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Die baskischen Nationalisten schließen Regierungspakt mit ETAs politischem Arm

- Das trojanische Pferd von Vitoria -


Seit dem 18. Mai ist der Pakt geschlossen: Die gemäßigten baskischen Nationalisten des PNV und EA (Eusko Alkartasuna) und der separatistische Euskal Herritarok (Baskische Bürger) unterzeichneten an diesem Tag in Vitoria ein Regierungsbündnis.

Rückblende: Seit Anfang 1998 hatte der PNV mit Herri Batasuna und der ETA geheime Verhandlungen geführt. Denn der PNV setzte nun auf die Politik der Annäherung statt der Isolation. Die Separatisten sollten dazu gebracht werden, offiziell der Gewalt abzuschwören - was zumindest teilweise gelang: Im vergangenen September verkündete die ETA überraschend einen unbefristeten Waffenstillstand.
Zwar war von einem endgültigen Gewaltverzicht keine Rede. Doch zumindest kamen sich PNV und der politische Arm der ETA beträchtlich näher, denn das Bekenntnis zum Gewaltverzicht war für den PNV Grundvoraussetzung, um EH und damit ETA in die politische Taktik zu integrieren.
Herri Batasuna trat bei den folgenden Regionalwahlen im Oktober unter dem Namen Euskal Herritarok an. Zudem änderten die radikalen Nationalisten dieses Mal ihr Verhalten: Bis dato hatten sie sich zwar ins Parlament wählen lassen, weigerten sich aber anschließend, auf die Verfassung zu schwören und in den demokratischen Institutionen mitzuarbeiten. Nun ging EH erstmals dazu über, „offiziell“ am politischen Leben im Baskenland teilzunehmen.
Der baskische „lehendakari“, Regierungschef Juan José Ibarretxe (PNV), bildete mit dem gemäßigt nationalistischen EA (Baskische Solidarität) eine Minderheitsregierung. Ein Bündnis des nationalistische Ibarretxe mit den spanischen Großparteien PP und PSOE war nach ersten Verhandlungsversuchen nicht zustande gekommen. Hingegen kam es bereits im Vorfeld der Wahlen zu Annäherungen zwischen dem PNV und den Seperatisten des EH.
Dank der Unterstützung von EH wurde Ibarretxe gleich im ersten Wahlgang zum Regierungschef erkoren.
Anschließend führte Ibarretxe sieben Monate lang zähe Verhandlungen mit EH, um ein Regierungsbündnis zustande zu bringen. Im Mai diesen Jahres endlich unterzeichneten PNV-EA und EH einen Pakt und bildeten damit endgültig eine parlamentarische Mehrheit. Damit unterstützt der politische Arm der ETA erstmals offiziell eine Regierung des País Vasco.

Bisher Gewaltverzicht

Die Terrororganisation ETA hat ihren einseitig erklärten Gewaltverzicht bisher zwar eingehalten, zumindest was die brutalste Art der Gewalt in Form von Erschießungen, Bombenanschlägen und Entführungen angeht. Auf den Straßen des Baskenlandes tobt währenddessen jedoch weiter die „violencia callejera“ nationalistischer Jugendlicher.
Trotzdem zerstreut der Regierungspakt von Vitoria die Zweifel der nicht-nationalistischen Politiker an einem echten Friedenswillen nicht. Zwar spricht sich das Bündnis für die „desaparición plena de todas las acciones y manifestaciones de violencia“ aus. EH hat sich jedoch geweigert, die Gewalttätigkeit der ETA und ihrer jugendlichen Sympathisanten ausdrücklich zu verurteilen.
Die Aufdeckung eines riesigen ETA-Waffenlagers im April in Bayonne läßt das Friedensangebot der Separatisten noch unglaubwürdiger erscheinen.
Der Präsident des Partido Popular im Baskenland, Carlos Iturgaiz, ist über das Verhalten Ibarretxes erzürnt: Letzterer hatte stets versprochen, mit keiner Gruppierung Regierungspläne einzugehen, die nicht eindeutig die Gewalt verdamme. Diesem Grundsatz ist Ibarretxe am Ende nicht treu geblieben. Der größte Skandal für den Volkspartei-Abgeordneten: Auf den Wahllisten von EH für die Kommunalwahlen am 13. Juni stehen mutmaßliche ETA-Terroristen. So erscheint der Name von José Luís Barrio. Dieser steht unter Verdacht, dem „Comando Andalucía“ anzugehören, das 1998 einen sevillanischen Stadtrat und dessen Frau auf offener Straße erschossen hatte.

Großes Mißtrauen

Auch der spanische Ministerpräsident Aznar und vor allem sein Innenminister Mayor Oreja mißtrauen der baskischen Nationalistenregierung nach wie vor. Sie fürchten, daß es zu einer weiteren Radikalisierung und Polarisierung der Situation kommt.
Das Bündnispapier von Vitoria zielt klar auf weitere Polarisierung ab: Obwohl das Baskenland bereits ein Höchstmaß an Autonomie besitzt, fordern die Nationalisten eine weitere „Baskisierung“ der Justiz, der Finanzbehörden, der Universitäten. Zunächst liefe diese Entwicklung auf eine weitere Distanzierung zwischen Madrid und Vitoria hinaus. Um letztendlich zu dem zu führen, was gerade ETA und EH wollen: die definitive Separation des Baskenlandes von Spanien. Was keinesfalls im Sinne vieler Basken selbst stünde - nach neuesten Umfragen treten nur 18 Prozent der Basken für eine Ablösung von Madrid ein. Das Endziel eines „Baskischen Staates“, der auch Navarra und das französische Baskenland miteinschlösse, wird ebenfalls von einem Großteil der Betroffenen abgelehnt.
Selbstbestimmung und Separation sind genau die Ziele, die zumindest für EH hinter dem Pakt von Vitoria stehen. Die PNV/EA-Politik geht zwar nicht eindeutig in diese Richtung, wird aber durch ihren nationalistischen, wenn auch nicht eindeutig separatistischen Seiltanz das Mißtrauens-Verhältnis zu Madrid weiterhin schüren.
Kann man unter diesen Umständen Ibarretxes Worten glauben, daß nach 38 Jahren Terror der Pakt von Vitoria endlich den Frieden bringt?
Die Tageszeitung „La Vanguardia“ mißt dem 18. Mai zwei mögliche Bedeutungen zu: als mögliche Brücke zum lang erhofften Frieden im País Vasco, oder als trojanisches Pferd, mit dem sich die ETA durch die Hintertür auf die Abgeordnetenbank des baskischen Parlaments geschlichen hat.

 Stefanie Bolzen

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 25.07.99