- Der Apfel im Dunkeln -Martim, vermutlich ein Paulistano, hat versucht seine Frau zu töten. In der Annahme, einen Mord begangen zu haben, flieht er ins Landesinnere, in eine rauhe und trockene Gegend. Dabei gelangt er schließlich, ausgezehrt und hungrig, auf eine abgeschiedene Fazenda. Vitória, die harte und stolze Herrin des Landgutes, gibt ihm zunächst Arbeit, die Frage nach der Herkunft Martims und dem Grund seines Kommens macht sie jedoch mißtrauisch. Der Wunsch, sich des Mannes zu entledigen, wächst allmählich. Martim aber ist auf dem Weg, in der Einsamkeit zu sich selbst zu finden. Er entdeckt Gefallen an der körperlichen Arbeit, die er mit Ruhe und Hingabe verrichtet. Zwar spürt er, daß seine Tage auf der Fazenda gezählt sind, doch ist er nur widerwillig bereit, seinen Rhythmus der Selbstfindung durch die drohende Gefahr des Verrats zu beschleunigen und die Fazenda freiwillig zu verlassen. Mit Vitória lebt die verwitwete Ermelinda, ihre verhaßte Nichte. Im Gegensatz zu Vitória ist sie gebrechlich und ängstlich. Die Tage des Zusammenlebens mit Martim erfüllen ihren sehnlichsten Wunsch. Sie wird Martims Geliebte. Vitória hingegen überwindet die geschaffene Distanz zu Martim nicht. Letztendlich, vielleicht aus Enttäuschung und Verbitterung, schafft sie die unangenehme Präsenz des Mannes aus ihrem Leben und denunziert ihn bei der Polizei... Ausbruch und SelbstfindungClarice Lispector, die 1920 in der Ukraine geboren ist und erst mit zwei Monaten nach Brasilien kam, erzählt die Geschichte eines Mannes, der verzweifelt aus der alten Welt ausbrechen will, um sich selbst zu finden, um eine neue Art des Sehens, Begreifens und Ordnens zu finden, ein Art des Sehens, die vollkommen ist wie die Wirklichkeit. Seine ursprüngliche Welt scheint ihm verlogen und unauthentisch. Mit dem Mordversuch an seiner Frau möchte er sich opfern. Die Passion, das Kreuz, das er sich von nun an selbst auferlegt, die Menschheit und sich neu zu erschaffen, ist seine Hingabe für die Menschheit und zugleich die Rechtfertigung für sein Verbrechen, das er nach und nach verdrängt und nur noch als “Tat” bezeichnet. Seine Wahrnehmung ist oft unbegreiflich, seine Gedankengänge schwer nachvollziehbar und dennoch dringen sie in ungeahnte Tiefen vor und sprechen die Sinne und Gefühle des Lesers an. Biblische MotiveClarice Lispector verarbeitet biblische Motive wie zum Beispiel die Erschaffung der Welt in sieben Tagen und die Opferung Jesu (Martim) für die Menschheit. Doch bekannte Motive werden plötzlich verändert und somit wird aus dem Vertrauten etwas Seltsames, oft Unergründliches. So entsteht der Mensch im Roman nicht am letzten Tag, sondern ist schon zu Anfang auf der Erde und muß sich nun mit den Pflanzen und den Tieren vertraut machen. Auch besteht nicht zu Anfang das Wort, sondern Martim versucht immer vergeblich, sich richtig auszudrücken und stellt schließlich resigniert fest, daß er nur stammeln kann. Der Druck, die Menschheit neu zu erschaffen, dem sich Martim aussetzt, scheint vermessen und sinnlos, da die Menschheit schon längst existiert und möglicherweise ebenso wirklich lebt wie er am Ende seiner Reise glaubt es zu tun. Verbundenheit und EinsamkeitDer Kampf, sich selbst zu begegnen, ist auch immer ein Kampf um Beziehungen, die eigentlich nicht vorhanden
sind. Martim, Vitória und Ermelinda sind miteinander verbunden, doch leben sie in ständiger Einsamkeit,
bedacht, Distanzen nicht zu überschreiten, sich nicht zu entblößen, um unverletzlich zu bleiben.
Offenbarungen werden als Beleidigungen empfunden und zu einem persönlichen Gespräch besteht keine Bereitschaft.
Ihre tiefgehenden Monologe jedoch sind komplexe Reflexionen über das Leben und das Menschsein. Jutta Wasserrab
Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 05.05.99 |