|
|portuñol 14 - übersicht|
José Saramago
- Er schrieb “Alle Namen“ -
- Nun kennen alle seinen Namen -
José Saramago, „der mit Gleichnissen, getragen von Phantasie, Mitgefühl und Ironie, ständig
aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar macht“, erhielt im vergangenen Jahr als erster portugiesischer
Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. „Saramagos eigensinnig entwickelte, vielschichtige Romankunst
verleiht ihm einen hohen Rang. In all seiner Selbständigkeit knüpft er an die Tradition auf eine Art
und Weise an, die in der heutigen Situation als radikal bezeichnet werden kann. Seine Schriftstellerei erscheint
als eine Reihe von Projekten, von denen das eine Projekt das andere mehr oder weniger bloßstellt, aber wobei
alle neue Versuche darstellen, einer entfliehenden Wirklichkeit auf den Leib zu rücken“, schrieb das Komitee
in seiner Presseerklärung.
Doch wer ist dieser Saramago? Schon seit langem ist er in Portugal kein Unbekannter mehr und auch im übrigen
Europa haben seine Romane schon für Aufsehen gesorgt.
Am 16. November 1922 wurde José Saramago in dem kleinen ribatejanischen Dorf Azinhaga bei Golegã
geboren. Er wuchs in Lissabon auf, wo er später als Büroangestellter arbeitete. 1944 heiratete Saramago
zum ersten Mal. Aus dieser Ehe stammt die Tochter Violante. Drei Jahre später veröffentlicht er seinen
ersten Roman: „Terra do Pecado“, der ’97 vom Caminho-Verlag neu aufgelegt wurde. Das Jugendwerk ist nur ein blasser
Vorgeschmack auf die kommenden Veröffentlichungen. Banale Charaktere, in ebenso banalen Situationen.
Zwischen 1966 und 75 erscheinen verschiedene Gedichtbände. In diese Zeit fallen auch wichtige Ereignisse
im Leben des Autors. 1969 wird Saramago Mitglied der kommunistischen Partei. Ab ’71 arbeitet er für die Tageszeitung
Diário de Notícias (DN) in Lissabon. ’72/’73 ist er für verschiedene andere Blätter tätig.
Saramago veröffentlicht unter dem Titel „A Bagagem do Viajante“ crónicas, die er für A Capital
und das Jornal do Fundão geschrieben hatte. Beim Jornal de Lisboa kommentiert er das politische Geschehen
und ist für den Kulturteil verantwortlich. 1975 wird er stellvertretender Direktor des DN. In diesen Jahren
verfestigen sich seine politischen und sozialen Ansichten.
1977 erscheint sein zweiter Roman, „Manual de Pintura e Caligrafia“ (deutsch: „Handbuch der Malerei und Kalligraphie“).
Das Buch zeigt autobiographische Züge und beschäftigt sich eingehend mit der Salazar-Zeit und dem Drang
zu schreiben. In diesem Zyklus ist auch sein erstes dramaturgisches Werk „A Noite“ zu sehen, es erinnert an die
Nacht vom 24. auf den 25. April 1974, die Nacht vor der Nelkenrevolution, die das Ende des Faschismus in Portugal
besiegelte.
1980/81 verliert Saramago die Stelle beim DN. Er zieht sich in den Alentejo zurück und verfaßt „Levantado
do Chão“ (deutsch: „Hoffnung im Alentejo“). Der portugiesische Titel ist sehr passend, denn mit diesem Roman
zieht sich Saramago hoch und beginnt seinen Erfolgsweg, den er Schritt für Schritt zielstrebig weiterverfolgte.
Die Familiensaga wurde zu einem internationalen Erfolg.
