Das Urteil der Lordrichter über Pinochets Schicksal und die Reaktionen in Chile- Auf Umwegen gen Spanien -Der 24. März 1999: Beginn der Nato-Luftangriffe auf den Kosovo. Für die Menschenrechte gegen Milosevic. So heißt es von den USA, und Europa zieht mit. Am gleichen Tag entscheiden sieben englische Lordrichter über das Schicksal eines anderen, mittlerweile Ex-Diktators: Augusto Pinochet Ugarte, heute chilenischer Senator auf Lebenszeit. Nach seiner Verhaftung am 16. Oktober in London, angetrieben durch den
spanischen Anwalt Baltazar Garzón, wurde schon einmal seiner Auslieferung
nach Spanien stattgegeben und kurz darauf das Urteil widerrufen,
da einer der Richter voreingenommen gewesen sei (die Gattin engagierte
sich bei amnesty international). Rückkehr war fest geplantWährend man hier in Europa von einer noch nie da gewesenen Chance
für die Menschenrechte sprach, hatten sich die meisten Chilenen wohl
schon mit der Rückkehr Pinochos (wie er im Volksmund heißt)
abgefunden. Dieser Mann genießt in Chile absolute Straflosigkeit
für die Ermordung Tausender Chilenen und das systematische Verschwindenlassen
ihrer Leichen während der Militärdiktatur. Statt schon längst
hinter Gittern zu sitzen, hat er den Status eines Senators auf Lebenszeit
inne, und ist nach heutigem chilenischem Recht praktisch unantastbar.
Seine Verurteilung, wie auch schon die Verhaftung, schien sowohl für
seine Anhänger als auch für seine Gegner in Chile ein Unmögliches
zu sein. Das Urteil Doch trotzdem hielt ganz Chile den Atem an, um elf Uhr morgens an diesem
Mittwoch: Die Direktübertragung der Urteilsverkündung aus London
war auf allen Kanälen zu sehen. Um 11.06 (mit einiger Verspätung!
wie die Korrespondentin von Televisión Nacional angespannt
kommentierte) betraten die Richter nun endlich den Saal. Diktatur bleibt außen vor Allerdings mit der Einschränkung, daß er lediglich für
Fälle von Folter oder der Anstiftung zur Folter und für Verschwörungen
in Spanien mit der Absicht zu kriminellen Handlungen, die nach dem 9.
Dezember 1988 begangen wurden, zur Rechenschaft gezogen werden kann. Für
die Jahre 1973-88 seiner Diktatur aber genießt der Ex-General die
volle Immunität als Staatschef. Der Masse der Anklagepunkte Garzóns
ist er so entkommen gerade in den Anfangsjahren fanden Tausende
Chilenen den Tod. Warum Stichjahr 1988?Grundlage für die Verurteilung ist das britische Recht, und das besagt, daß eine Auslieferung grundsätzlich nur möglich ist, wenn die angeklagte Tat sowohl im Vereinigten Königreich als auch in dem Land, welches die Auslieferung fordert, in diesem Fall Spanien, als Straftat gilt. Und genau diese gemeinsame Rechtsgrundlage ist erst seit 1988 vorhanden. In diesem Jahr unterschrieben sowohl Spanien, als auch Großbritannien die Internationale Konvention gegen die Folter, die Pinochet für Chile selbst ebenfalls im gleichen Jahr, offenbar im Zustand geistiger Umnachtung, ratifiziert hatte. Alle wollten Sieger sein Die folgenden Reaktionen in Chile waren ebenso verwirrend wie das Urteil
selbst: Beide Fraktionen des geteilten Chile freute sich zusammen über
den Richterspruch aus London: Während die Präsidentin der Agrupación
de Familiares de Detenidos Desaparecidos (Opfer der Diktatur), Sola Sierra,
siegreich verkündete: Das wichtigste ist, das Pinochet weiterhin
in London in Haft bleibt!, stieß man in der Fundación
Pinochet mit Champagner auf die baldige Rückkehr des Tata
an - wie der fast Vierundachtzigjährige dort liebevoll genannt wird
- und fiel sich in die Arme: Wir warten auf ihn, bis er heute abend
zurückkommt! so ein weiblicher Fan, der als chilenische
Flagge kostümiert und mit dem Namen Pinochet in schwarzem
Fettdruck auf der Stirn sich heiser jubelte. Die Hysterie machte sich
hier Luft ungeachtet des Richterspruchs. Weiterer O-Ton aus der feiernden
Menge: Pinochet sei der Retter Chiles vor dem schrecklichen Marxismus
und man würde einen Teufel tun, öffentlich um Entschuldigung
zu bitten, denn die Familien der Verschwundenen haben dafür
schon ordentlich Geld eingestrichen und doch nur Gewinn gemacht.
Nach so vielen Jahren des Selbstbetrugs wird auch die Lüge schon
mal zur Realität. Noch kein TriumphFür die normale Bevölkerung war vorrangig wichtig, daß der Ex-Diktator sich nicht mehr hinter einem deformierten Rechtsstaat verstecken kann. Die Mächtigen im Land haben sich einmal nicht durchgesetzt. Das war für viele schon eine große Genugtuung. Der 24. März brachte in diesem Sinne (noch) keinen Triumph für die Menschenrechte. Doch hat vielleicht Chile jetzt die Chance, nach zehn Jahren Transition endlich zu wirklich demokratischen Verhältnissen zu kommen. Sicher ein langer Weg ... Daniela Englert
Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 25.07.99 |