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- Die Wahl zwischen Aussterben und Überleben -

Alihuen Antileo, Mitglied der „Coordinadora de Comunidades en Conflicto“, die sich selbst als leitendes Gremium der Bewegung bezeichnet, berichtet hier über die Formen des Widerstands der Mapuche gegen die Tourismus- und Forstindustrie und den Gegensatz zwischen neoliberaler Extensivwirtschaft und indigener Kultur. Das Interview fand anläßlich des Hungerstreiks für die Freilassung von Avelino und Luis Meñaco in Santiago de Chile statt.

Die Mittel, zu denen Euer Widerstand bis jetzt gegriffen hat, beschränkten sich bisher u.a. auf lokale Demonstrationen, Straßenblockaden und Behinderungen der Waldarbeiten. Gerade findet hier in der „Chilenischen Kommission für Menschenrechte“ in Santiago ein Hungerstreik statt. Warum habt ihr eine solch extreme Maßnahme gewählt? Das ist doch ein Mittel, auf das man als allerletztes zurückgreift...

„Warum hat es so unterschiedliche Formen des Widerstands gegeben? Eben deshalb, weil die Regierung und vor allem die Unternehmen nicht fähig waren, die Probleme zu verstehen, auf die wir aufmerksam machten. Deshalb mußten wir, neben den Petitionen auf institutionellem und juristischen Wege, versuchen, auch mit solchen Mitteln an die Regierung heranzutreten, denn in allen Konflikten, die auftauchen, laufen Prozesse von mindestens vier oder fünf Jahren. In allen. Aber Lösungen hat es keine gegeben. Deshalb nutzen wir jetzt Mobilisationen dieser Art als Werkzeug, um unsere Ziele zu erreichen. Es wird sowohl aktiven Widerstand, als auch pazifistische Aktionen geben. Wie dieser Hungerstreik, der das Ziel hat, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen und die staatlichen Autoritäten unter Druck zu setzen, damit sie unsere Brüder der Gemeinde Pascual Coña freilassen.“

Was halten Sie von den Beschuldigungen gegen die beiden Meñacos, sie hätten die Scheune des Grundbesitzers angezündet – gibt es Zeugen?

„Im Fall von Avelino und Luis gibt es acht Zeugen, die bestätigen, daß beide sich nicht am Tatort befanden. Deshalb sind sie unserer Meinung nach Opfer einer - so wie wir sagen – offensichtlichen “Züchtigung” von Seiten der staatlichen Autoritäten, da sie als Anführer der Gemeinde anerkannt sind. Und das sind sie eben deshalb, weil sie gegen die Umsetzung eines touristischen Mega-Projektes von 45 Mio US-Dollar opponieren, das rund um die Indianergemeinde geplant ist. Aus diesem Grund steckt hinter der Verhaftung natürlich auch eine Strategie der Zermürbung, um den Willen unserer Brüder zu brechen.“

Was werden die Mapuche tun, im Falle, daß die Regierung nicht auf ihre Forderungen eingeht? Besteht die Gefahr, daß die Konflikte gewaltsam eskalieren?

„Die Mobilisierungen werden weitergehen und dies in verstärkter Form. Das heißt die Konfrontation wird zunehmen. Wir hoffen natürlich, daß die Mobilisierungen so friedlich wie möglich verlaufen, aber wir sind uns auch bewußt darüber, daß es hier Probleme gibt, die sich über Jahrzehnte hinweg ziehen. Schon lange existiert eine Situation der Diskriminierung, die sich manchmal in gewalttätiger Form Luft macht. Wir denken, daß es höchste Zeit ist, mit der Regierung eine politische Lösung unserer Probleme zu finden, und wir erklären uns bereit, diese Lösungen mit ihr zu diskutieren. Wenn dem aber nicht so ist, werden wir mit unseren Mobilisierungen weitermachen, ja, einen massiven Prozeß der Wiedergewinnung unseres Bodens in Gang setzen, in all diesen Gemeinden, die bereits im Konflikt mit Grundbesitzern oder Firmen liegen.“

Wie sehen Sie die Behauptungen und Vorwürfe solcher Art, daß die Mapuche-Bewegung mit Parteien der extremen Linken kooperiere, wie z.B. der MIR (Movimiento Izquierda Revolucionaria). Was denken Sie über diese „Informationen“, die jeden Tag in den Zeitungen stehen?

