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Erotische Tagebücher
- Don Rigobertos Phantasien -
"Jede menschliche Tätigkeit, die nicht, und sei es auch nur in der indirektesten Weise, zum
testikulären oder ovarialen Aufruhr, zur Begegnung von Spermatozoen und Eizellen führt, ist verächtlich."
Dies ist das Credo Don Rigobertos, eines älteren, kauzigen Herren mit abstehenden Ohren, wohnhaft in Lima.
Die Hauptfigur
in Mario Vargas Llosa neuem Roman hat die Angewohnheit erotische Selbstgespräche zu führen, die sie in
geheimen Aufzeichnungen niederschreibt. Von seiner Ehefrau Lukrezia, im Gegensatz zur römischen Namenspatronin
ganz und gar nicht keusch, hat Rigoberto sich getrennt, nachdem sie eine Affäre ihrem Stiefsohn Fonchito hatte.
Fonchito, Rigobertos leibliches Kind, wiederum ist von der Idee besessen, ein Reinkarnation des Wiener Malers Egon
Schiele zu sein. Getreu seinem Vorbild zeichnet er Aktbilder, zu denen er in jugendlicher Unschuld seine Stiefmutter
und deren Hausmädchen Justiniana Modell stehen läßt.
Fonchito kommt seinerseits nicht mit der von ihm mitverschuldeten Trennung seines Vaters und seiner Stiefmutter
zurecht und schreibt beiden anonyme Briefe mit erotischen Inhalten, inspiriert durch Don Rigobertos geheime Aufzeichnungen.
Sowohl Rigoberto als auch Lukrezia lassen sich täuschen und geben sich der Illusion hin, der andere möchte
die Trennung überwinden. Am Ende des Buches ist die Familie wieder glücklich vereint, Fonchito hat sein
Ziel erreicht.
Soweit die Rahmenhandlung des erotischen Romans, in dem sich Realität, Träume und Don Rigobertos Aufzeichnungen
vermischen und nur schwer voneinander trennen lassen. Allen gemein ist jedoch eine ausschweifende sexuelle Phantasie.
Eines der Glanzstücke des Romans ist Don Rigobertos -fiktiver Brief an den Rotarier, der ihn eingeladen, hat
Mitglied zu werden. Rigobertos zynische und amüsante Kritik am Rotarier-Club zählt zu den wenigen nicht-erotischen
Höhepunkten dieses Romans, der sonst eher mit erotischen Höhepunkten aufwartet. Zu den letzteren zählt
auch der zweite Brief des Romans, diesmal an den Playboy-Leser. Im dem bezeichnender Weise auch Minima Aesthetica
genannten Schreiben bezichtigt er alle Leser von Playboy, Penthouse und ähnlichen Magazinen der Phantasielosigkeit.
Sie bedienten sich eines einheitlichen silikonbusigen Frauenbildes und gäben jede individuelle Erotik auf.
Geschmacklos werden Don Rigobertos Aufzeichnungen allerdings, als er eine wegen des sexuellen Mißbrauchs
eines zehnjährigen Jungen verurteilte neuseeländische Lehrerin verteidigt. Während er den Mißbrauch
eines Mädchens durch einen Lehrer verurteilt hätte, bezeichnet er die Tat der Lehrerin als "heldenhaft"
und äußert sein vollstes Verständnis. Sie hätte dem Jungen den Himmel gezeigt und verdiene
vollste Unterstützung. Bleibt nur zu hoffen, daß es sich um das merkwürdige Menschenbild einer
Romanfigur und nicht eines Autors handelt. Neben Rigobertos Plädoyer für erzwungenen Sex mit minderjährigen
Jungen, stoßen seine permanente Sticheleien gegen Tierschützer auf. Auch hier überzieht der verschrobene
Kauz in seinen Aufzeichnungen den Bogen deutlich, wenn er den Handel seines (erfundenen) Bruders mit Potenzmitteln
aus Tigerknochen und ähnlichem verteidigt.
Trotzdem ist Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto ein über weite Strecken sehr gelungener Roman,
erotisch aber nicht pornographisch. Zwar erreicht er nicht ganz die Klasse von Milan Kunderas Unendlicher Leichtigkeit
des Seins, aber lesenswert bleibt er allemal.
Zum Schluß sei den an Lateinamerika interessierten LeserInnen noch gesagt, daß der von Elke Wehr tadellos
übersetzte Roman zwar in Peru spielt, der Ort des Geschehens aber genauso gut Deutschland oder ein beliebiger
anderer Ort der Welt sein könnte. Erotische Phantasien kennen eben keine Grenzen.
Johannes Beck
Mario Vargas Llosa, Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto (Originaltitel: Los cuadernos de don Rigoberto),
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1997, ISBN 3-518-40921-2, 470 Seiten, 49,80 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 11.11.98
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