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In neuem Kleid

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Spanien heute

Die dritte Auflage von Spanien heute präsentiert sich in völlig überarbeiteter Form. Mehrere Artikel dieses Standardwerks der Spanienliteratur wurden komplett aktualisiert, andere kamen neu hinzu. Ziel war es, neben dem Spanien der transición auch das Spanien nach der konservativen Wende von 1996 zu berücksichtigen. Die beiden Herausgeber Walter L. Bernecker und Klaus Discherl wollten eine Aufsatzssammlung vorlegen, die nicht – wie bisher in der Literatur vorherrschend – auf die transición fixiert ist, sondern die LeserInnen mit dem aktuellen Stand der Forschung zur jüngsten spanischen Geschichte vertraut macht. Außerdem sollte Spanien heute als Überblickswerk für all diejenigen dienen, die sich für Spanien interessieren.

Die einzelnen Beiträge des Buches wurden in fünf große Kapitel gruppiert. Das erste befaßt sich mit der demokratischen Konsolidierung und der neuen politischen Kultur, während im zweiten die alten und neuen Machtträger wie Monarchie, Militär und Wirtschaft vorgestellt werden. Das nächste Kapitel beschreibt den Wandel in der spanischen Gesellschaft und widmet sich Themen wie Kriminalität, Drogen, Religion, Erziehungssystem und Frauen. Unter dem Titel “Spanien und das Fremde” geht es im vierten Teil unter anderem um das Verhältnis zwischen Spanien und Lateinamerika und um die spanischen Reaktionen auf Fremde im eigenen Land. Der letzte Abschnitt umfaßt mehrere Aufsätze zum Thema Medienkultur: Hier sind Artikel zu Zeitungen, Fernsehen und Film zu finden. Abgeschlossen wird das Buch durch einen umfangreichen Anhang, in dem die Autoren des Buches vorgestellt und eine Auswahlbibliographie gegeben werden. Am Anhang sehr zu loben, sind die Zeittafel sowie der – im Gegensatz zu anderen Büchern der heute-Reihe vorhandene – Index. Letzterer erleichtert es erheblich, das Buch als Überblickswerk zu benützen.

Das Buch beginnt mit einer ca. 30seitigen Einleitung der beiden Herausgeber, in der kurz die politische Situation der letzten Jahrzehnte in Spanien sowie die weiteren Aufsätze des Buchs dargestellt werden. Nach der gelungen Einleitung enttäuscht der erste Artikel von Peter Kraus und Wolfgang Merkel zur Konsolidierung der Demokratie. Der häufige Gebrauch von Fremdwörtern – so wird z.B. 1989 als annus mirabilis bezeichnet – und ein mehrstufiges Theoriemodell der demokratischen Konsolidierung tragen nicht zum einfachen Verständnis bei. Vielmehr bleibt der Eindruck zurück, daß der Mangel an konkreten Fakten durch theoretische Schaumschlägerei verdeckt werden sollte.

Überzeugender und zudem noch unterhaltsam geschrieben sind allerdings die folgenden Beiträge von Dag Oeing zur Wahlenthaltung und von Andreas Hildenbrand zum Regionalismus in Spanien. Letzterer führt die LeserInnen in anschaulicher und detailreicher Weise durch das Chaos der spanischen Autonomiestatute. Walter Haubrich, Korrespondent der FAZ in Madrid, wartet mit einem sehr guten Artikel zur politischen Kultur auf. Provozierend und kritisch, aber stets sachlich bleibend, zieht er über die von Korruption, persönlicher Bereicherung und Sensationsjournalismus geprägte politische Kultur Spaniens her.

Im zweiten Kapitel zu alten und neuen Machtträgern erfahren wir in einem guten Aufsatz von Herausgeber Walther L. Bernecker zur Monarchie mehr über die transición als im mißlungenen ersten Artikel des Buches. Die große Sympathie Berneckers für den spanischen König ist unverkennbar – zuweilen wünscht man sich etwas mehr kritische Distanz. Anschließend betrachtet Martina Fischer auf sehr informative Weise die Rolle der Armee, während der Artikel zur spanischen Wirtschaft von Gabriel M. Pérez-Alcalá nicht ganz überzeugen will. Dagegen beschreibt Holm-Detlev Köhler die spanischen Gewerkschaften sehr anschaulich.

