|
|portuñol
15 - übersicht|
- David gegen Goliath? -
Der Widerstand der Mapuche-Indianer in Chile nimmt neue Dimensionen
an. Sie kämpfen um das Land ihrer Vorfahren und stehen somit dem Staat
und der transnationalen Forstindustrie entgegen.
Die Regierung trägt die Schuld, sie weiß genau, daß
die Mapuche arm sind, daß sie wenig Land haben und sich nie werden
entwickeln können ohne das Land. Wir werden nie ein Haus haben, so
wie es sich für anständige Menschen gehört, nie werden
wir die Ausbildung erhalten können, die uns zusteht. Woher denn?
Es ist das Land, was einem all das geben könnte. So klagt Elba
Meñaco, Mitglied der Indianergemeinde Pascual Coña der südchilenischen
Provinz Arauco.
Ihr Mann Avelino und ihr Sohn Luis wurden über 3 Wochen in Untersuchungshaft
festgehalten. Die beiden werden beschuldigt, die Scheune des benachbarten
Grundbesitzers Osvaldo Carvajal in Brand gesteckt zu haben. Beweise gibt
es keine. Nur die Aussagen von vier Lohnarbeitern des reichen Landbesitzers,
die behaupten, die beiden auf dem Weg zum Tatort gesehen zu haben: Die
werden nie gegen ihren Chef aussagen womöglich hat er ihnen
Geld gegeben... Avelino und Luis sind beide führende Gemeindemitglieder.
Die Familie stand noch nie auf gutem Fuß mit dem nachbarlichen Unternehmer:
Carvajal plant ein Tourismus-Projekt rund um den Lleu-Lleu-See. In diesem
Gebiet leben 18 Mapuche-Familien. Solche Projekte wurden bereits an anderen
Stellen, z.B. in Pucon und Villarrica durchgeführt. Man kaufte den
Indígenas das Land für billiges Geld ab, und heute zieren
Hotelfassaden die gesamte Südseite des Lago Villarrica. Elba Meñaco
weiß um diesen Betrug: Alles, was er [Carvajal] will, ist
unsere Leute für sich zu gewinnen, um an das Land zu kommen. Aber
mit meinem Mann konnte er das nicht machen. Wir werden von hier nicht
weggehen, denn hier ist unsere Geschichte, sind unsere besetzten Ländereien,
die sie uns damals entrissen haben.
Die Geschichte der Mapuche ist die von Unterdrückung und Vertreibung,
aber auch die eines kriegerischen Volkes. 300 Jahre schafften sie es als
einziges Indianervolk Lateinamerikas, sich erfolgreich gegen die spanischen
Eroberer zu behaupten, mit denen sie schließlich einen Grenzvertrag
schlossen. Die Gebiete südlich des Rio Bio Bio sollten den Mapuche
gehören. Die eigentliche Tragödie begann mit der politischen
Unabhängigkeit Chiles. Es begann die Hetzjagd auf die Indígenas,
ihre systematische Vertreibung und Ansiedlung in Reservaten. Die damaligen
Regierungen wollten das Land der Mapuche mit Europäern besiedeln.
Darunter waren auch viele Deutsche. Diese gelten in Chile noch heute als
besonders arbeitsam, wogegen in der chilenischen Gesellschaft das Vorurteil
weiterbesteht, die Mapuche seien faul und versoffen.
Die Diktatur Pinochets hat zur heutigen Verarmung der Mapuche ihren wesentlichen
Teil beigetragen. 1977 erließ der Diktator ein Gesetz (Ley 25.68),
das die Aufteilung des gemeinschaftlichen Landbesitzes der Mapuche verordnete.
Ungefähr 200.000 Hektar gingen damals in den Besitz von transnationalen
Forstbetrieben über, ohne daß die ansässigen Familien
dafür entschädigt worden wären. Das Übriggebliebene
verkauften einige dann freiwillig, da es kaum zum Überleben reichte.
Viele wanderten ab in die Städte; vor allem in den armen Vorstädten
Santiagos leben sie heute, meist ihre Herkunft verheimlichend, denn wer
einen Mapuche-Namen trägt, bekommt oft keinen Job.
Auch die auf dem Land Gebliebenen sind verarmt sie leben, wie auch
die Familie Meñaco, von dem, was sie anbauen können: Gemüse
und Obst, ein paar Apfelbäume im Garten, ein paar Hühner. Ein
eigenes Bett für jeden wäre schon Luxus. Zur Armut kommt auch
noch die Entfremdung von der eigenen Kultur himzu: Mapudugun, die Sprache
der Leute der Erde, wird fast nur noch von den Alten beherrscht.
