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- Karneval als Opium des Volkes: „quero mais…” -

Man muß es fast als einen Wink des Schicksals betrachten (habe ich das irgendwann schon mal gehört?), daß unser DAAD-Austauschprogramm mit Fortaleza im März beginnt und man somit ohne größeren organisatorischen Aufwand unmittelbar zuvor ein “Jahrtausendereignis” miterleben kann – den brasilianischen Karneval. Sobald man mitbekommt, wie sich dieses “Jahrtausendereignis” Jahr für Jahr - und in abgeschwächter Form sogar Monat für Monat - fast monoton wiederholt, geht der Eindruck der Einzigartigkeit zwar verloren, doch die Faszination bleibt, und die Begeisterung für die brasilianischen Rhythmen wird einen wohl nie mehr verlassen. (Gewisse Fachschaftsparties dokumentieren dies.)
Natürlich kann die Ausgelassenheit des Karnevals nicht darüber hinwegtäuschen, daß dies für viele Menschen in Brasilien der einzige Moment ist, in dem die Armut für ein paar Tage hinter Masken und strahlenden Gesichtern verschwindet. Manch einer geht sogar so weit, den Karneval als “Opium des Volkes” zu bezeichnen – wer feiert, macht keine Revolution (ähnlich könnte hinsichtlich des futebols und der novelas argumentiert werden). Desweiteren steht der schier unendliche Kommerz des Karnevals in starkem Kontrast zur wirtschaftlichen Lage der Region.

In Salvador ziehen die Bands auf im wahrsten Sinne des Wortes “Bandwagons” durch die Straßen. Rund um diese trios elétricos wird durch ein enormes Tau, von Hunderten von Hilfskräften gehalten, eine Fläche abgespannt, in der die Fans – von Taschendieben und anderen Gefahren abgeschirmt – sicher feiern können. Diese Sicherheit kostet sie je nach Beliebtheitsgrad der Band zwischen 150 und 600 Reais für drei Tage (im Februar 1998 entsprach der Real noch fast dem Dollar!) und liegt damit selbst im günstigsten Fall über dem gesetzlichen Mindestlohn eines Monats (ganz abgesehen davon, daß viele Menschen gerade im Nordosten nicht einmal den Mindestlohn verdienen). Wer sich das nicht leisten kann, feiert “draußen” in der pipoca, im “Popkorn”. Das haben wir auch gemacht, nur bedarf es dort größerer Vorsicht.

Kommerz des Karnevals

Um das lukrative Geschäft des Karnevals auf das ganze Jahr auszudehnen, haben es sich die Bands aus Salvador ausgedacht, fast jedes Wochenende woanders Karneval zu feiern. Dieser “Carnaval fora de época” zieht komplett mit Bands und z.T. sogar dem “Fußvolk” wie Getränke- und Würstchenverkäufern durch das ganze Land. So kann man beispielsweise im Mai in Teresina Karneval feiern, Ende Juli in Fortaleza den sogenannten Fortal und anschließend in Recife die Recifolia, usw. bis runter nach São Paulo. Dafür geschieht im Februar beim eigentlichen Karneval in den meisten Städten nicht viel. Die Hauptzentren des Karnevals im Nordosten sind Salvador und Recife/Olinda, die sich ähnlich wie Köln und Düsseldorf um den ersten Rang streiten. Während die Entscheidung zwischen Köln und Düsseldorf natürlich offensichtlich ist, wird es bei Salvador und Recife schon schwieriger. Die beste Lösung ist es, beide zu besuchen. Beide bieten einerseits den Riesentrubel mit beliebten Bands wie Timbalada, Olodum, Daniela Mercury, Chiclete com Banana, Banda Eva, É o Tchan, die neben vielen anderen (in Salvador unglaublich vielen!) die Strandpromenaden auf und ab spielen, und andererseits den “ruhigeren” traditionellen Straßenkarneval mit bunten Kostümen und kleinen Musikgruppen, welche durch die kolonialen Gassen und Straßen der Altstädte ziehen.

