25 Jahre Modell Chile- Neoliberalismus weltweit -Ein interdisziplinärer Kongreß in MünsterIdeal für uns Studenten eines interdisziplinären Studienganges?Ein vielversprechender Titel und die Auswahl der Themen sahen ganz nach dem für den RWL gemachten Kongreß außerhalb des Studiums aus. Wäre der Ansturm nicht so groß gewesen und bei 250 Anmeldungen schon 2 Wochen vor Beginn niemand mehr als Teilnehmer aufgenommen worden, wären wir wahrscheinlich auch noch mehr als fünf Vertreter unseres Studienganges gewesen. Die Verhaftung Pinochets hatte dem Thema einen von den Veranstaltern völlig unerwarteten Aktualitätsgrad verliehen, was Teilnehmer anlockte, die sich von diesem Treffen die Möglichkeit einer Versammlung von Pinochetgegnern zur Planung von öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf nationaler Ebene erhofften. Diese und andere unterschiedliche Erwartungen an den Kongreß sollten jedoch leider kurzzeitig noch für inhaltliche Konflikte sorgen. Die Erwartungen waren einfach in vieler Hinsicht zu hoch, und sobald man sich mit dieser Erklärung für so manche Enttäuschung abgefunden hatte, konnte man wieder zufrieden mit dem tatsächlich Gebotenen einen der so vielen sehr interessanten Vorträge aufnehmen. Sinn und Ziel des Kongresses, den die sehr kleine Gruppe von Veranstaltern (6 Personen des Instituts für Theologie und Politik in Münster) mit der Unterstützung zahlreicher Gruppen und einflußreicher Personen entworfen und organisiert hatte, sollten vor allen Dingen folgende sein: Anläßlich des 25. Jahres nach dem blutigen Militärputsch in Chile, der die erste demokratisch gewählte sozialistische Regierung Lateinamerikas gewaltsam beendete, sollte sowohl über die Folgen des daraufhin eingeführten radikal neoliberalen Systems in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht für Chile nachgedacht werden, als auch, und vor allem neue Formen der Solidaritäts- und Widerstandsarbeit derjenigen, die sich hier in Deutschland für ein anderes System einsetzen wollen, thematisiert werden. Auch wenn es so manchem Latino oder Latinophilen als ”typisch deutsch” aufgestoßen sein mag, daß die sehr gute Organisation des Programmes nicht mehr viel Raum für Spontanes ließ, muß man sagen, daß es auch kaum anders möglich gewesen wäre, bei einer solchen Vielzahl von interessanten Referenten und Teilnehmern sinnvoll durch die knappe Zeit und das dichte Programm zu gelangen. Von 5 verschiedenen mehr oder weniger theoretischen Ansatzpunkten her sollte in den Foren, die bei der nicht
erwarteten Anzahl der Teilnehmer auf jeweils etwa 50 Personen angewachsen waren, das Thema vertieft werden. Hierzu
standen jedem Forum jeweils ein deutschsprachiger und ein spanischsprachiger Referent zur Verfügung. Die teilweise
etwas lang geratenen Eröffnungsvorträge, die mal wieder auf die Eitelkeit einiger Referenten und Beitraglieferer
aus dem Publikum blicken ließ, raubte Zeit für eine inhaltliche Diskussion und hinterließ nach
dem ersten Arbeitstag ein allgemeines Unzufriedenheitsgefühl, wie es beim Abendessen in vielen Ecken und an
mehreren Tischen zur Sprache kam. Der zweite Arbeitstag bot hingegen naturgemäß eine sehr gute Möglichkeit,
mit den sich inzwischen gesetzten Informationen, Statements, Theorien etc. zu jonglieren, und die Diskussion wurde
nicht mehr nur unter den angereisten Fachmännern, die an anderer Stelle des Programms selbst referiert hatten,
ausgetragen, wie z.B. Urs Müller - Plantenberg (u.a. Begründer der ursprünglichen Chilenachrichten,
heute Lateinamerikanachrichten, Soziologe an der FU in Berlin) oder Lucho Vitale (marxistischer Historiker, der
u.a. eine 6 bändige Geschichte Chiles aus marxistischer Sicht geschrieben hat), etc. Und was war nun das Positive an dem Ganzen? Was hat mich persönlich todmüde aber voller Motivation und Wissensdurst (”morgen geh ich gleich in die Bibliothek...”) nach Köln zurückfahren lassen? Diese Frage hat sehr viele Antworten. Ein solcher Kongreß löst keine Probleme, und gibt nicht einmal Ansätze zur Lösung von Problemen. Der mir fast bleibendste Ausspruch des Kongresses des Ökonomen Franz Hinkelammert war sinngemäß etwa: ”das System selbst läßt keine Alternative zu und das System zu ändern ist unmöglich.”