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15 - übersicht|
Vom Umgang Spaniens mit der eigenen Geschichte
- „Somos muy pasotas” -
Stolz blickt der Alcázar von Toledo seit dem 12. Jahrhundert
auf die zentralspanische Stadt unweit von Madrid herab. In seinen schweren
Mauern beherbergte der Palast unzählige maurische und spanische Fürsten,
bis er 1936 durch den Bombenhagel der republikanischen Regierungstruppen
fast völlig zerstört wurde. Doch Franco gab dem Palast nach
dem spanischen Bürgerkrieg in jahrzehntelangen Aufbauarbeiten sein
altes Aussehen zurück. Daß dem Alcázar diese ausgesprochen
aufwendige Zuwendung zuteil wurde, verdankte er der Tatsache, daß
sich hier von Juli bis September 1936 die aufständischen Faschisten
unter dem Befehl des Generals Moscardó heldenhaft gegen
die anstürmenden Rojos verteidigt hatten, um schließlich
vom Generalísimo befreit zu werden.
In der Franco-Zeit bildete der Palast ein Paradebeispiel propagandistischer
spanischer Geschichtsdarstellung und Legendenbildung. Ein besonders delikates
Beispiel ist der Despacho del General Moscardó, der
in seinem Originalzustand belassen wurde - bis zum heutigen Tag: Die Wände
zieren Granateneinschläge, von den Decken hängen seit 63 Jahren
die von den Bombardements erschütterten Verkleidungen herab. Höhepunkt
aller Skurrilitäten ist die Wiedergabe eines Telefongesprächs
des Generals mit dem republikanischen Anführer, der von Moscardó
die Aufgabe des Alcázars forderte, da er sonst seinen von den Republikanern
entführten Sohn verlieren würde: Schenke deine Seele Gott
und rufe: Viva España! und stirb wie ein Patriot, lautete
die Antwort des Franco-Generals. Spätromantische Sinfonik, die aus
Uraltlautsprechern knistert, gibt der Szene das entsprechende Pathos.
In 18 Sprachen übersetzt, soll auch der letzte japanische Tourist
erfahren, zu welchen Greueltaten die bösen Republikaner
imstande waren. An der Verdrehung historischer Tatsachen wird in Spanien
also auch am Ende des 20. Jahrhunderts nicht gerüttelt!
Anfang 1999 kam nun in den spanischen Zeitungen kurz eine Diskussion um
die geplante Umstrukturierung des Alcázars auf: Bis zum Jahr 2004
soll das bisher in Madrid angesiedelte Militärmuseum nach Toledo
ausgelagert werden. Es stellt sich die Frage - was bleibt, was kommt weg?
Denn in den Schaukästen des Museo del Ejército sieht es ähnlich
aus wie in Toledo. In der Abteilung Geschichte des Bürgerkriegs
bekommen spanische Schulkinder nach 25 Jahren westeuropäischer Demokratie
eine rechte Portion undokumentierter franquistischer Historiographie aufgetischt:
Der 1936 demokratisch gewählten Linksregierung gilt nach wie vor
das Attribut des Feindes Spaniens, der marxistischen
Horde, gegen welche die Faschisten einen glorreichen Befreiungskreuzzug
führten. Im Lorbeersaal finden die Heldinnen des Bürgerkriegs
ihre Würdigung - allerdings nur jene, die auf Seiten Francos gekämpft
hatten. Dutzende ausgestellte Briefe zeugen vom Leid der Kriegsgefangenen,
die in den republikanischen Gefängnissen, sogenannten checas,
eingekerkert waren. Für die Hilferufe der in den sicher nicht minder
brutalen franquistischen Folterstätten Eingesperrten ist in den Vitrinen
aber kein Platz geblieben.
Über die Ausstellungsinhalte respektive Veränderungen des Militärmuseums
verlieren die Verantwortlichen - der spanische Verteidigungs- und der
Kulturminister - kein konkretes Wort und beschränken sich lieber
auf architektonische Entwurfsausführungen. Was Toledo angeht, so
steht fest, daß der Despacho im alten Zustand verbleibt. Auch der
1997 in der Krypta beerdigte franquistische General Milans del Bosch,
verantwortlich für den 23 F von 1981, darf seine letzte
Ruhestätte behalten.
Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Franco-Diktatur hat Spanien in
vielen Fällen mit den ideologischen Aufräumarbeiten noch nicht
einmal begonnen. Wie im Fall Toledo wird die wünschenswerte öffentliche
Auseinandersetzung schnell wieder zu den Akten gelegt. Zu erklären
ist dieser Zustand vielleicht mit den Auswirkungen der transición,
dem nach Francos Tod 1975 von Juan Carlos I. eingeleiteten langsamen
Übergang. Man entschied sich gegen den radikalen Bruch mit
dem bisherigen Regime, um die Zustimmung der wichtigsten Machteliten zum
Herrschaftswechsel zu erreichen. Gleichzeitig gab die Regierung den Franquisten
damit die Sicherheit, von persönlichen Konsequenzen verschont zu
bleiben.
Die Auswirkungen der transición schlagen sich heute
in der oftmals sehr ignoranten Einstellung gegenüber der eigenen
Geschichte nieder. Somos muy pasotas, kommentiert ein Spanier
achselzuckend. Und so ziehen es Politiker und Öffentlichkeit offensichtlich
vor, unliebsame Reminiszenzen bei Gelegenheit unauffällig in den
Kellerdepots verschwinden zu lassen und so der möglichen öffentlichen
Diskussion stillschweigend den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Stefanie Bolzen

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Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 25.07.99
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