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Portugal hat über die umstrittene Reform entschieden

- Die Regionalização -

In Portugal hat der Ruf nach mehr Bürgerpartizipation bereits Gestalt angenommen. Die wahlberechtigten Bürger des westlichsten Staates Europas durften per Referendum über so brisante Themen wie die Strafbarkeit der Abtreibung und die administrative Neuorganisation des Landes entscheiden.
Mit dem letzteren Thema – kurz a Regionalização genannt – wurde aber ein wunder Punkt getroffen. Während es in Sachen Abtreibung um konfessionelle und traditionelle Wertvorstellungen ging, traf die Vorstellung, Portugal in acht sich selbst verwaltende Bezirke aufzuteilen, das latente Nationalbewußtsein.
Dann standen wieder längst vergessene Fragen im Vordergrund, die gelegentlich von den ländlicheren Gebieten in Richtung Lissabon und Porto schallen: Wo bleiben die Gelder aus Brüssel? Wieso werden wir kaum gefördert, während die Metropolen in Großprojekten geradezu versinken? In der öffentlichen Diskussion wurde die Regionalização schnell zum Instrument der Parteien und Lobbies, worunter die notwendige sachliche Information leiden mußte. So ist es nicht verwunderlich, daß für die einen die regionale Neuordnung eine große Gefahr für die portugiesische Integrität bedeutet, während für die anderen beträchtliche bürokratische Probleme erst durch eine Neuordnung der administrativen Zuständigkeiten minimiert werden können. Die Debatte um die Regionalização scheint Kontinentalportugal auf drei Regionen (die Großräume Lissabon und Porto sowie den restlichen Teil) reduziert zu haben.
Die als „Reform des Jahrhunderts“ propagierten Pläne sollten eine Dezentralisierung der Macht bewirken, es sollte dem „Portugal jenseits Lissabon und Porto“ mehr Eigenständigkeit gegeben werden.
Diese wirklich hoch gesteckten Ziele machten die Regionalisierung zum Streitfall zwischen den Fraktionen, die sich in Detailfragen eher für polemische als für sachliche Argumente entschieden haben. Bei öffentlichen Diskussionen wurde deutlich, was der Mangel an Information über die eigentliche Verfahrensweise und die Auswirkungen der Reform bewirkt hatte. Auf kommunaler Ebene gaben absurde Rivalitäten dem Wunsch Gestalt, endlich unabhängig von dieser oder jener Stadt zu sein.
Dabei sollte laut den Initiatoren und Befürworter die angestrebte Reform das zugegebenermaßen sehr komplexe bürokratische Geflecht vereinfachen. Vorteile sollten sich daraus etwa im Gesundheitswesen und in der Korruptionsbekämpfung ergeben. Doch genau hier griff das zentrale Argument der Gegner der Regionalização: Kann man nicht solche administrativen Defizite bekämpfen, ohne gleich die traditionell gewachsenen Regionen durch eine sogenannte künstliche Reform auf dem Kopf zu stellen?
Die bisherigen regionalen Behörden haben zwar begrenzte lokale Kompetenzen, werden aber nicht direkt vom Volk gewählt. Dieses Legitimationsvakuum sollte durch die Wählbarkeit der Organe aller Ebenen beseitigt werden. Damit wurde von den pró-regionalistas eine weitere Qualität von Demokratie im Sinne größerer Partizipation und Legitimation propagiert.
Die Erwartung einer möglichst sachlich-formalen Debatte ist im Zeitalter der Massenmedien längst nicht einfach zu erfüllen, und so wurde auch die Regionalização zu einem willkommenen Anlaß, entweder die erfolglose Regierungspolitik der Sozialisten bzw. die grundsätzliche Blockadestrategie der Opposition anzuprangern. Hervorstechende sachliche wie auch höchst polemische Argumente und Diskussionsbeiträge gab es aus allen Fraktionen. So kann man zu den berüchtigtsten Kommentaren die Behauptung Marcelo Rebelo de Sousas (dem mittlerweile zurückgetretenen Oppositionsführer des PSD), daß die Regionalisierung „wie eine Atombombe auf die portugiesische Integrität wirken würde“, zählen. António J. Seguro des Partido Socialista (Regierungspartei) warf den oppositionellen Sozialdemokraten eine unhaltbare Kurskorrektur vor, da diese mit dem Gesetz Lei 4 schon Anfang der achtziger Jahre den Bedarf einer umfassenden regionalen Reform festgestellt hatten. Der konservative Politiker Narana Coissoró vom Partido Popular (CDS-PP, Opposition) unterstrich, daß Portugal weiterhin mit nur eine Stimme („com uma só voz“) sprechen dürfe. Der Kommunist Luis Sá (CDU/PCP) unterstrich das „bürokratische Durcheinander“ der bisherigen administrativen Situation und begründete so die Notwendigkeit der Reform.
Ganz im Geiste der aktuellen europäischen Integration sahen die Befürworter keinen Grund, warum gerade Portugal nicht regionalisiert werden sollte, so wie es viele seiner EU-Kollegen bereits sind, darunter auch kleinere Länder wie Belgien oder Österreich. Dieses Argument hörte man erstaunlicherweise auch aus den Reihen ehemaliger Gegner aktueller europäischer Entwicklungen.
Bis auf eine hektische Ansammlung von Fernsehdebatten in sozusagen letzter Minute wurden die beiden letzten Wochen vor dem Wahltag am 8. November 1998 von Umfragen bestimmt, die deutlich auf ein não der Bevölkerung zu den Regionalisierungsplänen hinwiesen. Ebenso wurde eine erschreckend niedrige Wahlbeteiligung vorhergesagt. Die Wahl selbst war auf zwei Fragen aufgebaut: Die erste bezog sich auf die Zustimmung oder Ablehnung der „Regionalização“ als Ganzes, während die zweite die betreffende Region selbst und dessen zukünftige administrative Eingliederung betraf.
Das Wahlergebnis war dann schließlich in mehrerer Hinsicht das, was viele erwartet hatten. Die Prognosen wurden ziemlich genau bestätigt, laut Hochrechnungen hatten sich 63,6 Prozent in beiden Fragestellungen gegen die Reform ausgesprochen. Die Enthaltung lag bei über 50 Prozent und dokumentiert somit die viel zu spät angelaufenen und pauschalen Informationskampagnen sowie die Protesthaltung der Bürger.
1998 wird also als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem zwei Plebiszite gegen die politische Agenda der Sozialistischen Regierung ausgefallen sind.

 Alex Martins
         

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 25.07.99