|portuñol 15 - übersicht|

Die Geschichte eines Kongresses

- Gipfelvisionen -

Vor einigen Wochen, am 7. und 8. Mai 1999, hat der Arbeitskreis Gipfelvisionen (AKG) an unserer Universität einen studentischen Kongreß mit dem Titel „Gipfelvisionen? – Globalisierung im Widerstreit“ veranstaltet. An dieser Stelle möchten wir über die Entstehungsgeschichte des Projektes berichten und einen Überblick über die Veranstaltung geben.

Der Ursprung des Projekts ist zu Beginn dieses Jahres zu suchen. Im Januar hatten einige Mitglieder der Fachschaft an einer Informationsveranstaltung zur „Erlaßjahr 2000-Kampagne“ teilgenommen. Im anschließenden Gedankenaustausch über das Thema Entschuldung und seine Bedeutung bei den politischen und wirtschaftlichen Gipfeltreffen in Köln im Juni 1999 kam die Idee auf, man könne mit einer kleinen Veranstaltung die Diskussion darüber doch auch in die Universität tragen.
Als die Idee in einer Fachschaftssitzung verbreitet wurde, fanden sich dann auch sofort weitere Interessierte, die sich zu einem ersten Vorbereitungstreffen verabredeten. Weil sich nicht alle Fachschaftsmitglieder an der Aktion beteiligen wollten, beschloß man, einen unabhängigen Arbeitskreis zu bilden, der auch Studierenden anderer Fächer und Fakultäten offen stehen würde.

