschäft läuft erst langsam an. Trotzdem ist Neide bereits erschöpft, erschöpft von einem Alltag, der ihr alles abverlangt: denn Neide verdient ihr Geld nachts, arbeitet von neun bis drei, vier Uhr in der Früh, je nachdem wie die Geschäfte laufen. Um nach Hause, das in ihrem Fall ein kleines Mietshäuschen in einem der ärmeren Viertel an Fortalezas Peripherie ist, zu gelangen, muss sie dann noch den ersten Bus gegen halb sechs abwarten, um den etwa einstündigen Heimweg antreten zu können.

Dies gibt ihr in der Morgenfrüh noch Zeit, einige Besorgungen für die Familie zu tätigen. Manchmal ergattert sie Speisereste aus den Küchen der zahlreichen Restaurants der »Praia de Iracema«, ein andermal verteilen die Schnellimbisse und Supermärkte im Centro der Stadt überfällige Lebensmittel. Die zur Zeit wichtigsten Dinge, Eier und Milch, die muss sie allerdings von dem zuvor verdienten Geld erstehen. Sie sind für Neides hochschwangere Tochter Mariana (18), die zu Hause auf die Ankunft der Mutter wartet. Neben ihr besteht Neides Familie aus den Söhnen Marcos (21) und Mário Cesar (13), dem Ex-Mann Marcos (42), der zur Zeit wieder Unterschlupf bei Neide sucht, der 86-jährigen Mutter und Alan (12), einem vernachlässigten Jungen aus der Nachbarschaft, den Neide bei sich aufgenommen hat. Am schlimmsten, so Neide, sei die Alte, die sie tagsüber nicht zum Schlafen kommen lassen würde.

Vor drei Jahren ist Neides dritter Sohn Magno Aurélio mit seinem Fahrrad von einem Bus erfasst worden und tödlich verunglückt. Omnibusfahrer mag Neide deshalb bis heute nicht. Aber: »Ich bin leider auf sie angewiesen«, sagt sie und kann die Tränen in den Augen nicht unterdrücken. Magno Aurélio wäre jetzt fünfzehn Jahre alt, doch, so sagt Neide: »Vielleicht war es gut, dass er starb. Er war schon früh sehr rebellisch, hing ständig am Gameboy und hat die Schule vernachlässigt. Gott weiß wohl, wie er waltet...«. Wirklich überzeugt von dem, was sie sagt, scheint sie allerdings nicht zu sein...

»Sie fing an, Kleber zu schnüffeln...«

Die schwangere Mariana schlug mit dreizehn Jahren aus dem Ruder, als sie anfing, Kleber zu schnüffeln und »Programm zu machen«. Den Drogenkonsum hat Mariana durch die Tatkraft der Mutter schnell aufgegeben. »In jener Zeit wäre ich beinah ins Spital gekommen«, schildert Neide, »einmal bin ich sogar mit dem Messer auf sie losgegangen. Zum Glück hat mich mein ältester Sohn damals davon abgehalten, sie umzubringen.« (Wieder treten scheu einige Tränen aus den Augenwinkeln.) »Programm« macht Mariana allerdings heute noch, will sagen, sie bietet ihren Körper den zahlreichen Touristen aus aller Herren Länder an, den Herren der Touristenländer. Der Sextourismus in Fortaleza boomt, groß ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Nachfrage bestimmt das Angebot, und so fügt sich eins zum anderen. Mariana hat immerhin die Volljährigkeit vor diesem, ihrem ersten Kind erreicht.

Der italienische Papi schickt monatlich Geld

Und dabei hat sie noch Glück gehabt, denn der italienische Papi hat sich mindestens bislang noch nicht voll der Verantwortung entzogen und schickt monatlich etwas Geld. Marianas Traum ist natürlich die baldige Hochzeit mit dem Traumprinzen und die Umsiedlung nach Italien. Immerhin, so verkündet Neide stolz, besitzt der »Schwiegervater« in Italien ein größeres Unternehmen.

