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Saramago auf neuen Wegen:
- Blinde zeigen versteckte Seite des Nobelpreisträgers -
Eine Epidemie sucht eine namenlose Stadt heim, nach und nach erblinden ihre Bewohner. In seinem Roman „Die
Stadt der Blinden“ („Ensaio sobre a Cegueira“) karikiert der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago
die aktuelle Gesellschaft.
Ein Mann wartet in seinem Auto vor einer Ampel. Plötzlich erblindet er. Wo eben noch Formen und Farben waren,
ist nun alles weiß. Autos hupen verärgert; ein hilfsbereiter Mitbürger bringt den Erblindeten nach
Hause. Der Augenarzt weiß auch keinen Rat. In der Nacht verliert er sein Augenlicht über dem Studium
augenärztlicher Fachbücher. Es erblinden alle Patienten, die in der Praxis des Augenarztes waren. Eine
Hure hält das Weiß, das so plötzlich beim Sex im Hotel erscheint, zunächst für einen
besonders gelungenen Orgasmus, dann rennt sie nackt und schreiend durch die Hotelhalle; Polizisten, Taxifahrer,
Autodiebe - alle verlieren ihr Augenlicht so allmählich epidemisch.
Wie die Blindheit in der namenlosen Stadt übertragen wird, ist unklar. Vielleicht durch bloßen Blickkontakt,
vermutlich ist das alles auch symbolisch zu verstehen. Die Regierung interniert die Blinden jedenfalls in einem
ehemaligen Irrenhaus. Soldaten versorgen das Lager und erschießen die, die fliehen wollen.
Als historische und/oder literarische Vorbilder mögen „die Pest“ von Camus und die Konzentrationslager der
Nazis gedient haben. Hinzu mischt sich die biblische Vision der Blinden, die andere Blinde führen. („Soll
ich dir sagen, was ich denke, Ja, Ich glaube nicht, daß wir erblindet sind, ich glaube, wir sind blind, Blinde,
die sehen, Blinde, die sehend nicht sehen.“).
Die Verhältnisse spitzen sich schnell zu, die Verhältnisse in der Irrenanstalt sind katastrophal, die
sanitären Anlagen schnell unbrauchbar. Müll und Fäkalien stapeln sich in den Fluren, nervöse
Soldaten würzen den Gestank mit Leichen.
Die Stadt ist in Blinde und Sehende gespalten, die Irrenanstalt in Gute und Böse. Nach mehreren Kämpfen
beginnt das Irrenhaus zu brennen, die Blinden strömen hinaus in die Stadt, wo längst schon alle anderen
erblindet sind. Die ganze zivile Organisation ist zusammengebrochen.
Am Ende können alle wieder sehen, was die Blindheit moralisch in Anführungszeichen setzt. „Die Stadt
der Blinden“ regt zum Nachdenken an. Saramago spricht viele Probleme der Gesellschaft auf eine recht unbequeme
Art und Weise an.
Was ist gut und was ist böse? Saramago durchleuchtet die Licht- und Schattenseiten der Existenz und wendet
sich so einem für ihn neuen Themenbereich zu, der metaphysischen Betrachtung des menschlichen Daseins. Dabei
bleibt er seiner philosophisch-stilistischen Richtung, dem Phantastischen Realismus treu.
Martin Heiden
José Saramago: „Die Stadt der Blinden“, aus dem Ptg. von Ray-Güde Mertin, Rowohlt Verlag, Reinbek
1997, ISBN 3-498-06318-9, 420 Seiten, 42 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 05.05.99
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