Der Weg war weit

Auf dem ersten Treffen kam es zu einer regen Diskussion über Inhalt, Gestaltung und den Ablauf der geplanten Veranstaltung. Sollte es eine einzelne Podiumsdiskussion zum Thema Entschuldung von Drittweltstaaten sein? Oder eine Vortragsreihe, die auch andere Themen einbeziehen würde? Fragen über Fragen. Es bedurfte einiger Treffen, um aus den mannigfaltigen Ideen ein funktionsfähiges Konzept zu erstellen und dem ganzen Projekt einen sinnvollen Namen zu geben.
Ende Januar stand fest: Im Mai würde ein Kongreß zu verschiedenen Aspekten des Phänomens der Globalisierung stattfinden. Als Schwerpunkte vorgesehen waren „Alternative Gestaltungen des globalen Wirtschaftssystems“, „Entschuldung von Drittweltstaaten“ und „Ökologisch nachhaltiges Wirtschaften“. Zu jedem Themenblock sollte ein Hauptreferent seinen Ansatz darstellen und ein zweiter Experte diesen kritisch kommentieren. Der Titel „Gipfelvisionen? - Globalisierung im Widerstreit“ spiegelte die Konzeption der Vorträge als Rede und Gegenrede wider. Im Anschluß an die Vorträge sollte in Workshops und Diskussionsrunden den Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben werden, sich mit diesen Themen anhand konkreter Beispiele vertieft auseinanderzusetzen.
Unsere Bemühungen, die Finanzierung der Veranstaltung zu sichern, waren recht schnell erfolgreich. Danken möchten wir an dieser Stelle der Stadt Köln für die finanzielle Unterstützung und Dorothea Freese vom NordSüdForum der Stadt Köln für ihre hilfreichen Ratschläge. Von Seiten studentischer Gremien wurden wir von der Uni-FSK, der Phil-FSK und der Math-Nat-FSK unterstützt.
Etwas aufwendig war es, Referenten zu gewinnen. Am Ende hatte aber doch eine Reihe interessanter Referenten ihre Teilnahme zugesagt.
Für das kulturelle Rahmenprogramm, welches wir in Kooperation mit der esg angeboten haben, konnten wir die lateinamerikanische Musikgruppe son 4 gewinnen. Am 7. Mai, gegen 14 Uhr, war es dann soweit: Rund 100 Zuschauer waren zugegen, als der Oberbürgermeister der Stadt Köln, Dr. h.c. Norbert Burger, das Grußwort sprach. Durch seine langjährige Arbeit im BMZ hatte er in der Vergangenheit häufiger mit der Entwicklungspolitik zu tun. In seinem Vortrag zeigte Herr Dr. Burger Risiken und Chancen des Globalisierungsprozesses auf. Er wies darauf hin, daß dieser Prozeß Ergebnis einer kontinuierlichen, international ausgerichteten Politik sei. Daher sei er nach seiner Initiierung durch die Politik auch weiterhin von dieser beeinflußbar und keine „unbeherrschbare Naturgewalt“. Unabdingbar für eine weitere Steuerung sei aber die Zusammenarbeit aller maßgeblichen Akteure, d.h. der Vereinten Nationen, der Europäischen Union etc. Auch seitens der Städte und Gemeinden, auf lokaler Ebene, sei Kooperation notwendig, denn vieles, was auf internationaler Ebene zur Lösung sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Probleme beschlossen wird, müsse dort umgesetzt werden.
Dr. Leo Gabriel, wissenschaftlicher Kodirektor des Ludwig-Boltzmann-Institutes für zeitgenössische Lateinamerika-Forschung in Wien, Gründer und Herausgeber der Zeitschriften „Lateinamerika Anders“ sowie „Nueva Tierra Nuestra“, referierte über politische Strategien der Zivilgesellschaft gegen die nachteiligen Folgen der Globalisierung. Bei der Bestimmung des Begriffes „Globalisierung“ zeigte er, daß in der Öffentlichkeit eine einseitige Fixierung auf ökonomische Aspekte vorherrsche. Als Folge würden alle anderen Dimensionen der menschlichen Existenz erdrückt. Weiter stellte er ein Vergleich zwischen dem 20. Jh. und dem 19. Jh. an und stellte fest, daß an die Stelle des Klassenwiderspruchs von Kapital und Arbeit das Problem getreten sei, daß ein Großteil der Weltbevölkerung marginalisiert würde. Als Alternativen zum jetzigen Weltwirtschaftssystem zeigte Dr. Gabriel zwei mögliche Ansätze auf: Zum einen eine Reform des Systems durch eine Demokratisierung der Kapitalkonzentrationen, zum anderen – und diesen favorisiert Dr. Gabriel – zivile Organisationsformen innerhalb der marginalisierten Länder bzw. Bevölkerungsgruppen zu stärken. Beispielhaft werde der mögliche Einfluß der Zivilgesellschaft durch die Landlosenbewegung in Brasilien verdeutlicht. Er plädierte dafür, autonome Gesellschaftsformen wie die Erlaßjahr 2000-Kampagne, das Anti-MAI-Bündnis oder die Landlosenbewegungen in Lateinamerika zu verstärken.
Der Philosoph und Journalist Dr. Walter Oswalt hat sich als Verwalter des Walter-Eucken-Nachlasses intensiv mit den Ideen der ordoliberalen Freiburger Schule auseinandergesetzt. Sein Ansatz der „Machtfreien Marktwirtschaft“ liefert einen radikalen Ausweg aus der „Globalisierungsfalle“. Seiner Meinung nach fördere das weltweit vorherrschende Modell des Neoliberalismus durch die Öffnung von Marktschranken und durch konzernfreundlichen Interventionismus (Patent-, Steuer- und Markenrecht) die Entstehung von transnational agierenden Großkonzernen. Diese verhinderten durch ihre Marktmacht, daß in den Gesellschaften notwendige soziale und ökologische Reformen demokratisch beschlossen und umgesetzt werden könnten. Die Existenz dieses Wirtschaftssystems werde dabei genauso gerechtfertigt wie in früheren Zeiten die des Feudalismus. Oswalt forderte eine Politik, die von Machtförderung zu Machtminimierung übergeht. Demokratien benötigten eine Wirtschaftsverfassung und vollkommene Konkurrenz mit möglichst kleinen Wirtschaftssubjekten. Dieses Konzept steht in der Tradition des revolutionären Liberalismus, dessen Anhänger seit dem 18. Jh. genauso für Demokratie und Rechtsstaat wie für die Abschaffung der großen Kapital- und Eigentumskonzentrationen kämpften.
Der Co-Referent Harald Klimenta, Diplom-Physiker und Co-Autor des Buches „Die zehn Globalisierungslügen“, bezweifelte dagegen, ob eine Wirtschaft kleiner und zahlreicher Wirtschaftssubjekte tatsächlich gerechter sei. Auch sei die Ausbeutung der Umwelt ihm zufolge unabhängig von der Größe eines Unternehmens. Im weiteren bezog sich sein Redebeitrag auf die Krisenanfälligkeit des Weltfinanzsystems. Um die schädigenden Wirkungen kurzfristiger Kapitalbewegungen spekulativen Charakters einzudämmen, sei die Einführung einer geringfügigen Steuer auf Kapitaltransaktionen vonnöten (Tobin Steuer).

