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- Editorial -

Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
eine Mitarbeiterin des romanischen Seminars gab den Erstsemestern zu Anfang dieses Semesters den guten Rat, „Schein-bewußt“ zu studieren. Ob sie sich bewußt war, daß sie mit diesem Tip so manchen Studenten und Dozenten in eine tiefe Bewußtseinskrise gestürzt haben könnte, bleibt ungeklärt. Sicher ist, daß schon so mancher Studi wegen seines Scheinbewußtseins nach gewissen feucht fröhlichen Parties am nächsten Tag einen Rüffel seines Dozenten bekam. Daß er dabei ganz unbewußt gegen den guten Rat des „Schein-bewußten“-Studierens verstoßen hat, wurde diesem exemplarischen Studenten sicher erst bei der Klausur bewußt, als er seinen Schein möglichst schnell aus dem Bewußtsein streichen wollte, da sein Unterbewußtsein in der bewußten Vorlesungsstunde nicht alle Informationen ins Bewußtsein schleusen konnte.
Eine weitere Frage wirft sich auf: Will dieser gute Rat jetzt den Wissensdurst der Studenten der RWL ganz bewußt auf die vier Disziplinen verteilen, oder sollte, wie so oft, unterbewußt klargestellt werden, daß es diese eine Disziplin ist, auf die der wissensdurstige Student seinen Drang nach Information und Forschung ganz bewußt bündeln sollte.
Eine bewußt faule Deutung des guten Rates bedeutete, daß „Schein-bewußtes“ Studieren auf das Erlangen möglichst vieler Scheine in möglichst kurzer Zeit und zwangsweise möglichst geringem Aufwand ausgerichtet sein sollte. Das impliziert aber ein unbewußtes Bremsen des Wissensdurstes, und es ist wohl jedem bewußt, daß dies kontraproduktive Auswirkungen auf die universitäre Laufbahn haben würde.
Vielleicht war sich die Mitarbeiterin aber auch ganz bewußt, wie umfangreich das Studium ist. Zudem verstehen es Dekanate, Professoren, Dozenten und das Ministerium immer wieder sehr gut, mit den verwirrendsten Übergangsregelungen und neuesten Einfällen zur Diplomstudienordnung das Bewußtsein der Studenten durcheinanderzuwirbeln. Unter diesem Aspekt sollte „Schein-bewußtes“ Studieren als das geschickte Herauspicken der wichtigen Scheine zu sehen sein, wobei man die Phantasie der Maîtres de la DPO abwartet und dabei die innere Unruhe, die das Unterbewußtsein angesichts der fehlenden Klarheit ausströmen läßt, ganz bewußt ignoriert.
Es scheint, als hätten wir keine Wahl. „Schein-bewußt“ oder scheinbewußt - wir müssen sie machen, die kleinen Scheinchen. Die Organisation bleibt ganz bewußt auf unserer Seite, und unterbewußt sind wir auch ganz froh darüber, da wir uns ja ganz bewußt sind daß Organisation und Universität häufig zwei Seiten einer Münze sind.
Die Münzen ändern sich von Zeit zu Zeit . . .

Martin Heiden

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 05.05.99