Salvador, der Karneval und die Lavagem do Bonfim

In Salvador findet der traditionelle Karneval vor allem im Pelourinho statt, wo genau genommen das ganze Jahr über dienstags Karneval “geübt” wird, und das nicht nur in Form der öffentlichen Proben Olodums. Die ersten Feiern beginnen in Salvador im Januar, um sich bis Februar warmzutanzen. Am 14. Januar versammeln sich etwa eine Millionen Menschen - hell gekleidet - in den Straßen Salvadors, um die acht Kilometer zur Igreja do Bonfim zu pilgern und eine rituelle Waschung der Kirchenstufen durchzuführen - a Lavagem do Bonfim. Die Baianas tragen dabei ihre traditionellen weißen Kleider und eine Vase mit parfümiertem Wasser und weißen Blumen auf dem Kopf. Es ist bemerkenswert, wie einige alte Mütterchen die ganze Strecke die Vase auf dem Kopf balancieren. Carlinhos Brown, der auch 1999 wieder mitgepilgert ist, hat es sich leichter gemacht und das Wasser von seinen Dutzenden von Timbalada-Mitgliedern tragen lassen, dafür aber gleich fässerweise. In den vorherigen Jahren sind fast alle großen Musikgruppen dabei gewesen, und zwar auf ihrem trio elétrico - der Unterschied zum Karneval ließ sich nicht mehr feststellen. Inzwischen wird dies unterbunden, um dem religiösen Charakter des Ereignisses nicht zu widersprechen. Im Anschluß wird natürlich gefeiert, schließlich ist Januar!

Karneval in Recife

In Recife beginnt der Karneval offiziell mit dem Galo da Madrugada am Freitag vor Aschermittwoch, dem größten Karnevalszug der Welt mit zwei Millionen Menschen und vierundzwanzig Stunden Nonstop-Party. Ähnlich chaotische Zustände herrschen im historischen Olinda, in unmittelbarer Nähe Recifes. Dort liefern sich dichtgedrängt die Jungen und Junggebliebenen Wasserschlachten mit Wasserpistolen oder gleich mit Gartenschläuchen, und in allen Sträßchen begegnet man kleinen Musikgruppen. An den verschiedenen Tagen gibt es unterschiedliche, ausgefallene “Züge” (Blocos) wie “A Porta”, bei dem auf zwei Balken eine Tür getragen wird, vor der jeder, der dazu Lust und Laune hat, sich seiner ohnehin spärlichen Bekleidung entledigen kann. Beim Bloco “Coisa Segura” besteht das inoffizielle Einvernehmen mit der Polizei, daß frei Maconha (Marihuana) geraucht werden darf. Die Polizei zieht es an dem Tag vor, mitzurauchen, als Hunderte von Menschen zu verhaften. (Ansonsten wird Marihuanabesitz, selbst in kleinen Mengen, mit zwei Jahren Gefängnis geahndet.)
Es ist empfehlenswert, sich tagsüber von den bunten Massen Olindas treiben zu lassen, und abends, wenn sich diese inzwischen durch all das verspritzte Wasser (dies übrigens auch in Jahren größter Trockenheit wie 1998/99) in Matsch verwandelt haben, nach Recife zu entfliehen. Dort ist es nach dem Galo da Madrugada wesentlich überschaubarer. Im Zentrum Recifes und in Recife Antigo spielen auf fünf verschiedenen Tribünen landes- und sogar weltweit bekannte Gruppen wie Selma do Coco, Lenine, Moraes Moreira, Zé und Elba Ramalho und viele mehr die ganze Nacht und für alle frei zugänglich. Auch Sambaschulen ziehen durch die Straßen, doch das Hauptaugenmerk gehört in Recife und Olinda dem Maracatu, der auf die afrikanischen Königskrönungen zurückgeht.

Höhepunkt: Maracatu - Nação Pernambuco

Einer der Höhepunkte des brasilianischen Karnevals vollzieht sich, wenn die Formation „Nação Pernambuco“ am Dienstag vor Aschermittwoch die Markthalle in Olinda verläßt, im markanten und mitreissenden Rhythmus des Maracatus durch die wunderschöne koloniale Stadt schreitet und nach drei Stunden mit der gleichen Energie in die Markthalle zurückkehrt und dort jedem einzelnen mit ohrenbetäubendem Trommelwirbel seine allerletzte Kraft entlockt. Allein dieser Abend ist es schon wert, den Karneval im brasilianischen Nordosten zu besuchen. (Es ist übrigens auch möglich, die Gruppe außerhalb der Karnevalszeit an Sonntagen bei Proben zu hören.)

Den krönenden Abschluß des Karnevals von Olinda behält sich der Prinz der traditionellen Musik des Nordostens vor, Alceu Valença, der an jedem Aschermittwoch mit seinem Bloco Maluco Beleza vom Balkon seines Hauses aus die Morenas Tropicanas besingt und damit die auf ihn wartende Menschenmenge begeistert. Wenn schließlich bei der Ballade “Olinda” ausnahmslos alle mit einstimmen und Alceu die Tränen in den Augen stehen, fühlt sich auch jeder ausländische Besucher nicht nur als Brasileiro, sondern gleich als Pernambucano.

Wer neugierig geworden ist und sich gerne von all dem ein Bild machen möchte, noch bevor der nächste Karneval naht, ist herzlich am 26. Januar zu einem Diavortrag über den brasilianischen Karneval und den Nordosten eingeladen (Bachemerst. 51, 20.00 Uhr).

Tim Neufert

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000