Preisdiktate der Konzerne

In der Publikumsdiskussion kam die Frage auf, ab welcher Größenordnung ein Unternehmen als „Großkonzern“ zu bezeichnen sei. Ein Indikator hierfür, so Walter Oswalt, sei die Fähigkeit eines Unternehmens, eine marktbeeinflussende Preispolitik machen zu können. Um dieses zu vermeiden, müßten geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Großkonzerne unrentabel machen. Aber würde die geforderte Einschränkung von Urheberrechten nicht das Ende der modernen Forschung bedeuten? Oswalt gab zu, daß dies ein kritischer Punkt seines Ansatzes sei. Allerdings gab er zu bedenken, daß Größe nicht notwendig für Innovation sei, sondern teilweise sogar eine hemmende Wirkung habe. Er veranschaulichte dies am Beispiel der Energieunternehmen.
Jürgen Kaiser, Bundeskoordinator der „Erlaßjahr 2000“-Kampagne stellte das Entschuldungskonzept dieser Initiative vor, die mittlerweile in über 50 Ländern existiert und hier in Deutschland von mehr als 1.600 Trägerorganisationen unterstützt wird. Die Kampagne kritisiert die Entschuldungspolitik der multinationalen Finanzinstitutionen. Der IWF und die Weltbank möchten die 40 höchstverschuldeten armen Länder mit einem Sechsjahresprogramm bis auf ein tragfähiges Niveau entschulden (HIPC-Initiative, Highly Indebted Poor Countries). Als „tragfähig“ wird dabei eine jährliche Schuldendienstquote von 20-25% bzw. ein Schuldenstand (Barwert) von 200-250% der Exporterlöse definiert. Die Kampagne dagegen ist der Ansicht, daß ein tragfähiges Schuldenniveau nicht mehr als 5% der jährlichen Exporterlöse betragen dürfe. Sie orientiert sich dabei am Londoner Schuldenabkommen von 1953, welches die drückenden Auslandsverbindlichkeiten des Nachkriegsdeutschland regelte. Die Umsetzung des Schuldenerlasses zum Jahr 2000 soll sich am US-amerikanischen Insolvenzrecht für Kommunen orientieren. Ein von Gläubiger- und Schuldnerregierungen gleichberechtigt ernanntes Schiedsgericht würde entscheiden. Damit die Entschuldung auch zur Entwicklung dient, soll in jedem Fall ein Teilbetrag der erlassenen Schuld in einen Gegenwertfonds in nationaler Währung des Schuldnerlandes eingezahlt werden. Über sozial gerechte Verwendung dieser Mittel sollen Nichtregierungsorganisationen wachen.

Einblick in die Praxis

Stefan Rolle, Referent im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und seit September 1997 Unterhändler der Bundesregierung im Pariser Club, gab Einblick in den Ablauf der gemeinsamen Entschuldungsverfahren der Gläubigerregierungen und skizzierte die Entschuldungspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1978 sind 36 LDC-Ländern (Least Developed Countries) rund 9,1 Mrd. DM an Forderungen aus der Entwicklungshilfe erlassen und Neuzusagen in Höhe von 12,5 Mrd. DM als Zuschüsse gewährt worden. Im Pariser Club hat die Bundesregierung seit 1988 auch Handelsforderungen in Höhe von 3,2 Mrd. DM erlassen. Für den G8-Gipfel in Köln hat die Bundesregierung einen Schuldenerlaßvorschlag ausgearbeitet, der in mehreren Punkten über die HIPC-Initiative hinausgeht (Verkürzung der Vorlaufzeit von sechs auf drei Jahre, einheitlicher Zielwert für den Schuldenstand von 200%, Anhebung der Schuldenerlaßgrenze auf staatlich verbürgte Handelsforderungen in Einzelfällen von 80% auf 100%, vollständiger Erlaß der Schulden aus der Entwicklungszusammenarbeit), jedoch nicht so weitgreifend wie das Konzept der Erlaßjahr 2000-Kampagne ist.
Die anschließende Diskussion wurde von Gunter Weller, Publizist und Leiter der „Agencia Latinoamericana de Servicios Especiales de Información“ (ALASEI) in Bonn moderiert. Auf die Frage, warum die Bundesregierung den HIPC-Ländern keinen generellen 100%igen Erlaß auf staatlich verbürgte Handelsforderungen gewähre, gab Stefan Rolle zu Bedenken, daß jeder Schuldenerlaß den Staatshaushalt belaste und die Einbußen entweder durch Einsparungen oder durch Steuererhöhungen ausgeglichen werden müßten. Eine erweiterte HIPC-Initiative, wie sie die Bundesregierung vorschlägt, würde einen Schuldenerlaß im Umfang von etwa 20 Mrd. US$ zu Folge haben, wovon ca. 15% von Deutschland zu tragen seien. Andere Regierungen gingen in ihren Entschuldungsinitiativen noch weiter, allen voran Großbritannien, welches am Ende auf eine Summe von 60 Mrd. US$ komme. Ein solch umfassender Schuldenerlaß würde den Bundeshaushalt in den nächsten 15 Jahren mit jährlich zwei Mrd. DM belasten. Er überließ dem Publikum die Entscheidung, ob die Mehrzahl der deutschen Steuerzahler bereit wären, dafür finanziell aufzukommen.
Auf die Kritik an den undemokratischen Entscheidungsstrukturen des Pariser Clubs, welche die Souveränität der Schuldnerländer einschränke, erwiderte Herr Rolle, daß kein Land gezwungen sei, zum Pariser Club zu kommen. Es gäbe eine Reihe von Ländern, die eine Schuldenkrise ohne Zutun dieses Gremiums bewältigt hätten.