Neides Jüngster, Mário Cesar, ist still, hat kaum Freunde, aber befindet sich nach Auffassung der Mutter auf dem richtigen Weg. Ebenso der Älteste, der der städtischen Arbeitslosigkeit entflohen ist und nun als Lohnarbeiter im Landesinneren, dem »interior«, von Ceará, so der Name des Bundesstaates, in dem Fortaleza liegt, sein Glück versucht. Die extremen klimatischen Verhältnisse des »interior«, vor allem die »secas«, die Dürren, sind landesweit berüchtigt. Doch Marcos, der Älteste, scheint sich gut zu schlagen. »Früher hat er zwar »maconha« (also Haschisch) geraucht, aber dabei niemals gestritten. Ein guter Junge. Heute arbeitet er die ganze Woche und geht nur am Wochenende trinken, »cachaça«... Aber so ist das halt auf dem Land...«. Und in der Tat hilft »cachaça« hier in einer der ärmsten Gegenden Brasiliens über vielen Kummer hinweg, denn der hochprozentige Zuckerrohrschnaps ist spottbillig. Dass Alkoholismus eine Krankheit ist, ist dabei den wenigsten bewusst.

Neides Ex-Mann Marcos, dessen Name auf den Erstgeborenen überging, ist zweiundvierzig. Er leidet bereits an einem schweren Leberschaden und kehrte, als er pflegebedürftig wurde, zurück ins Haus der Ex-Frau, die ihn genügsam wieder aufnahm. »Die Neue«, so verkündet Neide mit einem schelmischen Lächeln, »hat sich zu wenig um sein Leiden gekümmert. Letztlich kann er mir jedoch gestohlen bleiben, denn mir geht es so gut wie nie«, weist Neide kämpferisch auf die gewonnene und liebe Freiheit hin. Marcos geht es mittlerweile jedenfalls wieder besser und so trägt er mit fünfzehn Reais (also etwa fünfzehn DM) zum wöchentlichen Unterhalt bei. Das Geld verdient er sich als kleiner Zwischenhändler von Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln, die er billig ankauft und teurer weiterverkauft.

Ebenso wie Neide, die ihre Blumen im Sechziger-Pack für sechsunddreißig Reais von einer Floristin ersteht und für zwei bis drei Reais das Stück verkauft, arbeitet Marcos im sogenannten »informellen Sektor«, eine für Lateinamerika typische Erscheinung. Der informelle Sektor umfasst die Vielzahl kleinerer, schlechtbezahlter und ungeregelter Tätigkeiten wie eben den (Weiter-)Verkauf von Billigwaren, aber auch das Schuhsputzen und allerlei Reparationsarbeiten. Er befindet sich seit Anfang der Neunziger Jahre mit der Öffnung der brasilianischen Wirtschaft für die ausländische Konkurrenz und der Privatisierung der großen Staatsunternehmen in einem dynamischen Wachstumsprozess. Heute rechnen Experten damit, dass der informelle Sektor weit über fünfzig Prozent der werkstätigen Bevölkerung beschäftigt und so deren Überleben sichert. Denn in Brasilien gibt es kein soziales Netz, das die Arbeitslosen auffangen würde. Entsprechend gering, mit etwa siebeneinhalb Prozent, ist der Satz der offenen Arbeitslosigkeit. Den ärmeren Bevölkerungsschichten, die durch mangelnde oder schlichtweg fehlende Schul- und Berufsausbildung schon von Geburt an aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben weitgehend ausgegrenzt sind, bleibt so nur der Weg in den informellen Sektor.

Doch zurück zu unserem tapferen Blumenmädchen, das ohne Vater aufwuchs und seit seinem dreizehnten Lebensjahr immer gearbeitet hat. »Schreiben und lesen habe ich nie gelernt,« sagt sie traurig und wieder rollt eine schwere Träne über die Wange. Heute kann sie mit einiger Mühe immerhin Rechnungen und Schilder lesen. Ihr Gottvertrauen und der Glaube in die Heilige Jungfrau Fátima, an deren Namenstag sie zur Welt kam, sind ihr die größten Stützen. »Graças a Deus« – Gott sei Dank...