1982 erscheint der Roman „Memorial do Convento“ („Das Memorial“). Das mehrfach preisgekrönte Werk beschreibt
den Bau des Klosters von Mafra aus der Sicht des kleinen Mannes. Hier schlägt sich die politische Gesinnung
des bekennenden Atheisten Saramago in bitterster Ironie nieder. Das Buch inspirierte den Italiener Corghi zur Oper
Blimunda, die 1990 in der Mailänder Scala uraufgeführt wurde.
1984 folgt mit „O Ano da Morte de Ricardo Reis“ („Das Todesjahr des Ricardo Reis“) ein weiteres Meisterwerk.
Saramago erweckt Ricardo Reis, eines der Heteronyme des zur Salazar-Zeit gefeierten Dichters Fernando Pessoa zum
Leben. Und auch Pessoa, der Zeit seines Lebens behauptete, er sei die Reinkarnation des lang erwarteten Königs
Sebastião, kehrt für einige Auftritte in die Welt der Lebenden zurück. Nebenbei verteilt Saramago
einige Tiefschläge gegen die Kirche und den Faschismus.
Zu einem Welterfolg wurde der 1986 erschienene Roman „A Jangada de Pedra“ („Das steinerne Floß“). Eine
faszinierende Gedankenspielerei, was passieren würde, wenn sich die iberische Halbinsel vom Rest Europas losreißen
und wie ein Floß in den Ozean hinaus treiben würde. Saramago ist einer der wenigen Portugiesen, die
eine Union von Spanien und Portugal befürworten.
1988 heiratet er die spanische Journalistin Pilar del Rio. Ein Jahr später kommt „Historia do Cerco de
Lisboa“ („Geschichte der Belagerung von Lissabon“) heraus. In diesem Buch verknüpft Saramago eine packende
Liebesgeschichte mit der unglaublichen Tat eines Korrektors, der in ein Geschichtsbuch das kleine Wort „nein“ einfügt
und damit die Geschichte neu schreibt, denn plötzlich halfen die Kreuzritter nicht mehr bei der Befreiung
der Stadt.
Das wohl umstrittenste Buch des Portugiesen ist das 1991 erschienene „O Evangelho segundo Jesus Cristo“ („Das
Evangelium nach Jesus Christus“), das ihm den Unmut vieler Landsleute und der Kirche einbrachte. Das Buch war für
den europäischen Literaturpreis nominiert, wurde dann aber vom Kulturministerium zurückgezogen: „Houve
uma razão substantiva na minha decisão porque o livro em causa – não era a obra do escritor
a ser avaliada – tem um conteúdo manifestamente atentatório contra aquilo que é o credo dos
cristãos portuguesas“, sagte der Verantwortliche, Sousa Lara, in diesem Jahr bei einem Interview mit dem
Expresso.
Der Eklat führte dazu, daß Saramago sich 1992 nach Lanzarote zurückzieht. Dort entstehen die
Cadernos de Lanzarote, eine Sammlung von Tagebüchern.
1995 erscheint „O Ensaio sobre a Cegueira“ („Die Stadt der Blinden“). In einer namenlosen Stadt bricht eine
Epidemie aus, nach und nach erblinden ihre Bürger. „Soll ich dir sagen, was ich denke, Ja, Ich glaube nicht,
daß wir erblindet sind, ich glaube, wir sind blind, Blinde, die sehen, Blinde, die sehend Neorealismus und
Phantastischem Realismus webt José Saramago seine Geschichten um drei zentrale Säulen, Religion, Geschichte
und Liebe. Letztere spielt immer nur eine unterschwellige, aber wichtige Rolle. Von der ideologischen Plattform
des Kommunismus aus lanciert Saramago gezielte Schläge gegen seine „Feindbilder“ Kirche und Faschismus, wobei
die Schläge sehr hintergründig gesetzt werden und eher überzeugen als verletzen. Seine letzten Romane
schlagen einen neuen Weg ein: kafkaeske Szenerien gepaart mit der Saramago eigenen Ironie. Reflexionen über
Leben und Denken.