Kritik am Pariser Club

Jürgen Kaiser kritisierte vor allem, daß die Entscheidungen im Pariser Club nicht, analog zu rechtsstaatlichen Prinzipien, von einer unabhängigen Instanz gefällt werden, sondern von der Gläubigergemeinschaft selbst. Infolge dieser Parteilichkeit seien unvernünftige Entscheidungen gefällt und wirtschaftliche Probleme unbestimmt in die Zukunft verschoben worden. Länder mit mehr als zwölf Umschuldungsrunden seien keine Seltenheit.
Stefan Rolle wiederum unterstrich, daß die Schuldnerländer auch eine gewisse Eigenverantwortlichkeit hätten. Zum Teil seien Länder die Schulden erlassen worden, mit dem Ergebnis, daß nicht die Masse der Bevölkerung, sondern nur die herrschende Clique davon profitiert habe. Jürgen Kaiser wies dagegen auf die Verantwortlichkeit der Gläubiger hin. Sie hätten den korrupten und undemokratischen Regierungen solcher Länder schließlich nicht nur die Schulden erlassen, sondern ihnen vorher das Geld gegeben und dies, obwohl bekannt war, daß die herrschenden Regime die Gelder veruntreuen würden (Beispiel Mobutu).
An beide Referenten ging die Frage, wie sie die Wirkungen der „Erlaßjahr 2000-Kampagne“ einschätzen. Stefan Rolle hielt es für schwierig, den Einfluß der Initiative zu quantifizieren, weil die Diskussion um die Entschuldung ein sehr vielschichtiger Prozeß mit zahlreichen Entscheidungsträgern sei, die z.T. sehr unterschiedliche Standpunkte zu diesem Thema vertreten. Jürgen Kaiser schloß sich dieser Ansicht an, sah aber generell doch Anzeichen dafür, daß die Kampagne bei den Politikern Beachtung findet. In Deutschland sei auf die Kampagne bei der Debatte über die Entschuldungsinitiative der Bundesregierung im Parlament ausgiebig verwiesen worden.

Zusätzlich: Workshops

In zusätzlich angebotenen Workshops hatten die Teilnehmer an beiden Tagen die Gelegenheit, sich in kleinerer Runde zusammenzusetzen. Der langjährige Geschäftsführer des Asienhauses in Essen, Peter Franke, gab einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung in Asien. Dr. Leo Gabriel stellte anhand von Videomaterial Beispiele für den Widerstand in Lateinamerika gegen den Neoliberalismus vor. Jürgen Kaiser diskutierte mit den Teilnehmern seines Workshops die Entschuldungsproblematik am Länderbeispiel Nicaragua. Im Faktor 4-Workshop wurde das Thema Energieeffizienz an konkreten Beispielen und an Erfahrungsberichten aus der Wirtschaft dargestellt. In einer weiteren Gruppe informierte der Kölner Stadtplaner und Agenda-Moderator Andreas Rohleder über den Agenda 21-Prozeß in Köln und suchte mit den Teilnehmern Möglichkeiten, wie er in die Universität getragen werden könne.
Rückblickend läßt sich sagen, daß sich an beiden Tagen anregende Diskussionen entwickelt haben. Zudem wurden viele Anstöße für zukünftige Aktivitäten gegeben. Interessierten bietet Dr. Walter Oswalt am 12./13.6. in einem Blockseminar (Veranstaltungszeit und -ort siehe Kasten) im Rahmen seines Lehrauftrages an der Universität zu Köln die Gelegenheit, sich mit dem Ansatz der „Machtfreien Marktwirtschaft“ intensiver zu befassen. Jürgen Kaiser lud alle ein, sich an der Bildung der Menschenkette anläßlich des Weltwirtschaftsgipfels in Köln am 19. Juni zu beteiligen (nähere Informationen unter www.erlassjahr2000.de). Wir selbst als Arbeitskreis möchten – motiviert durch den Agenda-Workshop – nach Möglichkeiten suchen, uns in den lokalen Agenda-Prozeß einzubringen. Wer Lust hat, sich diesen Aktivitäten anzuschließen bzw. den nächsten Kongreß zu planen, kann uns per Email (gipfelvisionen@uni-koeln.de) kontaktieren.

Ruth Keppeler · Jens Rühmkorf


|portuñol 15 - übersicht|


Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 25.07.99