Neides größter Traum ist es, das Geld aufzubringen, um das Mietshaus zu kaufen und endlich eigene vier Wände zu besitzen. Die Wohnung im Conjunto, einer Art sozialem Wohnungsbau, würde zweitausend Reais kosten. Ein Haufen Rosen, den sie bis dahin verkaufen müsste...

»Denn letztlich sitzen wir alle im selben Boot«

Als sie mich am nächsten Tag abholt und mit zu sich nach Hause nimmt, lerne ich ihr Heim kennen. Es liegt in einer Straße, in der mittlerweile ein Großteil der Frauen vom Blumenhandel lebt. »Meine Nachbarin und ich waren damals die ersten, die anfingen, Blumen zu verkaufen. Als die übrigen Nachbarn mitkriegten, dass das Geschäft gut lief, fing eine nach der anderen an, ebenfalls Blumen zu verkaufen. Früher war es jedenfalls einfacher, heute ist die Konkurrenz groß. Aber wir verstehen uns gut, denn letztlich sitzen wir alle im selben Boot«, erklärt mir Neide die Situation.

Und dann gelangen wir an ihr Haus und treten in den Hof. Er ist voller Käfige, es wimmelt von Hühnern, Küken, Wachteln, Hundewelpen und Katzen, ein regelrechter Bauernhof. Im Kabuff, das am eigentlichen Wohnhaus klebt, hat sie die Mutter untergebracht. Neide liebt sie nicht, aber die Alte hat ja sonst niemanden.

Wir treten ins Haus, die Einrichtung ist karg: Neben obligatorischem Kühlschrank und Fernseher stehen verstreut ein Tisch, ein Herd, einige Sessel und ein Sofa. Geschlafen wird in Hängematten, was nicht nur praktisch, sondern im heißen Nordosten Brasiliens auch durchaus üblich ist. Dies gilt allerdings nicht für die schwangere Mariana, sie hat in ihrem Kämmerchen ein eigenes Bett.

Als wir eintreten, läuft, wie nicht anders zu erwarten, der Fernseher. Eine der zahlreichen kitschig anmutenden »novelas« flimmert über die Mattscheibe, gewährt den Armen Einblick in die Welt der Reichen und Schönen und schürt Träume. Auch bei der Familie von Neide, die bis auf Magno und den Vater, der unterwegs ist, Geschäfte zu machen, geschlossen vor dem Fernseher hockt. Da ist Mário Cesar, da ist der Pflegesohn Alan und da ist die schwangere Mariana...

Während Neide in der Küche mit Töpfen herumhantiert, um das Abendmahl zu bereiten, rechnet sie mir die laufenden Ausgaben vor: Die monatliche Miete kostet elf Reais, Wasser und Abwässerentsorgung kostet zwanzig (»...der größte Batzen...«) sowie einige Reais für den Strom. Zum Telefonieren geht Neide auf die Straße vor dem Haus. Der große Traum von den eigenen vier Wänden dominiert auch jetzt ihr Denken. »Mas primeiro vem o netinho! - Aber zuerst mal kommt der Enkel !«, und auf den wartet sie mit Ungeduld. Dass Mariana selbst noch ein Kind ist, ist nur von sekundärer Bedeutung.

Und einige Tage später ist es dann soweit. Als ich mich bei den Kolleginnen an der »Praia de Iracema« über den Verbleib von Neide erkundige, verkünden sie mir die glückliche Nachricht: »Der Kleine kommt!« Schon in der nächsten Nacht treffe ich Neide selbst, die sich gerade jetzt keinen Urlaub und Ausfall des Verdienstes leisten kann. Sie wirkt noch abgearbeiteter als sonst, aber glücklich. Denn tatsächlich ist der sehnlichst erwartete Enkel nun da. »Zwar mit Kaiserschnitt, aber ihm geht es gut.«

Und so endet die Geschichte des Blumenmädchens. Der große Traum von den eigenen vier Wänden hat sich indes nicht erfüllt, und auch kein Chaplin hat sich des Blumenmädchens angenommen und es aus seiner Blindheit erlöst, nur ein anderer, kleinerer Held hat die Bühne betreten...

 Jan Schikora

|Portuñol 16 - Übersicht|


Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000