Mit dem etwas irreführenden Titel “Transition und sozialer Umbruch” beginnt der dritte Teil zum Wandel in der Gesellschaft. Roland Ostermann konzentriert sich hier auf die Zunahme von Drogenmißbrauch und Kriminalität als Schattenseiten des Wandels seit 1975. Viele interessante Einzelheiten aus dem spanischen Alltag schildern die nächsten Beiträge zu Kirche und Religiosität von Carlos Collado Seidel und zur Situation der Frau von Karl-Wilhelm Kreis.
Im Kapitel “Spanien und das Fremde” ist der Aufsatz zum Lateinamerikabild spanischer Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker besonders für RegionalwissenschaftlerInnen interessant. Sehr gut gelungen ist der Beitrag von Rafael Domínguez Rodríguez zum Tourismusboom und seinen Folgen, in dem er auch auf Umweltprobleme eingeht. Allerdings ist seine Forderung nach einem Ausbau der Hauptverkehrsstraßen etwas paradox, da er gleichzeitig die durch den Verkehr verursachten Umweltprobleme beklagt.

Insgesamt am überzeugendsten ist der fünfte und letzte Teil des Buchs zur Medienkultur. Als sehr sachkundige und kompakte Geschichte der spanischen Zeitungslandschaft kann der Beitrag von Jean-Pierre Castellani empfohlen werden. Wer sich eher für das spanische Fernsehen interessiert, dem sei der Aufsatz von Peter M. Sprangenberg ans Herz gelegt. Der Autor erläutert hier besonders die Hintergründe zum Streit um eine Digitalfernsehplattform und gibt am Ende des Artikels eine kurze Geschichte des spanischen Fernsehens.

Insgesamt fällt bei der Lektüre des Buches immer wieder auf, daß es den Herausgebern nicht ganz gelungen ist, sich von der Zeit der transición zu lösen und ein wirklich aktuelles Werk zu präsentieren. Viele der Aufsätze bleiben auch nach der Überarbeitung zu sehr an der transición verhaftet, worauf bereits Überschriften wie “Demokratische Konsolidierung”, “Alte und neue Machtträger” oder “Zum Wandel in der Gesellschaft” hinweisen. Vielleicht stünde es einem Buch mit dem Titel Spanien heute, 23 Jahre nach dem Tode Francos besser zu Gesicht, sich endgültig vom Spanien der Vergangenheit zu lösen und das Spanien der Gegenwart zu präsentieren.

Negativ fallen weiter das schlechte Layout der Grafiken und Tabellen auf, eine leider fast schon typische Erscheinung bei Publikationen aus dem Hause Vervuert. Besonders die 3-D-Grafiken wurden schrecklich gestaltet, während viele Tabellen in einem langweiligen, nichtssagenden Gitterraster daherkommen. Bei dem Buchpreis von 68 DM und dem oft sehr hohen Informationsgehalt der Grafiken und Tabellen, sollte es sich der Verlag doch wirklich überlegen, ob hierauf bei zukünftigen Ausgaben der heute-Reihe nicht etwas mehr Wert gelegt werden kann.

Trotz der angeführten Defizite kann das Buch insgesamt aber überzeugen. Als Fazit ist festzuhalten, daß es sich bei Spanien heute um das deutschsprachige Überblickswerk zu Spanien handelt, dessen Kauf trotz des hohen Preises allen Spanieninteressierten sehr empfohlen werden kann.

Übrig bleibt nur die Frage, warum kein einziger der Autoren aus Köln stammt – hat unsere Universität keine anerkannten Spanienspezialisten zu bieten?

Johannes Beck

Walter L. Bernecker/Klaus Discherl, Spanien heute, Bibliotheca Iberoamericana Vol. 65, Vervuert, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-89354-565-4, 702 Seiten, 68 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 05.05.99