1900 - 2000- Hundert Jahre Brasilien -Der Sprung ins neue Jahrtausend wurde in der Metropole Rio de Janeiro bescheiden gefeiert: angeblich schlicht die größte Silvesterfeier der Welt! Millionen Menschen tanzten im Millenniumfieber zu Sambaklängen und im Licht eines gigantischen Feuerwerks in der Bucht der heimlichen Hauptstadt, ganz nach dem Motto »Besser als Karneval«. Gleichzeitig begannen die Festlichkeiten zur Erinnerung an die Landung der Portugiesen vor 500 Jahren in Brasilien. Der Anbruch des neuen Jahrtausends ist aber auch Zäsurpunkt für einen Blick auf ein wechselhaftes Jahrhundert brasilianischer Geschichte. Wie hat sich das Land entwickelt? Was war prägend für Brasilien im 20. Jahrhundert? Das brasilianische Magazin ISTOÉ sammelte dazu 100 Stichworte, von der »Ära Juscelino Kubitschek« bis zum »Wirtschaftswunder«, gleichsam ein unterhaltsamer Streifzug durch brasilianische Geschichte und Mentalität. Die Auswahl zeigt aber auch die vielen Parallelen auf, die das Tropenland mit anderen Staaten verbindet. Schon die genannten zwei Punkte und damit einhergehend der Enthusiasmus und die Entwicklung von neuer nationaler Identität und Selbstbewusstsein, die mit der Kubitschek-Ära in den fünfziger Jahren einhergeht, haben ähnlich auch die Deutschen in ihrer Nachkriegszeit erlebt, so auch die Phasen kräftigen Wirtschaftswachstums. Brasilien wurde Fußballweltmeister, die Wirtschaft wuchs kräftig, die Infrastruktur wurde massiv ausgebaut, und eine neue künstliche Hauptstadt entstand: Brasília, die Zukunftsstadt, die heute schon wie ein Denkmal einer vergangenen Zeit wirkt. Gleichsam findet man dutzendweise Meilensteine in der Entwicklung des Landes, die durch und durch brasilianisch sind, aber erfolgreich in die ganze Welt abstrahlten: in der Musik schuf Brasilien unter anderem die Bossa Nova und den Samba, jeder kennt den tropischen Karneval, und nach der Publikation von Dom Casmurro von Machado de Assis vor jetzt genau einhundert Jahren bereicherte jede Generation maßgeblich Kunst und Literatur. Und es gibt noch so viele weitere Persönlichkeiten von Weltruhm wie den Luftfahrer Alberto Santos-Dumont, den Pädagogen Paulo Freire oder den Rennfahrer Ayrton Senna, um nur einige zu nennen. Nicht zu vergessen die brasilianische Ikone schlechthin, Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, der Mann der tausend Tore, für die Brasilianer sowieso, aber auch weltweit der beste Fußballspieler aller Zeiten, darüber hinaus die Verkörperung des armen brasilianischen Schwarzen, der es bis ganz oben schaffte. Aber neben den Werken und Taten bedeutender Persönlichkeiten haben immer wieder auch sehr kleine Dinge des Alltags den Weg in die weite Welt gefunden. Der brasilianische Kaffee wäre hier zu nennen oder die Erfindung des Tangas, ohne den die Copacabana nicht Copacabana wäre (wie auch andere Strände der Welt). Und es gibt die vielen im Ausland weniger bekannten kleinen und großen Dinge, ohne die Brasilien nicht Brasilien wäre, zumindest nicht das Brasilien von heute: vielleicht hat der eine oder andere noch von Getúlio Vargas und seinem autoritären Estado Novo gehört, dessen Wirtschafts- und Sozialpolitik eine neue Epoche für Brasilien einläutete. Oder von den langen Jahren der Militärherrschaft, der Transamazônica und den massiven und andauernden Inflationsproblemen des Landes. Nur einem kleinen Kreise hartgesottener Brasilienfans dürften dann noch TV Globo, Lula, der MST, Xuxa, die Semana de Arte Moderna de 22 oder Lampião bekannt sein. Und welches Resümee zieht man aus diesen hundert Jahren bewegter Geschichte? Wie steht Brasilien da im Jahre 2000? Nun, die Demokratie scheint sich gefestigt zu haben, die neue Währung ist endlich etwas wert, Brasilien zeigt sich fest eingebunden in den Mercosul und überhaupt als bedeutende Wirtschaftsmacht, und alle technischen Errungenschaften halten genauso Einzug in das Land wie in die anderen hochindustrialisierten Staaten, vom Handy bis zum Homebanking per Internet. Aber die Schattenseiten des Schwellenlandes retten sich leider ebenso zahlreich ins neue Jahrtausend: Arbeitslosigkeit, Hunger, das soziale Elend, die Korruption, das extreme Reich-Arm-Gefälle... Und zieht damit abermals eine Parallele zum Rest der Welt: die Ziffern unserer Zeitrechnung verändern sich, die Menschen nicht! Manuel Breuer Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000 |