Gabriel, der älteste Sohn der Familie Meñaco sucht den Zugang
zur Sprache und Kultur seiner Vorfahren durch ein Studium an der Uni,
die er dank eines privaten Stipendiums besuchen kann. Sprache bedeutet
Identität, nicht zuletzt deshalb war Mapudugun während der Diktatur
verboten. Einer Volkszählung aus dem Jahr 1992 zufolge leben in Chile
insgesamt 1,5 Mio. Mapuche, die somit gut 10% der Gesamtbevölkerung
ausmachen.
Die Ereignisse bei Lleu-Lleu haben seit März diesen Jahres nationales
Aufsehen erregt. Mapuchegemeinden im ganzen Land beschlossen, sich mit
ihren Brüdern (Hermanos) wie sich
die Mapuche untereinander nennen - zu solidarisieren: Durch Hungerstreiks
befreundeter Gruppen in den Städten Temuco, Concepción und
Santiago wurde die Freilassung der beiden Gemeindeleiter gefordert.
Gleichzeitig fand das bisher größte Zusammentreffen von vierzehn
Vorstehern verschiedener Indianergemeinden der Regionen Arauco und Malleco
statt. In der Stadt Concepción wurde eine nationale Lösung
des Mapuche-Problems diskutiert. Dabei erteilte der Vorsitzende der neu
gegründeten Coordinadora de Comunidades en Conflicto,
José Huenchunao, der staatlichen Indígena-Organisation CONADI
eine deutliche Absage. Sie sei ihren Pflichten bisher zu wenig nachgekommen,
die Lage der Mapuche zu verbessern; deshalb werde man nun die Sache selbst
in die Hand nehmen. Gefordert wurde die Autonomie des eigenen Volkes und
dessen Anerkennung als Nation innerhalb des chilenischen Staates. Außerdem
benötigten die Gemeinden der Region mindestens zusätzliche 200.000
Hektar Land dies entspricht knapp der Größe des Saarlandes.
Chile ist mit rund 757.000 Quadratkilometern vergleichsweise mehr als
doppelt so groß wie die Bundesrepublik. In Pascual Coña bleibt
jeder Familie lediglich weniger als ein Hektar Land als Lebensgrundlage.
Zahlen des chilenischen Agrarministeriums zufolge, benötigt ein landwirtschaftlicher
Betrieb zur produktiven Selbsterhaltung mindestens 36 Hektar.
Das von der Coordinadora geforderte Land könnte helfen, die Landflucht
der verbliebenen Mapuche und damit das Aussterben ihrer Kultur, die an
die Nutzung des eigenen Bodens gebunden ist, zu verhindern. Die meist
noch jungen Anführer der Protestbewegung fordern die Landrückgaben
von Großgrundbesitzungen, die agroindustriell genutzt werden, sowie
die der großen Forstwirtschaftsfirmen. Diese sind für die chilenische
Exportindustrie bedeutend. Die Forstwirtschaftsfirmen pflanzen Pinien
und Eukalyptus. Nach einer Periode von ca. zwanzig Jahren werden die Bäume
abgeholzt und zu Zellulose verarbeitet, aus der dann meist in Japan Papier
hergestellt wird. Die Urwälder der gesamten Region sind zum großen
Teil verschwunden. Pinien und Eukalyptus aber trocknen den Boden aus.
Abgesehen von den ökologischen Folgen, bedroht dies ganz akut die
Mapuche-Gemeinden: Solchen, die direkt an diese landschaftsfremden Pflanzungen
angrenzen, geht schon jetzt das Grundwasser aus. Alihuen Antileo, ebenfalls
Mitglied der Coordinadora, zeigt klar, worum es für sein Volk geht:
Wir kämpfen nicht nur für mehr Land um anzupflanzen, sondern
darum, unsere Kultur wieder aufzubauen. Für uns heißen die
Alternativen entweder Vernichtung oder Überleben unseres Volkes.
Vorfälle wie in Pascual Coña sind zahlreich. Die Mapuche versuchen,
mit Straßenblockaden, Landbesetzungen, Behinderungen der Abholzarbeiten
und Demonstrationen auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Auch kam es schon
mehrfach zu Bränden in den Pflanzungen oder zu Sachbeschädigungen
an Forstmaschinen. Ob dafür immer die Mapuche verantwortlich sind,
ist fraglich, denn es besteht großes Interesse, sie öffentlich
als Kriminelle hinzustellen, und: die Firmen kassieren hohe Versicherungssummen.
Daß die chilenischen Ureinwohner sich da mit einem übermächtigen
Goliath anlegen, zeigt die staatliche Repression, mit der Polizei und
Forstwirte oft gemeinsam gegen sie vorgehen. In Pascual Coña waren
es rund sechzig schwer bewaffnete Polizisten, die anrückten, um den
Sohn, der sich allein mit seinen jüngeren Geschwistern im Haus befand,
festzunehmen. Noch Tage danach wurde die Gemeinde von bewaffneten Patroullien
geradezu belagert.
Daniela Englert

|portuñol 15 - übersicht|
Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 25.07.99
|