|
|portuñol
15 - übersicht|
La revolución somos todos
- Kubanische Impressionen -
Unendlich lange weiße Sandstrände, türkisblaues kristallklares
Meer. Kein Papierfetzchen, keine Flaschen, kein Unrat auf den morgendlichen
präparierten Stränden. Alle paar hundert Meter eine Palmenbar,
die Mojitos und Dosenbier zu überteuerten Preisen anbietet. An den
Eingängen zu den luxuriösen Hotelanlagen Securities: Sorry,
but this is an all inclusive. Auch ansonsten strahlt dieser Ort
keine besondere Sympathie aus; überall alte Rentnerehepaare und gelangweilte
Pärchen, die selbst das verlockend ins Mikro gehauchte Angebot Clases
de baile! nicht von den Liegen reißt.
Varadero heißt dieser Ort und er ist für den kubanischen Staatschef
Fidel Castro Paradeexempel des staatlich verordneten Tourismus: keine
Drogen, keine Prostitution, stattdessen Familien mit Kleinkindern und
Rentner mit vollen Portemonnaies.
Will man die Halbinsel Hicacos, auf der Varadero liegt, Richtung Süden
verlassen, passiert man eine blaugetünchte Mautstelle, die heimliche
Grenze zum echten Kuba. Für die Touristen heißt es hier
zahlen, für alle Kubaner, die keine Arbeitspapiere für eines
der über hundert Hotels besitzen, ist sie das Ende der Reise. Das
touristische Vorzeigeobjekt Kubas soll den guten Ruf wahren, Devisen rein,
jineteras (Prostituierte) und Drogen raus.
Außerhalb von Varadero holt einen der kubanische Alltag sehr schnell
wieder ein. Und der ist, aller landschaftlicher Schönheit und kultureller
Sehenswürdigkeiten zum Trotz, alles andere als paradiesisch. Das
Land, in dem jeder zweite Einwohner nie einen anderen Regierungschef als
Fidel Castro (der mit 40 Jahren Amtszeit den Weltrekord hält!) kennengelernt
hat, rückt seit dem Zusammenbruch des Ostblocks dem Ruin mehr oder
weniger beständig immer näher. UdSSR-Subventionen in Höhe
von jährlich Milliarden Dollar fielen in kürzester Zeit weg.
Die geschönten Wachstumsraten weisen für 1998 1,2 Prozent auf;
der Verfall der Weltmarktpreise für Zucker - Kubas Hauptexportgut
- trifft das Land hart. Fast die Hälfte der staatlichen Devisen gingen
im Vorjahr für den Import von Lebensmitteln drauf. Die Regierung
setzt nun verstärkt auf ausländische Investitionen, steht dadurch
permanent im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Wirklichkeit.
Denn an allen Straßenecken und -enden pranken Plakatwände,
deren Aufschriften nur noch ein müdes Lächeln, bei vielen Kubanern
Wutanfälle auslösen: Socialismo o muerte, La
revolución somos todos oder Señor imperialista,
no le tenemos miedo, geziert mit einem garstig dreinschauenden,
stars-and-stripes-gewandeten Ami. Einem Staat, der seinen Bürgern
ständig politische Parolen einhämmern muß, scheint es
offensichtlich an Überzeugungskraft zu fehlen...Trotzdem rühmt
Fidel sein Land als das freieste Land der Welt. In dicken
Lettern verkündet der Flughafen in Varadero Varadero aeropuerto
- puerta al mundo.
Alexei Castellanos steht angesichts solcher Aussprüche die Wut in
den Augen: Kuba ist ein Gefängnis. Ich bin 33 Jahre alt, studierter
Philologe, spreche drei Sprachen - und habe noch nie was anderes als Kuba
gesehen! Juan Carlos Ramos ist Maschinenbauingenieur. Bis vor zwei
Jahren arbeitete der 28jährige bei einem Autobauer in Havanna, für
sechs Dollar im Monat. Jetzt verdient er seinen Lebensunterhalt als Rettungsschwimmer
an den Playas del Este, 20 km außerhalb der Hauptstadt. Schwarz
unternimmt er mit Reisenden Tauchexkursionen, verdient dann an einem Tag
zehn Monatsgehälter. Gleybis Mesa ist Krankenschwester in Havanna.
Die 25jährige hat durchgehalten: Drei Viertel der Mädchen in
ihrem Ausbildungskurs sind abgesprungen: Ein Kranker in der Familie,
ein Kind oder einfach nur die Sehnsucht nach Konsumdingen - die Prostitution
ist ein schneller, einfacher Ausweg. Die Kubaner selbst schätzen
den Anteil der jungen Frauen, die sich als jineteras das Einkommen aufbessern,
auf 80 Prozent - diese Zahl ist sicher übertrieben, doch spiegelt
diese Einschätzung zugleich die Wahrnehmung der Landsleute selbst
wider.
Zwar hat die Regierung Castro die Maßnahmen gegen die Prostitution,
die in exzessiven Formen Touristenstätten überflutete, seit
Jahresanfang verschärft. Auf Zuhälterei stehen bis zu 30 Jahre
Gefängnis; wird ein Mädchen dreimal bei der Prostitution erwischt,
muß sie mit bis zu vier Jahren Gefängnis rechnen. Trotzdem
gehört der Anblick bierbäuchiger italienischer oder deutscher
Stammtischbrüder oft fortgeschrittenen Alters, die blutjunge, bildhübsche
Kubanerinnen an der Hand in ihr Hotelzimmer schleifen, zum Alltag. Zahlten
die Sextouristen - man schätzt ihren Anteil auf 90 Prozent der Gesamtreisenden!
- 1998 noch vier Dollar für den (Liebes?)dienst, ist der Preis wegen
der verschärften Kontrollen derzeit mindestens um das Fünffache
gestiegen.
Was in Kuba Realität ist, belegen auch die graubraunen Lebensmittelheftchen
schwarz auf weiß: Einen Liter Speiseöl gab es zuletzt im Dezember;
ein Stück Seife pro Monat, sechs Eier, drei Kilo Reis - 95 Prozent
der Lebensmittel kommen aus dem Schwarzmarkt, schätzt Gleybis
Ehemann Julián.
Vor allem bei jungen Kubanern stößt man auf Ablehnung und Ignoranz,
sobald man Fragen zur politischen Lage stellt. Wir sehen nur nach
vorn. Irgendwann wird der ganze Spuk hier Vergangenheit sein, meint
Rosa. Die studierte Medizinerin arbeitet seit vier Jahren als Animateurin
in einem Hotel in Guanabo und gehört damit einer privilegierten Gruppe
an: Sowohl von Ausländern als auch von verwandten Exilkubanern erhält
sie begehrteste Konsumgüter wie Nike-Schuhe und Adidas-Shirts. Fast
entsteht der Eindruck, als seien diese Dinge für die junge Generation
Kubas Fixpunkt aller Träume... Fidel muß irgendetwas falsch
gemacht haben.
Stefanie Bolzen

|portuñol 15 - übersicht|
Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 25.07.99
|