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- Nationalsozialismus und Lateinamerika -


Nazis in Lateinamerika? Wer denkt da nicht spontan an die vielen Hitleranhänger, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Argentinien oder Chile geflohen sind? Doch es gab bereits wesentlich früher Aktivitäten der NSDAP in Lateinamerika. Hier versuchte die Partei über ihre Auslandsorganisation (AO), Mitglieder unter den dort wohnenden Deutschen mit deutschem Paß, den sogenannten Reichsdeutschen, und Unterstützer unter den Volksdeutschen zu gewinnen.
Darin war sie zumindest in den klassischen Auswanderungszielen wie Chile oder Argentinien sehr erfolgreich. Die größte Landesgruppe der Auslandsorganisation der NSDAP war mit etwa 2.900 Mitgliedern nicht etwa ein europäisches Nachbarland, sondern Brasilien. Insgesamt gehörten der AO ungefähr 29.000 Deutsche an, darunter ca. 7.600 in Lateinamerika.
Besonders hoch war der Organisationsgrad jedoch in Chile, wo sich etwa 10% der Reichsdeutschen über die AO der NSDAP anschlossen. In Brasilien schrieben sich dagegen "nur" 5% der Reichsdeutschen als AO-Mitglieder ein. In allen Ländern stand jedoch die Mehrheit der Volksdeutschen den Aktivitäten der AO ablehnend gegenüber.
Dies sind nur einige der Ergebnisse aus der jüngst veröffentlichten Dissertation Jürgen Müllers mit dem Titel Nationalsozialismus in Lateinamerika: Die Auslandsorganisation der NSDAP in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko, 1931-1945. Betreut wurde die umfangreiche Arbeit von den Heidelberger Professoren Detlef Junker und Dieter Nohlen.
Nach einer Einführung in den Aufbau der AO in Deutschland, schildert Jürgen Müller ihre Gründung und Entwicklung in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko. Dabei erstellt der Autor anhand von Archivmaterialien zu 1.000 Parteiangehörigen eine „kollektive Biographie„ des typischen AO-Mitgliedes. Im Kapitel über die Beziehungen zu lokalen faschistischen Parteien revidiert er dabei die bisherige Geschichtsschreibung. Er kam bei seinen Studien zum Ergebnis, daß es zumindest vorübergehend in allen untersuchten Länder zu einem Kontakt zwischen den jeweiligen nationalen Parteien und der AO gekommen ist.
Der dritte und vierte Teil des Buches geht auf die AO in der Zeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und während des Zweiten Weltkrieges ein. Anschließend fällt Jürgen Müller im Fazit ein vernichtendes Urteil über die AO. Sie habe keines ihrer Ziele erreicht. Weder sei es ihr gelungen, Werbung für die NSDAP zu betreiben, noch habe sie die Eintracht unter den Auslandsdeutschen gefördert. Vielmehr sei es zu diplomatischen Verwicklungen und zu Zwietracht unter den Deutschen im Ausland gekommen. Auf die Außenpolitik Argentinien, Brasilien, Chiles und Mexikos habe die AO ebenfalls keinen Einfluß nehmen können.
Nach dem Fazit folgt, leider etwas losgelöst vom Rest des Buches, ein Appendix zum Thema Hitler, Lateinamerika und die Weltherrschaft. Das Kapitel ist eine überarbeitete Fassung eines 1992 im Ibero-Amerikanischen Archiv erschienen Aufsatzes. Hier kommt Jürgen Müller zum Ergebnis, daß Lateinamerika von Hitler bis 1941 weitgehend ignoriert wurde und danach lediglich geplant war, die Handelsbeziehungen zu verbessern.
Den Abschluß des Buches bildet das Quellen- und Literaturverzeichnis. Alleine 25 Seiten sind den verwendeten Archivmaterialien gewidmet, aus mehreren Archiven in Deutschland, Argentinien, Brasilien, Chile sowie Mexiko. Diese wirklich sehr beeindruckende Quellensammlung ist die Stärke des Buches, aber zugleich auch seine größte Schwäche. In der Masse an Details geht oft der Überblick verloren und manchmal bleibt der Eindruck zurück, daß biographische Einzelheiten etwas willkürlich aufgezählt werden. Die Trennung von allgemeiner, chronologischer Schilderung und individuellen Schicksalen ist nicht immer klar vollzogen. Dies wird noch durch die streckenweise sehr grob gehaltene Gliederung verstärkt. So schildert der Autor auf 60 Seiten die Gleichschaltung von deutschen Organisationen und Gemeinschaften in den vier untersuchten Staaten durch die NSDAP, macht aber keine einzige Zwischenüberschrift. Schade, denn so hätte auch die Benutzbarkeit des Buches deutlich verbessert werden können. Dies um so mehr, da ein Index fehlt.
Das häufig verwendete Zitieren in Halbsätzen wirkt beim Lesen recht ermüdend. Oft hätte man sich gewünscht, daß der Autor auf wörtliche Zitate verzichtet und eigene Worte findet. Zudem vermerkt Jürgen Müller beim Zitieren akribisch genau jeden noch so kleinen Fehler in der deutschen Rechtschreibung, läßt grobe portugiesische Inkorrektheiten aber durchgehen. So präsentiert er uns gleich drei Varianten für Deutsch(e) auf Portugiesisch: alemãos (S. 197, statt alemães), allemã (S. 311, statt alemã) und alemas (S. 314 in Fußnote, statt alemãs).
Zwangsläufig stellt sich der Leser die Frage, warum gerade Mexiko mit Argentinien, Brasilien und Chile kombiniert wurde. Zwar stellt die Entwicklung in diesem anderen großen lateinamerikanischen Land einen Kontrast zum Geschehen in den Cono Sur-Staaten her, dennoch steht Mexiko etwas abgekoppelt da. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, den geographischen Untersuchungsraum Cono Sur mit Uruguay zu vervollständigen.
Trotzdem bleibt die Studie eine beeindruckende Darstellung der NSDAP-Auslandsorganisation in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko und kann allen am Thema Nationalsozialismus und Lateinamerika Interessierten sehr empfohlen werden.

Johannes Beck

Jürgen Müller, Nationalsozialismus in Lateinamerika: Die Auslandsorganisation der NSDAP in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko, 1931-1945, Verlag Hans-Dieter Heinz, Stuttgart 1997, ISBN 3-88099-672-5, 566 Seiten, 69,– DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 11.11.98