6.960 Meter- RISIKO ACONCAGUA -1998 forderte der höchste Berg Lateinamerikas mehr Menschenleben als der Mount Everest. »Was einem da so begegnet! Erstens so viele Einzelgänger wie an kaum einem anderen Berg, zweitens Leute, die alles anscheinend auf einmal hochschleppen (oder sich einfach nicht einschränken können) und daher natürlich kaum vom Fleck kommen, und drittens viele Gestalten ganz ohne Skistöcke oder nur mit Eispickel, was in diesem Schutt nicht die optimale Ausrüstung sein dürfte. Kein Wunder, dass an dem Berg hier so viel passiert.« Erlebnisberichte von der langen und mühseligen Besteigung des Cerro Aconcagua, nicht nur höchster Berg Lateinamerikas, sondern der gesamten westlichen und südlichen Hemisphäre, geben ein Zeugnis ab von den zahlreichen Verfehlungen und unkalkulierten Wagnissen, die viele Bergtouristen an den Flanken des Berges offenbaren. Die Aussicht, den höchsten Berg der Welt außerhalb der Gipfel Asiens zu bezwingen und ein einzigartiges Panorama in die Weiten der Anden zu genießen, lässt Jahr für Jahr Massen von Touristen in den argentinischen Nationalpark nahe der chilenischen Grenze strömen, der den Aconcagua umgibt. Die Zahl der Bergtouristen, die im nahegelegenen Mendoza in der Dirección de Recursos Naturales Renovables die circa hundert Dollar für eine Zugangsberechtigung löhnen, hat sich seit Anfang der Neunziger Jahre nahezu verdreifacht. Die Statistik verbucht für die Saison im Sommer 1996/97 immerhin 2.666 Personen alleine für die Gipfelbesteigung, hinzu kommen noch etliche Trekkingtouristen. Dass bei diesem Run auf den Berg, immerhin fast ein Siebentausender, die Gefahren völlig unterschätzt werden und sich der eine oder andere Wanderer gar in Turnschuhen auf den Weg macht, ist dann nicht weiter verwunderlich. Eine Besteigung des Aconcagua trägt grundsätzlich Expeditionscharakter und setzt eine gute Portion Bergerfahrung voraus. Wenn man sich nicht einem kommerziellen Veranstalter anvertraut, sollte man in jedem Fall für eine erfolgreiche Besteigung des Berges über ausreichend geeignetes Material und Organisationstalent verfügen. Den Transport der Ausrüstung über den langen Weg vom Ausgangspunkt Puente del Inca auf 2.700 m Höhe bis zum Basislager Plaza de Mulas auf 4.300 m überlässt man in der Regel den vielen Einheimischen, die mit Karawanen von Mulis eine Art Pendelverkehr etabliert haben. Des weiteren empfiehlt sich die Anlage eines Hochlagers mit einem zweiten Zelt zusätzlich zum Zelt im Basislager, um dort für den weiteren Aufstieg Essen und Kleidung zu deponieren und den Akklimatisierungsprozess zu vollziehen. Alles in allem muss man für die Besteigung vom Basislager schon eine Woche einplanen, die ganze Tour von und bis Puente del Inca erfordert aber mindestens das Doppelte. Die Schwierigkeiten des Aconcagua liegen indes nicht in der bergsteigerischen Technik begründet. Nein, auf der relativ simplen und meist gut zu erkennenden Route auf den Berg durchquert man weder Gletscher, Steinschlag- oder Lawinenzonen noch ist man mit anderen Problemen aus Fels, Schnee und Eis konfrontiert, zumindest nicht unter den Füßen. Die Gefahr des Andengipfels rührt aus den unsicheren Wetterbedingungen selbst im Sommer der Südhalbkugel. Die Nähe zum Pazifik ist der Grund für häufig aufkommende schwere Stürme und plötzlich hereinbrechende Gewitter. So ein Unwetter kann in der Höhe fatale Folgen haben, aus 25 °Celsius werden so schnell lebensbedrohliche 60 ° empfundene Temperatur. Stürme aus EisEin weiteres Phänomen des Aconcagua sind aus dem Westen kommende Gipfelstürme aus winzigen Eiskristallen, auch eine Folge feuchter aufsteigender Luftmassen vom Ozean, deren Kontakt man tunlichst vermeiden sollte. Laut Statistik hat jeder vierte Aconcagua-Besteiger Erfrierungen zu beklagen, in besonders schlimmen Fällen mussten gar Zehen amputiert werden. Ein weiteres Risiko erwächst aus der dünnen Luft, die auf dem Aconcagua nicht einmal die Hälfte des Drucks auf Meereshöhe erreicht. Der menschliche Organismus ist daher nicht mehr in der Lage, ausreichend Sauerstoff aufzunehmen, die Folgen sind ein dramatischer Verlust körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Die trockene dünne Luft trocknet den Körper aus, das sich verdickende Blut macht den Organismus noch anfälliger für Erfrierungen. Schwerer Atem, Herz-Kreislauf-Probleme, Apathie, unruhiger Schlaf, Verdauungsprobleme, starke Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Übelkeit und Erbrechen, die Qualen der Höhenkrankheit sind endlos. Aber das ist immer noch nicht alles. Starke UV- und Höhenstrahlung gefährden die Augen und die Haut, Gletscherbrille und Sonnenschutz sind ein Muss, aber trotzdem werden an den Gipfelstürmern immer wieder schwerste Verbrennungen an Nase und Lippen beobachtet. Dieser doch recht abschreckende Katalog von Problemen zeigt deutlich, dass es mit guter Kondition noch lange nicht getan ist. Der Alpinist am Aconcagua braucht schon eine gehörige Portion Geduld, Ausdauer, psychische Stärke und Ausgeglichenheit, wenn er es dem Schweizer Matthias Zurbriggen gleichtun will, der den Gipfel dieses erloschenen Vulkans zum ersten Mal bestieg, vor nunmehr über hundert Jahren am 14. Januar 1897. Grabbeigaben, die in der Nähe gefunden wurden, zeugen aber davon, dass der Aconcagua und benachbarte Berge wohl auch schon von den Inkas mit vergleichbar primitiver Ausrüstung bewältigt wurden. Jedoch war dieses Volk an seinen andinen Lebensraum hervorragend angepasst im Gegensatz zu den vielen Flachlandtouristen, die in der Höhe leicht ihr Leben riskieren. Hat man jedoch endlich alle Hindernisse überwunden und das Gipfelplateau erreicht, so wird man schließlich mit einer unglaublichen Fernsicht belohnt, die nach West und Ost nicht nur das relativ schmale Band der Anden umfasst, sondern meist weit in die Ebene der argentinischen Pampa und nach Chile reicht. Aber auch hier angekommen kann der Bergsteiger noch nicht aufatmen, was ihm oder ihr in der dünnen kalten Luft ohnehin schwer fallen würde. Die Kraftreserven müssen auch noch für einen sicheren Abstieg reichen! Erst bei der Rückkehr nach Puente del Inca, nach einem langen strapaziösen Marsch, ist die Freude groß, den höchsten Punkt Amerikas bezwungen zu haben. Manuel Breuer
Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 21.02.2000 |