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- Sargento Getúlio -

Brasilien Anfang der 50er Jahre: Drei Kandidaten kämpfen um die Präsidentschaft der Republik. Die UDN (União Democrática Nacional) bestätigt die Kandidatur des als parteiunabhängig präsentierten Brigadiers Eduardo Gomes, während sich der PSD (Partido Social Democrático) für Cristiano Machado entscheidet, einen Gemäßigten aus Minas Gerais, und schließlich Getúlio Vargas, der für seine Kandidatur die Zustimmung der Parteiversammlung von PTB (Partido Trabalhista Brasileiro) und PSP (Partido Social Progressista) erhält.

Im Sog der großen Politik beschließt der PSD-nahe Lokalmatador von Aracaju seinen politischen Gegner der Undinisten von Ribeirópolis – einer Stadt im Landesinneren – festzunehmen und in die Hauptstadt Sergipes zu verschleppen. Beauftragt wird Sargento Getúlio, ein Berufskiller in Revolverheldenmanier, ein einfacher Mann mit eigener Moral aus dem Landesinneren Sergipes, dem Sertão.
Noch während der strapaziösen Überführung vom Landesinneren in Richtung Küstenhauptstadt Aracaju verstellen sich die politischen Weichen und der Auftrag wird gestoppt. Sargento Getúlio ist jedoch wild entschlossen, seinen einstigen Befehl zu Ende zu führen, koste es, was es wolle.
Sein groteskes Unterfangen beendet er weder als das Auto, indem er zusammen mit seinem Fahrer Amaro den Gefangenen transportierte, auf der Strecke bleibt noch als er von regulären Truppen angegriffen wird. An eine Leine gebunden, verspottet und aufs schlimmste mißhandelt wird der Verschleppte wie ein Tier durch die Hitze und Dürre des Sertão getrieben. In der Hauptstadt angekommen, läuft der Sargento letztendlich ins offene Feuer einer Militäreinheit, die schon auf ihn angesetzt war.
Die deutsche Übersetzung des Romans von João Ubaldo Ribeiro, den der Autor schon 1971 geschrieben hat, wurde in diesem Jahr neu aufgelegt.
Es ist die Geschichte eines Mannes aus dem brasilianischen Hinterland, der in einer gewalttätigen Umgebung aufwuchs, dem Gewalt zur Gewohnheit wurde und der nun als Spielball der Mächtigen seines Landes blind Befehle ausführt. Ihm ist nicht bewußt, daß sein grausames Töten und Metzeln Unrecht sein könnte. Er ist einzig und allein bemüht, seine Aufträge zuverlässig zu erledigen. Die Politik spielt für ihn dabei keine Rolle, auch wenn er diese oft vorschiebt, um seine Opfer einordnen zu können. So ist er nicht in der Lage, die verschiedensten Parteien und Ideologien auseinanderzuhalten. Kommunisten unterscheiden sich bei ihm in keinster Weise von den faschistischen Integralisten, Queremisten entsprechen den Undinisten, die wiederum sind nichts anderes als Kommunisten. Die Machenschaften seiner Auftraggeber sind ihm undurchsichtig, bis zu seinem Tod erfaßt er nicht, daß sein Boß ihn letztendlich aus machtpolitischen Gründen ausgeliefert hat.
Das Ausführen des Auftrages ist für Sargento Getúlio eine Frage von Mannestugend und -ehre. Sie ist ihm um ein Vielfaches wichtiger als sein eigenes Leben. Das Vorhaben zu unterbrechen, sich auszuliefern oder gar zu fliehen bedeutet eine unüberwindbare Schmach, ein Versagen auf der ganzen Linie und somit ein wertloses Leben, ein Mann zweiter Klasse.
In seinen eigentümlichen Ausführungen stilisiert er zuerst Brasilien hoch zu einem Land, welches noch echte Männer vorzeigen kann, und setzt sich dann an deren Spitze, gleich einem Superman oder dem Helden aus dem Wilden Westen. Gerade als seine Situation immer schwieriger und aussichtsloser wird, träumt er wie im Delirium von der absoluten Männlichkeit, von einer reinen Männerherrschaft in Brasilien und auf der ganzen Welt, vom immer potenten Mann.
Sargento Getúlio ist nicht nur ein Mann aus dem Sertão, vielmehr steht er wie kein anderer für das unwirtliche Hinterland Brasiliens. Er ist auf der Höhe einer Zeit stehengeblieben, die nun längst überholt ist. Er versteht das Geschehen seiner Zeit nicht mehr. Offen gesteht er: „Ich mag nicht, daß die Welt sich ändert, das gibt mir eine Agonie, ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Anstatt auf die Veränderungen einzugehen, verbringt er die Zeit, sich in die Welt von Lampião und der Cangaceiros zu denken. Seine fehlende Ausbildung, sein Analphabetentum hindern ihn zusätzlich daran, die Zeichen seiner Zeit zu verstehen.
Trotzdem aber ist er ein sprachgewaltiger, wenn auch nicht redegewandter Mensch, der in einem einzigen Monolog seine eigene Lebensphilosophie, die furchtbaren Morde, Torturen und Gewalttaten, Naturbeobachtungen, Vorlieben und Abneigungen wie selbstverständlich gleichbedeutend nebeneinanderstellt und dabei, völlig unbewußt ausgesprochen plastisch erzählt, so daß der Leser vor den geweckten Bildern erschrecken muß.
Seit 1984 ist dieses außergewöhnliche Buch im deutschen Buchhandel zu finden. Wer allerdings der portugiesischen Sprache mächtig ist, sollte das Original der Übersetzung von Curt Meyer-Clason vorziehen. Der Übersetzer hat zwar versucht, die Sprache, das „Sehen, Fühlen, Denken (und) Reden“ des Sergipaner Sertão möglichst genau einzufangen und teilweise ist ihm das auch gelungen. Ob die Übersetzung der Ortsnamen und Feste allerdings die Vielfältigkeit der Topographie darstellen kann oder gar ablenkt und lächerlich wirkt, bleibt fraglich. Ich jedenfalls stolperte unentwegt über Ortsnamen wie Sandbank-der-Kokospalmen, Hafen-des-Blatts, Fröhlicher-Berg oder Unsere-Liebe-Frau-von-den-Schmerzen.

Jutta Wasserrab

Als Taschenbuch: João Ubaldo Ribeiro, Sargento Getúlio, dt. Übersetzung von Curt Meyer-Clason, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-13336-5, 187 Seiten, 18,80 DM.

Als Hardcover: João Ubaldo Ribeiro, Sargento Getúlio, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-40661-2, 186 Seiten, 32 DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 11.11.98