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15 - übersicht|
Der Krausismo
- Deutsche Philosophie in Lateinamerika -
Die enorme politische und kulturelle Wirksamkeit der Philosophie des
deutschen Denkers und Kantschülers Karl Christian Friedrich Krause
(1781-1832) in Spanien und Lateinamerika ist ein erstaunliches Phänomen
in der Rezeptionsgeschichte der Philosophie, das bisher wenig Beachtung
gefunden hat und in seiner Intensität nur noch mit dem Einfluß
der Philosophie Auguste Comtes verglichen werden kann. Im Gegensatz zu
verschiedenen anderen philosophischen Strömungen des 19. Jahrhunderts
konnte die von Krause inspirierte idealistische philosophische und Reformbewegung
eine Wirkung entfalten, die - wie das Beispiel Argentinien zeigt - bis
in die jüngste Geschichte reicht. Die Wirkungsgeschichte Krauses
in Spanien und Lateinamerika muß den deutschen Leser überraschen,
da sein Name hierzulande auch in philosophischen Kreisen weitgehend unbekannt
ist.
Der Bekanntheitsgrad des Mannes ist heute nur geringfügig gestiegen.
Die Impulse seines Denkens haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidend
den Aufbruch Spaniens in eine freiheitliche Kultur beeinflußt. Auch
in einigen Ländern Südamerikas erinnerte man sich immer dann
mit Nachdruck des Krausismo, wenn es galt, freiheitlichen
Verfassungstraditionen im politischen Leben der Gegenwart wieder Geltung
zu verschaffen. Krauses Ideen des allgemeinen und gleichen Wahlrechts,
der Autonomie gesellschaftlicher Verbindungen und der Bereitschaft zum
Widerstand gegen staatliche Oppression spielten eine bisher unterschätzte
Rolle auf dem Weg der Redemokratisierung Spaniens und Lateinamerikas.
Was Spanien betrifft, sei hier nur folgendes erwähnt. Das Fehlen
moderner liberaler Ideen im damaligen Spanien und das Vorhandensein verknöcherten
scholastischen Denkens bildeten ein beträchtliches Hindernis für
angestrebte Reformprogramme. So versuchte man, die Überwindung der
Bildungsmisere in den Universitäten durch Aufnahme moderner europäischer
Ideen und ihre Verbreitung zu erreichen. Als Julián Sanz del Río
(1814 bis 1869), Professor für Philosophiegeschichte an der Madrider
Zentraluniversität, im Auftrag der Regierung auf einer Bildungsreise
den Rechtsphilosophen Heinrich Ahrens kennenlernte, empfahl ihm dieser,
das Studium der krausistischen Philosophie in Heidelberg aufzunehmen.
Sanz, ein frommer Mann, wollte mit Hilfe der Krauseschen Philosophie in
Spanien so wirken, daß die Religion einer Belebung der Kultur, einer
Reform des Bildungswesens und einer moralischen Erneuerung nicht länger
im Wege stünde. 1860 erschien in Madrid von Sanz del Río eine
freie Übersetzung von Krauses Buch Urbild der Menschheit
unter dem Titel Ideal de la humanidad para la vida, das zum
Stundenbuch der spanischen Intellektuellen werden sollte. Hier sei auch
noch bemerkt, daß schon in den Jahren von 1830 bis 1833 einige Exilspanier,
die Vorlesungen bei Ahrens an der Sorbonne gehört hatten, die Ideen
Krauses in Spanien bekannt machten, so daß sich Krauses Philosophie
dort zu einem Synonym für Aufklärung ohne Religionsfeindlichkeit
entwickelte. Die Übersetzung von Ahrens Buch Naturrecht oder
Philosophie des Rechts beispielsweise wurde im Jahre 1841 in der
spanischen Hauptstadt veröffentlicht.
Sehr pauschal wird man sagen dürfen, daß sich der Krausismus
zumeist als Rechtsphilosophie behauptete und sich praktisch als sozialliberale
Strömung in Politik und Erziehungswesen auswirkte, nicht selten mit
romantischen Ausschlägen. Nach Lateinamerika wurde diese Theorie
nicht direkt aus Deutschland oder Spanien importiert: Es waren die in
französischer Sprache verbreiteten Werke von Schülern des Philosophen
Krause (Heinrich Ahrens, G. Tiberghien), die dessen Ideen für Südamerika
erschlossen.
Wichtige Punkte der Programmatik: Gewissens- und Religionsfreiheit hat
den Vorrang des Gewissens jedes einzelnen zu sichern - eine starke Herausforderung
des spanischen Konfessionsstaates. In einer Gesellschaft der freiheitlichen
Selbstbestimmung von Individuen und Gruppen sollte der Staat das freie
Handeln oder die Harmonisierung der möglicherweise auseinander strebenden
Interessen garantieren (Harmonischer Liberalismus). Harmonie
als Schlüsselbegriff signalisiert den Widerstand gegen eine Dialektik
des Kampfes und der Gegensätze, die man als Eigenart der autoritativen
Staatsauffassung in der Theorie Hegels ansah. Im Gegensatz dazu stand
Krauses Name für geistig-moralische Erneuerung, gegen die intellektuelle
Verknöcherung des damaligen spanischen Katholizismus und seinen ideologischen
Führungsanspruch im Staat.
Gegenüber dem Staat als allgemeinem Rahmen aller gesellschaftlichen
Institutionen tritt der Philosoph nachdrücklich für die Autonomie
gesellschaftlicher Verbindungen und kultureller Aktivitäten ein;
das Verhältnis zum Staat ist eher eines der Koordinierung und Kooperation
als eines der Subordination. Im zeitgenössischen Jargon würde
man davon sprechen, das Recht werde aus den selbständigen gesellschaftsdynamischen
Aktivitäten heraus - also von unten - gebildet und weiterentwickelt
und sei nicht einfach als Produkt staatlicher Anordnungen zu begreifen.
In Stoetzers Buch werden ausgehend vom Kapitel über Krauses philosophisches
Denken, die Wirksamkeit auf der iberischen Halbinsel behandelt. Anschließend
folgt eine kurze Studie über jeden einzelnen Staat Lateinamerikas,
wobei auch Portugal und Brasilien berücksichtigt werden, obwohl der
Titel des Buches eine Beschränkung auf die hispanische Welt erwarten
läßt. Das ausführlichste Kapitel wurde zu Argentinien
erarbeitet, wobei sich der Autor hier auf die aufschlußreiche Forschungsarbeit
des Argentiniers Arturo A. Roig stützt, die allerdings nur den Wissensstand
bis zum Ende der 1960er Jahre widerspiegelt.
Unberücksichtigt bleibt in der sehr umfassenden Bibliographie leider
der Name eines der aktivsten spanischen Krausismoforscher der 1980er und
1990er Jahre, Enrique Menéndez Ureza, der 1988 auf den Wissenschaftsbetrug
Sanz del Ríos aufmerksam gemacht hat. Auch die häufigen Druckfehler
können die Bedeutung des auf jahrzehntelangen Forschungen beruhenden
Buches nicht schmälern, das für jeden, der Geschichte und Wirksamkeit
des Krausismo verstehen will, zum wichtigsten Nachschlagewerk zählt.
Thomas Neuner
O. Carlos Stoetzer, Karl Christian Friedrich Krause and his Influence
in the Hispanic World, Lateinamerikanische Forschungen, Bd. 25, Böhlau
Verlag, Köln/Weimar 1998, 546 Seiten, 148,- DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 25.07.99
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