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portugiesische literatur

- 2+20 aufsätze -

Spätestens mit der Vergabe des Nobelpreises für Literatur an den portugiesischen Schriftsteller José Saramago am 10. Dezember des vergangenen Jahres in Schweden dürfte sich die portugiesische Literatur für viele deutsche Leser nicht mehr nur auf Camões und Fernando Pessoa beschränken. Schon mit der Frankfurter Buchmesse rückte das westlichste Land Europas mehr denn je zuvor in den Mittelpunkt des Interesses unter den Literaturliebhabern. Die bekannte portugiesische Schriftstellerin Lídia Jorge sowie der Psychologe und Autor António Lobo Antunes, dessen neuestes Werk O Esplendor de Portugal fast umgehend in die deutsche Sprache übersetzt wurde, sind längst keine Geheimtips für Eingeweihte mehr.
In 22 Aufsätzen werden die bedeutendsten Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus dem Portugal des 20. Jahrhunderts vorgestellt, eingebettet in ihre zeitlichen Strömungen. Der Herausgeber des Buches und die Autoren, bedeutende Literaturwissenschaftler und Autoren wie Henry Thorau, Helmut Siepmann, Octavio Paz, Curt Mayer-Clason oder Nuno Júdice, haben sich vorgenommen, dem Leser Appetit auf mehr portugiesische Literatur zu machen. Ausschnitte aus den Werken, Zusammenfassungen von Romanen sind kleine Häppchen, die den Wunsch nach mehr portugiesischer Kost wecken.

Besonders reizvoll gelingt dies Henry Thorau mit seinem Artikel Die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenzufügen, eine Einführung in die Romane des António Lobo Antunes. Stellenweise flicht der Autor Hintergrundinformationen ein und übersieht nicht das zwiespältige Verhältnis der Literaturkritiker dem Schriftsteller Antunes gegenüber – „die einen wünschen ihm den Nobelpreis, die anderen die Malaria“. Ohne Umschweife beschränkt sich Thorau auf den wesentlichen Inhalt der Romane, bemerkt kurz, welche der Werke schon ins Deutsche übersetzt wurden, verflicht Antunes Geschichte mit der seiner Romane. Thorau scheut sich nicht, seine eigenen Worte zu verwenden und versteckt sich nicht hinter der ausschließlichen Verwendung von Zitaten.

Graça Abranc hes hingegen bietet uns auf Seite 204 bis 236 ein Sammelsurium von Textausschnitten, anstrengend zu lesen, zudem häufig unverständlich, gefangen in einer literarischen Sprache, welche, man möchte meinen, für Sekundärwerke der Literaturwissenschaft verpflichtend ist. Die Politik und Poetik portugiesischer Frauen im 20. Jahrhundert ist leider, trotz des interessanten Themas, für den Einstieg eine viel zu schwere Kost, die in erster Linie satt, aber nicht hungrig macht. Ein Stück weiter, auf Seite 501 führt uns jedoch Renate Heß durch die Werke Lídia Jorges. Auch wenn Renate Heß den Artikel Schreiben heißt: sich erinnern nicht eigens für dieses Buch geschrieben hat – ein fast identischer Artikel erschien 1993 in Die Schwestern der Mariana Alcoforado, herausgegeben von Elfriede Engelmayer und Renate Heß und erschienen im Verlag edition tranvía – so zählt er bestimmt zu den gut gelungenen des Buches „Portugiesische Literatur“. Renate Heß betrachtet das Werk einer Frau, einer portugiesischen Frau, und stellt die, nennen wir sie, „weibliche“ Themen der Schriftstellerin in den Vordergrund. Mit der Nelkenrevolution am 25. April 1974 verändert sich zum erstenmal die „gesellschaftliche Rolle und Position der Frauen“. Die wiedererlangte Meinungsfreiheit, das nahende Ende einer Kolonialgesellschaft, die Öffnung Portugals nach außen inspirierten insbesondere das schriftstellerische und künstlerische Schaffen von Frauen. Aufgearbeitet wurden der Kolonialkrieg in den afrikanischen Kolonien, sich wiederholende Motive in Lídia Jorges Werk sind zum Beispiel die Frage nach dem Verhältnis von objektivem Geschehen und dem individuellen Erleben sowie der Stellung der Schriftstellerin in der Gesellschaft.

Alle Artikel verfügen über eine Bibliographie, eingeteilt in Primärwerke der behandelten Autoren und eine Auswahl von Sekundärliteratur. Wer also tatsächlich Gefallen an einigen portugiesischen Autoren oder Autorinnen gefunden hat, kann sich anhand dieser Zusammenstellung beim Weiterlesen etwas leichter orientieren. Außerdem wird grundsätzlich auf die Werke, welche in deutscher Sprache erschienen sind, hingewiesen. Wer der portugiesischen Sprache also nicht mächtig ist, erhält wenigstens einen kleinen Überblick über seine Vertiefungsmöglichkeiten. Gut gelungen ist der kurze, chronologische Lebenslauf eines jeden Autoren, der überflüssige und störende Daten aus der Interpretation der Werke auslagern hilft. Wer das Buch nicht freiwillig lesen möchte, sollte es wenigstens für mögliche Zwischenprüfungen oder Diplomprüfungen im Auge behalten.

Jutta Wasserrab

Henry Thorau (Hrsg.), Portugiesische Literatur, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39270-0, 575 Seiten, 29,80 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 05.05.99