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Von Salazar zur Nelkenrevolution:
- Portugiesische Zeitgeschichte -
August
1968: Salazar, seit 36 Jahren portugiesischer Regierungschef will sich in den Liegestuhl setzten, stürzt und
erleidet ein Schädeltrauma. Am 27. September muß er aufgrund seines Gesundheitszustandes in seiner Funktion
als Premierminister durch Präsident Américo Tomás ersetzt werden. Sein Nachfolger, Juraprofessor
Marcello Caetano, hält sich mit halbherzigen liberalen Reformen noch fünf Jahre an der Macht, doch dann
hatte die letzte Stunde der portugiesischen Diktatur geschlagen. Die Nelkenrevolution genannte Erhebung regimekritischer
Militärs am 25. April 1974 läutet den Übergang zur Demokratie ein.
Nachdem sich in den ersten Jahren nach 1974 mehrere deutschsprachige Autoren mit der Zeitgeschichte Portugals beschäftigt
haben, herrschte bis 1997 weitgehend Funkstille. Angeregt durch die Frankfurter Buchmesse erschienen eine Reihe
neue Veröffentlichungen, so Portugal heute (siehe Portuñol Nr. 12) und im Oldenbourg-Verlag der kleine
Band Vom Ständestaat zur Demokratie – Portugal im 20. Jahrhundert, in dem sich namhafte portugiesische Wissenschaftler
mit der Geschichte Portugals der letzten achtzig Jahre beschäftigen. Entstanden ist diese Sammlung von acht
Aufsätzen durch eine Initiative des Lissabonner Goethe-Institutes.
Den Reigen der Aufsätze eröffnet António Costa Pinto, Professor für Zeitgeschichte am ISCTE
(Instituto de Ciências do Trabalho e da Empresa, Lissabon), der sich in einem schlecht gegliederten Text
mit dem Zusammenbruch der port. Demokratie in der Zwischenkriegszeit befaßt. Leider wird kein roten Faden
erkennbar, eine chronologische Aufteilung wäre für die Orientierung der Leser sicher nicht schlecht gewesen.
Deutschen Lesern weniger geläufige Begriffe wie Integralismo Lusitano werden einfach verwendet und erst später
erläutert. Unter dem Titel Salazarismus oder die Kunst des Überdauerns kommt der Herausgeber, er unterrichtet
Zeitgeschichte an der Universidade Nova de Lisboa, als nächster zu Wort. Für ihn ist das lange Überleben
des Salazar-Regimes hauptsächlich auf dessen Kunst des Ausgleiches zurückzuführen. Überzeugend
schildert er die Schwäche der Opposition und erklärt sie aus spezifisch portugiesischen Gegebenheiten
wie der fehlenden wirtschaftlichen Modernisierung, der hohen Analphabetenrate und der günstigen geostrategischen
Lage am Rande Europas.
Detailliert schildert uns im folgenden Aufsatz Manuel Braga Cruz von der Universidade Católica das Verhältnis
zwischen dem Estado Novo Salazars und der katholischen Kirche. Sachkundig beschreibt erläutert er den Wandel
von gegenseitigem Respekt und Anerkennung zum Bruch großer Teile der Katholiken Portugals mit dem faschistischen
Regime. Leider nur mittelprächtig ist dagegen der Text zur wirtschaftlichen Entwicklung des Estado Novo von
José Maria Brandão de Brito vom Instituto Superior de Economia e Gestão (ISEG, Lissabon).
Er übergeht wesentliche Elemente der portugiesischen Wirtschaft unter Salazar, so die Dominanz weniger Familienkonzerne
wie Mello, Espírito Santo oder Champalimaud, und befaßt sich fast nur mit offiziellen Erklärungen
und Dekreten.
Von Valentim Alexandre (Universidade de Lisboa) stammt der beste Artikel des Buches über den Estado Novo und
das Kolonialreich. Er nimmt eine recht schonungslose Abrechnung mit der port. Kolonialpolitik vor und zeigt in
sehr anschaulicher Weise die großen Entwicklungslinien in der port. Afrikapolitik seit der Berliner Konferenz
1885, auf der die endgültigen Grenzen zwischen den Kolonialgebieten der europäischen Mächte festgelegt
wurden. Ein besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die Wirtschaftspolitik Portugals. Mit dem Mythos eines port.
Sonderwegs in der Kolonialpolitik räumt er gründlich auf und kommt zum Schluß: „Zwischen den politischen
und wirtschaftlichen Zielvorstellungen der europäischen Kolonialmächten auf dem afrikanischen Kontinent
bestanden keine prinzipiellen Unterschiede.„
António Reis (Universidade Nova de Lisboa) beschäftigt sich in einem weiteren sehr guten Aufsatz mit
dem Ablauf der Nelkenrevolution und den darauffolgenden Wirren bis zum Übergang zur ersten Regierung unter
Mário Soares 1976. Danach geht es erneut um Afrika, diesmal schreibt José Medeiros Ferreira, ebenfalls
von der Universidade Nova de Lisboa, über das Ende der afrikanischen Frage. Er legt dabei einen Schwerpunkt
auf die Entwicklung in Angola, Moçambique kommt etwas zu kurz weg. Gut zeigt er auf, warum sich die portugiesische
Regierung nach der Nelkenrevolution im angolanischen Bürgerkrieg hauptsächlich auf die Seite der Befreiungsbewegung
MPLA stellte. Neben ideologischen Affinitäten zählt er die kooperative Haltung der MPLA bei der Ausreise
von Portugiesen zu den Hauptgründen.
Von Emanuel Leão erhalten die Leser schließlich einen kurzen Abriß über die wirtschaftliche
Entwicklung nach der Demokratisierung, die in den ersten Jahren von Verstaatlichungen und Kollektivierungen geprägt
war und sich spätestens mit den Vorbereitungen auf den EG-Beitritt 1986 marktwirtschaftlich umorientierte.
Am Ende des Buches stehen hilfreiche Abkürzungs-, Autoren- und Personenverzeichnisse, es fehlt allerdings
eine Bibliographie. Nur anhand der wenigen Fußnoten kann weiterführende Literatur gefunden werden. Ein
weniger schwerwiegendes Manko ist, daß sich durch das Buch immer wieder kleine portugiesische Rechtschreibfehler
wie Covilha statt Covilhã oder Spínola ohne Akzent ziehen.
Insgesamt kann Vom Ständestaat zur Demokratie jedoch allen ans Herz gelegt werden, die sich schnell und auf
Deutsch über die portugiesische Zeitgeschichte informieren wollen. Schön wäre es, wenn zur portugiesischen
Geschichte weitere deutschsprachige Publikationen folgen würden.
Johannes Beck
Fernando Rosas (Hrsg.), Vom Ständestaat zur Demokratie. Portugal im 20. Jahrhundert, Schriftenreihe
der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Band 75, Oldenbourg, München 1997, ISBN 3-486-64575-7, 136
Seiten, 35,– DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 11.11.98
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