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- Portugals strahlende Größe -

Helden der Meere, edles Volk, tapfere, unsterbliche Nation, errichte heute aufs neue Portugals strahlende Größe! Aus den Nebeln der Erinnerung O Vaterland, tönt die Stimme Deiner trefflichen Vorfahren, die dich zum Siege führen wird. Zu den Waffen, zu den Waffen zu Lande und zur See! Zu den Waffen, zu den Waffen Im Kampf fürs Vaterland! Marschiert, marschiert gegen die Kanonen. (Portugiesische Nationalhymne)

Portugals strahlende Größe wird durch den Wegfall der brasilianischen Kolonien beinahe wieder an den Rand Europas gedrängt. Doch die Helden der Meere, das edle Volk erinnerte sich seiner Gebiete in Afrika, verfolgt erbarmungslos die Idee der Errichtung eines neuen Kolonialreiches. Lobo Antunes‘ Angola kennt indes keine trefflichen Vorfahren, keinen Edelmut, keinen Ruhm, denn Portugals Kolonialideologie züchtet Menschen, die dem Land mit Gleichgültigkeit oder Verachtung begegnen. Keiner von ihnen versteht Angola, selbst wenn sie dort geboren wurden, [...] [sie verstehen] nicht das Land, die Verschiedenheit der Gerüche, den Wechsel von Trockenzeit und Regenzeit, Unterwürfigkeit und Zorn, Faulheit und Gewalttätigkeit, [...]. António Lobo Antunes‘ jüngster Roman, Portugals strahlende Größe, taucht ein in dieses Unverständnis, begleitet von brutalster Unterdrückung, deren grausame Realität auf dem Acto Colonial beruht. Die Portugiesische Hymne wird zum Hohn- und Spottlied auf ein Volk, das bis heute seine imperialistische Vergangenheit nur ungern aufarbeitet.
Lobo Antunes‘ Geschichte beginnt jedoch in Portugal, zwischen Ajuda, Estoril und Damaia. Eine gemeinsame angolanische Vergangenheit verbindet die Protagonisten: Isilda, Tochter eines weißen Großgrundbesitzers und Mutter von drei Kindern und ihr Mann Amadeu, einfacher Techniker, von seiner Frau verachtet und bemitleidet. Als einzige der Familie bleibt Isilda nach der Unabhängigkeit Angolas in Afrika, Amadeu säuft sich zu Tode. Ihre drei Kinder, Carlos, der älteste, Bastard und Mestize, Clarisse, Flittchen und Prostituierte und Rui mit seinen epileptischen Anfällen, die allen zur Last fallen, gehen nach Portugal. Der Versuch, als kleine Familie in Ajuda zusammenzuleben muß scheitern. Rui wird in Damaia in eine Anstalt abgeschoben, Clarisse wird von Carlos aus moralischen Bedenken vor die Tür gesetzt. Sie leben isoliert, suchen verzweifelt Zuneigung und Liebe, rebellieren gegen die Einsamkeit. Jedoch kommt keiner von ihnen gegen die tiefgreifende Ursache ihrer Einsamkeit an: Angola.
Schon früh gewöhnen sich Clarisse und Rui an eine Rassen- und Klassengesellschaft; Carlos ist als Mulatte oft selbst Ziel von Aggression und Ablehnung. Das Hauspersonal wird wie ein Porzellanservice oder ein gut erhaltenes Möbelstück von Generation zu Generation vererbt, ein Mann aus São Tomé umgebracht, da er mit Clarisse schläft, Tagelöhner kurzerhand mit der Machete niedergemetzelt, um die Senzala [zu] säubern. Der Tod betrifft nur die Schwarzen, die Weißen beschäftigen sich mit Diäten, Kreislauftropfen und [...] Ohrringen. Alle wissen, daß nur die Neger sterben, [die Weißen] nicht, daß die Neger zum Tode wie zum Kraushaar und Armut neigen, sie kamen aus Huambo in Viehlastwagen an, um den Hals eine mit Kohle geschriebene Nummer, siebenundzwanzig, zweihundertundzwei, neunundvierzig, dreizehn, und kaum begann die Ernte, da fielen sie grundlos um, [...].
Portugals Kolonialpolitik hinterläßt afrikanische Länder, deformiert durch einen sinnlosen Krieg, schließlich fluchtartig verlassen und vergessen. Aber sie hinterläßt auch das eigene Land, gespalten in Portugiesen und retornados, die nur geduldet, voller Verachtung aufgenommen und so angesehen wurden, wie [sie] die Bailundos ansahen, die für [sie] arbeiteten, und daß [sie] deshalb in gewisser Weise die Neger der anderen waren.
Am 24. Dezember 1995 endet die Geschichte, mit dem Versuch, alle zum Fest der Heiligen Familie zu vereinen. Die Einladung weckt schmerzliche Erinnerungen, befördert ein Rassendenken und alltägliche Grausamkeiten ans Tageslicht, die einen schaudern lassen. Antunes erlöst seine Protagonisten nicht, keine Einsicht ist möglich. In langen Monologen versuchen sie jeder für sich, ihr Trauma zu bewältigen. Zeitebenen überlappen sich, die Erzähler fallen sich ins Wort. António Lobo Antunes hat seine Leidenschaft für Zeitebenen und polyphones Erzählen auf die Spitze getrieben.
Der portugiesische Meistererzähler hat es geschafft, nach dem Handbuch der Inquisitoren ein weiteres beachtliches Werk zu schreiben, Maralde Meyer-Minnemann ist eine phantastische Übersetzung gelungen und Luchterhand hat uns den neuen Antunes würdig verpackt.

 Jutta Wasserrab

António Lobo Antunes, Portugals strahlende Größe, Luchterhand Literaturverlag, München 1998, ISBN 3-630-86987-4, 447 Seiten, 48,– DM.


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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 25.07.99