„Wir lehnen diesen Vorwurf entschieden ab. Es ist wahr, daß es in der Mapuche-Bewegung Personen gibt, die aus verschiedenen Parteien kommen, aber das sind Parteien sowohl der Rechten, als auch der Linken. Zugleich hat sich aber auch das Phänomen eingestellt, daß wir heute keiner Partei unterstellt sind und die volle Autorität besitzen, um unsere Bewegung selbst zu steuern. Wir meinen große Fortschritte gemacht zu haben im Vergleich zur Situation vor nicht allzu langer Zeit in Chile. Vor zwei Jahren waren unsere Probleme zwar nicht unbekannt, aber kein Thema von Bedeutung. Heute machen wir die ganze Woche über Schlagzeilen. Wir haben hier einen großen Schritt nach vorn getan, und die Kultur der chilenischen Gesellschaft hat sich dahingehend verändert, als daß sie nun erkennen muß, daß es hier eine verschiedenartige Nation gibt – das war Ergebnis unserer Mobilisierungen.
Deshalb unterstütze ich, daß es Nicht-Mapuche gibt, die an unseren Aktionen teilnehmen: Wir brauchen natürlich die Unterstützung der Mapuche, aber auch der Ausländer, auch der Deutschen. Und sie werden hier ihren Platz haben, wenn sie uns unterstützen wollen. Eine andere Frage ist aber, wer die Entscheidungen trifft: Die Entscheidungen treffen wir allein, auf unabhängige und verantwortungsbewußte Weise. Und wir erklären uns allein verantwortlich, sowohl für die Erfolge als auch für die Mißerfolge.“

Können Sie kurz erklären, was der Urwald für ihr Volk bedeutet? Welche Konsequenzen hat die Abholzung weiter Flächen dieses natürlichen Waldes für die Mapuche?

„Tatsächlich haben die großen Forstwirtschaftsfirmen bereits fast alles das abgeholzt, was wir Urwald nennen. Er wurde allein durch den großen Geist dorthin gesetzt und wuchs ohne menschliche Eingriffe. In diesen Wäldern leben die Kräfte, die nach unserem Verständnis unsere Welt ausmachen und leiten. Von dort holen sich unsere „Machis“ (weise Frauen mit spirituellen und heilenden Fähigkeiten) ihre Medizin, die natürlichen Mittel, mit denen sie arbeiten und ihre Zeremonien durchführen. Ebenfalls findet dort das direkte Zusammenleben mit der Natur statt. Die Natur lebt, und wir sind ein Teil von ihr. Durch die große Ausbeutung und Plünderung dieser natürlichen Wälder kann sich unsere Kultur niemals mehr wiederherstellen. Das heißt: es gibt eine materielle Basis für die Entwicklung unserer Kultur, und das ist die Natur und der Urwald. Und aus diesem Grund geht es bei unserem Widerstand nicht nur um mehr Land, um anzupflanzen, sondern um unsere Kultur wieder neu aufzubauen. Wenn wir das nicht erreichen, wird unser Volk aussterben. Unsere Alternativen heißen: entweder Aussterben oder Überleben unseres Volkes.
Diese Logik haben bisher weder die Unternehmen noch die Regierung einsehen wollen. Daraus hat sich dieser große Widerspruch entwickelt, der einen Gegensatz schafft, der im Moment unversöhnbar ist: das neoliberale ökonomische Entwicklungsmodell, das den schlichten Gewinn sucht, gegen unser Modell der kulturellen Entwicklung. Das ist der eigentliche Grund für die Konflikte, die wir haben.“

Daniela Englert


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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 25.07.99