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15 - übersicht|
- Portugals strahlende Größe -
Helden der Meere, edles Volk, tapfere, unsterbliche Nation, errichte
heute aufs neue Portugals strahlende Größe! Aus den Nebeln der Erinnerung
O Vaterland, tönt die Stimme Deiner trefflichen Vorfahren, die dich zum
Siege führen wird. Zu den Waffen, zu den Waffen zu Lande und zur See!
Zu den Waffen, zu den Waffen Im Kampf fürs Vaterland! Marschiert, marschiert
gegen die Kanonen. (Portugiesische Nationalhymne)
Portugals strahlende Größe wird durch den Wegfall der brasilianischen
Kolonien beinahe wieder an den Rand Europas gedrängt. Doch die Helden
der Meere, das edle Volk erinnerte sich seiner Gebiete in Afrika, verfolgt
erbarmungslos die Idee der Errichtung eines neuen Kolonialreiches. Lobo
Antunes Angola kennt indes keine trefflichen Vorfahren, keinen Edelmut,
keinen Ruhm, denn Portugals Kolonialideologie züchtet Menschen, die
dem Land mit Gleichgültigkeit oder Verachtung begegnen. Keiner von
ihnen versteht Angola, selbst wenn sie dort geboren wurden, [...] [sie
verstehen] nicht das Land, die Verschiedenheit der Gerüche, den Wechsel
von Trockenzeit und Regenzeit, Unterwürfigkeit und Zorn, Faulheit
und Gewalttätigkeit, [...]. António Lobo Antunes jüngster
Roman, Portugals strahlende Größe, taucht ein in dieses Unverständnis,
begleitet von brutalster Unterdrückung, deren grausame Realität
auf dem Acto Colonial beruht. Die Portugiesische Hymne wird zum Hohn-
und Spottlied auf ein Volk, das bis heute seine imperialistische Vergangenheit
nur ungern aufarbeitet.
Lobo Antunes Geschichte beginnt jedoch in Portugal, zwischen Ajuda,
Estoril und Damaia. Eine gemeinsame angolanische Vergangenheit verbindet
die Protagonisten: Isilda, Tochter eines weißen Großgrundbesitzers
und Mutter von drei Kindern und ihr Mann Amadeu, einfacher Techniker,
von seiner Frau verachtet und bemitleidet. Als einzige der Familie bleibt
Isilda nach der Unabhängigkeit Angolas in Afrika, Amadeu säuft
sich zu Tode. Ihre drei Kinder, Carlos, der älteste, Bastard und
Mestize, Clarisse, Flittchen und Prostituierte und Rui mit seinen epileptischen
Anfällen, die allen zur Last fallen, gehen nach Portugal. Der Versuch,
als kleine Familie in Ajuda zusammenzuleben muß scheitern. Rui wird
in Damaia in eine Anstalt abgeschoben, Clarisse wird von Carlos aus moralischen
Bedenken vor die Tür gesetzt. Sie leben isoliert, suchen verzweifelt
Zuneigung und Liebe, rebellieren gegen die Einsamkeit. Jedoch kommt keiner
von ihnen gegen die tiefgreifende Ursache ihrer Einsamkeit an: Angola.
Schon früh gewöhnen sich Clarisse und Rui an eine Rassen- und
Klassengesellschaft; Carlos ist als Mulatte oft selbst Ziel von Aggression
und Ablehnung. Das Hauspersonal wird wie ein Porzellanservice oder ein
gut erhaltenes Möbelstück von Generation zu Generation vererbt,
ein Mann aus São Tomé umgebracht, da er mit Clarisse schläft,
Tagelöhner kurzerhand mit der Machete niedergemetzelt, um die Senzala
[zu] säubern. Der Tod betrifft nur die Schwarzen, die Weißen
beschäftigen sich mit Diäten, Kreislauftropfen und [...] Ohrringen.
Alle wissen, daß nur die Neger sterben, [die Weißen] nicht,
daß die Neger zum Tode wie zum Kraushaar und Armut neigen, sie kamen
aus Huambo in Viehlastwagen an, um den Hals eine mit Kohle geschriebene
Nummer, siebenundzwanzig, zweihundertundzwei, neunundvierzig, dreizehn,
und kaum begann die Ernte, da fielen sie grundlos um, [...].
Portugals Kolonialpolitik hinterläßt afrikanische Länder,
deformiert durch einen sinnlosen Krieg, schließlich fluchtartig
verlassen und vergessen. Aber sie hinterläßt auch das eigene
Land, gespalten in Portugiesen und retornados, die nur geduldet, voller
Verachtung aufgenommen und so angesehen wurden, wie [sie] die Bailundos
ansahen, die für [sie] arbeiteten, und daß [sie] deshalb in
gewisser Weise die Neger der anderen waren.
Am 24. Dezember 1995 endet die Geschichte, mit dem Versuch, alle zum Fest
der Heiligen Familie zu vereinen. Die Einladung weckt schmerzliche Erinnerungen,
befördert ein Rassendenken und alltägliche Grausamkeiten ans
Tageslicht, die einen schaudern lassen. Antunes erlöst seine Protagonisten
nicht, keine Einsicht ist möglich. In langen Monologen versuchen
sie jeder für sich, ihr Trauma zu bewältigen. Zeitebenen überlappen
sich, die Erzähler fallen sich ins Wort. António Lobo Antunes
hat seine Leidenschaft für Zeitebenen und polyphones Erzählen
auf die Spitze getrieben.
Der portugiesische Meistererzähler hat es geschafft, nach dem Handbuch
der Inquisitoren ein weiteres beachtliches Werk zu schreiben, Maralde
Meyer-Minnemann ist eine phantastische Übersetzung gelungen und Luchterhand
hat uns den neuen Antunes würdig verpackt.
Jutta Wasserrab
António Lobo Antunes, Portugals strahlende Größe,
Luchterhand Literaturverlag, München 1998, ISBN 3-630-86987-4,
447 Seiten, 48, DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 25.07.99
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