Der Literaturnobelpreis 1998 ging an einen viel geachteten, aber wenig beachteten Schriftsteller, dessen Herkunft
ihm viel Inspiration, aber ebenso viele Hindernisse bescherte. Portugal, das Land an der Peripherie der Peripherie.
Saramago, der Schriftsteller, der in der kaum beachteten aber fünftmeist gesprochenen Sprache schreibt. Wer
ihn noch nicht kennt, sollte ihm etwas (Be)-Achtung zollen. Es lohnt sich.
Martin Heiden
Bibliographie
Lyrik
Os poemas possíveis. Portugália Ed. 1966, Ed. Caminho, 1982
Provavelmente alegria. Livros Horizonte 1970, Ed. Caminho, 1985
O ano de 1993. Ed. Futura 1975, Ed. Caminho, 1987
Romane und Novellen
Manual de Pintura e Caligrafia: romance Moraes Ed. 1977, Ed. Caminho, 1984
Objecto quase. Moraes Ed.1978, Ed. Caminho, 1984
Levantado do Chão: romance. Ed. Caminho, 1980
Memorial do Convento: romance. Ed. Caminho, 1982, Círculo de Leitores, 1984
O ano da morte de Ricardo Reis: romance. Ed. Caminho, 1984
A jangada de pedra: romance. Ed. Caminho 1986, Círculo de Leitores, 1987
História do cerco de Lisboa: romance. Ed. Caminho, 1989
O evangelho segundo Jesus Cristo: romance. Ed. Caminho, 1991
Ensaio sobre a cegueira: romance. Ed. Caminho, 1995
Todos os nomes: romance. Ed. Caminho, 1997
Essayistik
Deste mundo e do outro. Ed Arcádia 1971, Ed Caminho, 1985
A bagagem do viajante: crónicas. Ed. Futura 1973, Ed. Caminho, 1986
As opiniões que o DL teve. Seara NovaEd. Futura, 1974
Os apontamentos: crónicas políticas. Seara Nova, 1976, Ed. Caminho, 1990
Viagem a Portugal. Círculo de Leitores 1981, Ed. Caminho, 1984
Theater
A noite. Ed. Caminho, 1979
Que farei com este livro? Ed. Caminho, 1980
A segunda vida de Francisco de Assis. Ed. Caminho, 1987
In nomine Dei. Ed. Caminho, 1993
Tagebücher
Cadernos de Lanzarote: diário. Vol. 1-4, 1994-97
Sekundärliteratur
Lopes, O., Os sinais e os sentidos. Literatura portuguesa do século XX. Lisboa 1986
Seixo, M. Maria, O essencial sobre José Saramago. Imprensa Nacional 1987
Silva, T.C. Cerdeira da, Entre a história e a ficção. Uma saga de portugueses. Dom Quixote
1989
Losada, B., Eine iberische Stimme. Liber, 2,1, 1990,3
Kaufman, Helena I., Ficção histórica portuguesa da pós-revolução. Madison
1991
Bastos, Baptista, José Saramago: Aproximação a um retrato. Dom Quijote 1996
Costa, Horácio, José Saramago: O Período Formativo. Ed. Caminho 1998
Auf Deutsch
Hoffnung im Alentejo. Aufbau 1985, Rowohlt 1987
Das Memorial. Rowohlt 1986, Das Kloster zu Mafra. Aufbau 1986
Das Todesjahr des Ricardo Reis. Rowohlt 1988, Aufbau 1990
Handbuch der Malerei und Kalligraphie. Rowohlt 1990
Das steinerne Floß. Rowohlt 1990
Geschichte der Belagerung von Lissabon. Reinbek bei Hamburg 1992
Das Evangelium nach Jesus Christus. Rowohlt 1993
Der Stuhl und andere Dinge: Erzählungen. Rowohlt 1995
Die Stadt der Blinden. Rowohlt 1997
|

|portuñol 14 - übersicht|
Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 05.05.99
|