. Trotz dieser niederschlagenden Erkenntnis, der im Grunde nichts entgegenzusetzen ist, bekam der Ausspruch Che Guevaras (ich glaube er ist von ihm), ”seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche” für mich wieder mehr Sinn. Das klingt jetzt sehr romantisch und nostalgisch an alten linken Ideologien klebend. Das soll damit aber überhaupt nicht gemeint sein. Vielmehr hat es mich ermutigt, meine eigenen Gedanken wichtiger zu nehmen, meinen Beitrag für neue Ideen, Modelle und Vorschläge auch für ganz konkrete Dinge (beispielsweise bei einem meiner ”Lieblingsthemen”, der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit) einzusetzen und mich mit den Ideen anderer kritisch auseinanderzusetzen. Diesen positiven Effekt löste im Grunde eine negative Beobachtung bei mir aus: Er ging einher mit der Entmystifizierung der Referenten, von denen man einige schon vorher durch ihr Werke kannte und den einen oder anderen dafür bewunderte: unter anderem Tomás Moulian (Autor des soziologischen Erfolgswerkes über die Entwicklung der chilenischen Gesellschaft in den letzten 25 Jahren ”La anatomía de un mito”), Franz Hinkelammert, Rafael Agacino (einer der wenigen Neoliberalismuskritiker unter den Ökonomen in Chile), Pablo Richard (Befreiungstheologe), José Bengoa (Leiter des bekanntesten Institutes für soziologische Studien SUR in Chile und Universitätsdirektor), Marcel Claude (Autor des unter Ökologen in Chile bekannten Buches ”Es Chile un paìs sustentable“), Andrea Mies (Vertreterin der Subsistenztheorie der Ökologiebewegung), Kuno Füssel (Befreiungstheologe), Isabel Cárcamo (Feministin) und Paco Ignacio Taibo (Autor einer der Che Biographien), der den Einführungsabend in den Augen mancher etwas zu salopp und leicht, aber zumindest mit dem Witz eines guten Schriftstellers gestaltete. Negativ ist mir ab und zu aufgefallen, wie schwer es einigen der großen Denker fiel, sich auf Fragen und die damit verbundenen Gedanken einer anderen Person wirklich einzulassen und nicht automatisch wieder die Erklärung in der eigenen Theorie zu suchen und sie somit auch nie wirklich in Frage zu stellen. Gut, das ist nicht wirklich erstaunlich und liegt vielleicht auch in der Natur der ”eigenen Theorien”, wenn man als ihr Autor wirklich an sie glaubt. Jedoch finde ich es auch bei Professoren immer wieder (obwohl es selten genug geschieht) sehr positiv und angenehm, wenn sich der Gefragte wirklich die Mühe gibt, die Gedanken, die hinter einer Frage stehen, nachzuvollziehen. Positiv erwähnen muß ich hier Tomás Moulian und Rafael Agacino, die ich gerne für so manchen Professor oder Dozenten an unserer Uni eintauschen würde, wenn sie für ihre Studenten auch so viel ”Verständnis” aufbringen, wie sie es an diesen drei Kongresstagen getan haben. Man war sich im übrigen einig, daß es offenbar auch für die Referenten drei interessante und intensive Tage gewesen sind, in denen sie sich alle in den Arbeitspausen unter das normale Teilnehmervolk mischten und es so für beide Seiten interessante Begegnungen auf inhaltlicher und auch menschlicher Ebene gab. Das Gleiche fand natürlich genauso und noch viel mehr unter den Teilnehmern statt, die von der Schweiz bis Berlin aus vielen verschiedenen Richtungen (sowohl geographisch als auch thematisch) kamen. Unter den Teilnehmern ließen sich mit der Zeit grob etwa drei oder vier Gruppen ausmachen. Da gab es die alte Riege der Solidaritätsbewegung, die von den Anfängen in den Siebzigern bis heute aktiv sind und sich politisch vor allen Dingen auch in ihrem Vokabular auffällig von der zweiten großen Gruppe, den sehr viel jüngeren vorwiegend StudentInnen unterschieden, die entweder vom Wort Neoliberalismus angeregt worden waren oder, die, wie wir RWLer, in irgendeinem Zusammenhang mit Chile oder Lateinamerika stehen. Dann gab es da natürlich noch einen ganzen Haufen Chilenen, die alle in irgendeiner Weise politisch engagiert sind oder waren. Als Letztes wären da noch diejenigen, auf die ich schon zu Anfang zu sprechen kam und die gerne mehr das aktuelle Thema der Verhaftung Pinochets untergebracht gesehen hätten. Stelle gerade fest, daß die Beschreibung viel subjektiver und persönlicher ausgefallen ist, als ich das vorhatte. Dann gebe ich jetzt halt auch noch einen letzten persönlichen Kommentar: Leute, es lohnt sich, Veranstaltungen dieser Art zu unserem Thema, unserem Kontinent wahrzunehmen und auf diese Weise über unseren doch sehr beschränkten Kölner uniweiten Horizont hinaus zu blicken und zu schauen, was andere Menschen anderswo so denken und meinen. Es ist vielleicht doch nicht alles nur so, wie es sich in Politik- und VWL-Veranstaltungen unserer Uni oft so verblüffend logisch und nachvollziehbar anhört. Johanna Brandis
Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 05.05.99 |