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Die Frauen des Carandiru-Gefängnis

- Mitgehangen, Mitgefangen -

Nicht zum ersten Mal steht heute Fernanda Nunes da Mata mit zwei Tüten bepackt vor dem Carandiru-Männergefängnis im Norden São Paulos. Seit drei Monaten kommt sie jeden Samstag Morgen um halb sieben hierher und stellt sich in einer Schlange von bis zu hundert Metern Länge an, um ihren inhaftierten Bruder zu besuchen. So wie sie ist die Mehrheit der Besucher mit der U-Bahn oder dem Stadtbus angereist. Elsa de Oliveira Souza mußte jedoch etwa 3.000 Kilometer mit dem Flugzeug zurücklegen, um von ihrer Heimatstadt Natal im Nordosten Brasiliens nach São Paulo zu kommen. Ohne die finanzielle Unterstützung eines Verwandten hätte sie ihren Sohn nicht besuchen können.

Mit ihnen warten hauptsächlich Frauen, um Freunde und Familienangehörige zu besuchen. Viele haben sich auffällig hübsch angezogen, als wären sie auf dem Weg in die Diskothek. In etwa einer halben Stunde werden sich 14 schmale, mit Metallgittern verwehrte Eingänge für die Besucher öffnen. Mit ihren Schildern “Alle Sektoren”, “Reserviert für Personen über 60 Jahre”, “Erwachsene in Begleitung von Kindern bis 3 Jahren” erinnern die rot angestrichenen Türen eher an den Eingang eines Fußballstadions. Hinter den Toren und hohen Mauern verbirgt sich jedoch die Casa de Detenção do Carandiru, mit über 7.200 Häftlingen das größte Gefängnis Brasiliens. Hier schlug die Militärpolizei am 2. Oktober 1992 eine Rebellion von Gefangenen im Sektor 9 nieder und tötete dabei 111 Häftlinge.

Die 20jährige Alícia Ramos, sie besucht hier jede Woche ihren Bruder, huscht durch die Menschenschlangen und begrüßt mit einem Lächeln andere Leidensgenossinnen. Sie erklärt ihre gute Laune: “Heute ist die Schlange ziemlich kurz, da nur die Hälfte aller Häftlinge Besuch empfangen können. Man muß nur vier Stunden warten. Wenn alle Gefangenen Besuch haben, gibt es Leute, die hier vor dem Eingang bis zu zwei Nächte ausharren, um einen guten Platz zu ergattern.”

“Das lange Warten strengt mich sehr an,” beklagt sich dagegen die 22jährige Márcia Jacinta de Oliveira. Seit vier Jahren kommt sie jedes Wochenende hierher, um ihren Mann zu besuchen, der wegen mehrfachen Mordes zu 53 Jahren Haft verurteilt worden ist. Auf dem Arm trägt Jacinta ihre vier Monate alte Tochter Emília, eines der Kinder, die in den Intimzimmern des Gefängnisses gezeugt wurden. Trotz der langen Strafe hat sie noch nie darüber nachgedacht, sich scheiden zu lassen: ”Wir stehen das bis zum Schluß zusammen durch,” sagt sie mit leiser Stimme und unterdrückt ihre Tränen.

Ebensowenig wollen Simone Cristiana Damba und Raquel da Silva, beide 20 Jahre alt, ihre Ehemänner verlassen. Simone meint: “Er ist ein guter Ehemann und jeder macht mal einen Fehler”. Ihre Freundin Raquel wirft dagegen ein: “Ich habe mir schon einmal überlegt, ihn zu verlassen, habe mich dann aber nicht getraut.” Über die Zukunft ihrer Ehe nach der vierjährigen Haft ihres Mannes macht sich Simone keine Illusionen: “Das schlimmste ist, daß die Häftlinge hier nicht resozialisiert werden. Mein Mann wird wieder im Knast landen.”

Cláudio Nor, zehn Jahre lang Häftling im Carandiru-Gefängnis, urteilt über den Kontakt zu seiner Familie: “Wenn ich meine Familienangehörigen nicht gehabt hätte, dann wäre ich wahrscheinlich durchgedreht und hätte im Knast ein weiteres Verbrechen begangen.” Baptistenpastor Wilson de Paula, er arbeitet im Carandiru-Gefängnis als Aufseher, versucht die Familienangehörigen von der Bedeutung ihrer Besuche zu überzeugen: “Nach der Verurteilung neigen viele dazu die Beziehung abzubrechen, was die Resozialisierung sehr erschwert. Leider gibt es aber überhaupt keine staatliche Hilfe für die Familien.” Das bestätigt auch Rosana Nunes de Março, die ihren Bruder in Carandiru besucht: “Staatliche Hilfe? Überhaupt keine,” verneint sie mit einem energischen Kopfschütteln.

Mit 1,80 Meter Körpergröße und ihrem auffällig blonden Haar ragt Fernanda Nunes da Mata aus der Masse der Wartenden heraus. Auch sie erhält keinerlei Hilfe von staatlicher Seite. Neben einer einmaligen Zahlung von 7.000 DM für einen privaten Anwalt, gibt sie wöchentlich 80 bis 90 DM für ihre Besuche aus: “Mich unterstützen meine Geschwister und eine Tante, aber das meiste muß ich selber bezahlen.” Dona Rosa dagegen – sie steht etwas weiter hinten in der Schlange – hat ihr Haus verkaufen müssen, um ihrem Sohn einen Neuanfang nach dem Gefängnis zu ermöglichen.
Meist unterhält sich Fernanda nur eine Stunde lang mit ihrem Bruder: “Danach haben wir uns meist nichts mehr zu sagen und schweigen uns den Rest der Zeit an.” Simone wirft lachend ein: “Ich kann meinem Mann natürlich nicht alles erzählen, was ich unternehme, sonst würde er traurig. Wenn es nach ihm ginge, müßte ich die ganze Zeit weinen.” Auch wenn ihr Ehemann eingesperrt ist, möchte sie die Freude am Leben nicht verlieren.

Immer wieder drängeln sich fliegende Händler durch die Menge und preisen lautstark Kaffee, Getränkedosen, Kekse und Zigarettenstangen an. Fernanda kauft zwei Packungen Kekse und erklärt mit einem verschmitzten Lächeln: “Die Häftlinge können zwar keine Kekse mehr sehen, aber die kommen am einfachsten durch die Kontrollen.”

Dona Rosa erzählt, daß sie ohnmächtig ansehen mußte, wie ihr Sohn in einer Polizeistation in einer Zelle zusammen mit 39 Häftlingen auf dem nackten Boden schlafen mußte und mehrfach brutalst zusammengeschlagen wurde. Verzweifelt kämpfte sie darum, daß er ins Carandiru-Gefängnis verlegt wurde. Seit er hier ist, geht es ihr besser. Dankbar blickt sie auf das nahe Gefängnis: “Hier hat er eine eigene Matratze zum Schlafen, ordentliche Kleider zum Anziehen und genug zu Essen. Carandiru ist der Himmel.”

Johannes Beck

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 05.05.99