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Kolumbien heute

- Terror, Drogen und vieles mehr -

Wer heute Kolumbien hört, denkt fast unweigerlich an Drogen und Terrorismus. Doch, woher kommt die Gewalt und wer kennt dieses Land, mit der zweitgrößten Bevölkerung Südamerikas, wirklich?
Mit Kolumbien heute legt der Vervuert-Verlag in seiner bewährten heute-Reihe (vgl. Portuñol 10 und 12) die erste umfassende Gesamtdarstellung Kolumbiens in deutscher Sprache vor. Herausgeber des Buches sind Werner Altmann, auch Autor eines Reise Know-How Reiseführers zu Kolumbien, Thomas Fischer vom Lehrstuhl für Auslandswissenschaften der Uni Erlangen-Nürnberg und Klaus Zimmermann, Professor am Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Uni Bremen. Auffällig viele unpromovierte Autoren waren an diesem Band beteiligt, was der Qualität der Artikel aber keinesfalls geschadet hat.
Mit 650 Seiten präsentiert sich das Buch etwas "dünner" und auch billiger als Portugal heute. Dennoch werden alle wichtigen Themen von Indianervölkern über Architektur bis hin zum Medienwesen Kolumbiens ausführlich behandelt, lediglich ein eigener Beitrag zur kolumbianischen Musik fehlt.
Die Artikel von Kolumbien heute sind in vier verschiedene Teile aufgeteilt: Raum und Bevölkerung, Staat und Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Sprache und Kultur. Der letzte Teil ist mit über 220 Seiten auch der umfangreichste.
Grundsätzliche Kritik verdient eigentlich nur das Layout. Die Tabellen sind extrem schlecht gestaltet, so kann man Zwischensummen graphisch nicht als solche erkennen und teilweise ziehen sich Tabellen über zwei Seiten hin, auch wenn sie gut auf eine gepaßt hätten. Auch die Überschriften ohne Punkte nach der Nummerierung (z.B. 15 Literaturverzeichnis) sind durchaus noch verbesserungsfähig. Dafür sind die Artikel mit Karten und sogar Farbbildern sehr gut illustriert.
Im ersten Teil des Buches zu Raum und Bevölkerung überzeugen besonders die Artikel Die Entwicklung der kolumbianischen Städte vom französischen Geographen Vincent Gouëset und Indianervölker in Kolumbien von Mitherausgeber Thomas Fischer. Zur Indianerproblematik erfahren wir nicht nur allgemeine Zahlen, sondern auch konkrete Beispiele, wie das gewaltsame Zurückdrängen von Indianerstämmen im Caquetá-Putumayo-Gebiet durch Kautschuksammler aus Peru ab 1875 oder durch den Steinkohleabbau auf dem Gebiet der Wayúu in der heutigen Zeit.
Der Abschnitt Staat und Politik kann ebenfalls mit mehreren guten Beiträgen aufwarten. So z.B. der Aufsatz Staat und staatliche Entwicklung in Kolumbien des Eichstätter Historikers Hans-Joachim König, der nicht nur durch seine sehr umfangreiche Bibliographie überzeugt, oder der Beitrag von Sabine Kurtenbach zu den Guerrillabewegungen in Kolumbien. Auch die Aufsätze von Wolfgang S. Heinz zur kolumbianische Verfassung von 1991 und zur Menschenrechtssituation sind hervorzuheben. Exzellent und sehr gut geschrieben ist der Artikel zu den Außenbeziehungen Kolumbiens von Thomas Fischer. Er sieht die Außenpolitik des Landes weitgehend durch die Hegemonialmacht USA bestimmt und nennt als deutlichste Beispiele die erzwungene Abtrennung von Panamá und die US-Drogenbekämpfung in Kolumbien.
Von Roland Ziss erfahren wir in einem mit sehr anschaulichen Statistiken untermauerten Beitrag zur Gewalt in Kolumbien, daß die Mordrate Kolumbiens diejenige Brasiliens um das dreifache und diejenige der USA um das zehnfache übersteigt. Er beläßt den Gewaltbegriff jedoch nicht nur bei Morden, sondern betrachtet auch Gewalt in der Familie oder in der Schule. Neben landesweiten Zahlen analysiert er die regionale Verteilung der Gewalt und untersucht beispielhaft drei Gemeinden mit hohen Gewaltraten.
Im Teil Wirtschaft und Gesellschaft finden wir mit Die neoliberale Wende in Kolumbien von Álvaro Zerda Sarmiento (Universidad Nacional de Colombia) den einzigen wirklichen Ausfall des Buches. Ein fahriger Stil und unklare Formulierungen können nicht überzeugen. Vieles mag vielleicht auch an der Übersetzung liegen. So z.B. Sätze wie "Die Landarbeiter scheinen nicht in der Kategorie ‚arbeitslos‘ auf, da sie auf ihrem eigenen Land arbeiten…" oder "Die unzureichende Schaffung von neuen Arbeitsplätze in der Wirtschaft hatte zur Folge, daß jene, die am Arbeitsmarkt nicht unterkamen oder entlassen wurden, Tätigkeiten ausübten und geringes soziales Ansehen genießen, die wenig qualifiziert sind und schlecht entlohnt werden." (beide S. 294).
Sehr gut dagegen sind die Aufsätze zum Drogenhandel sowie zur Ökonomischen Illegalität von Kai Ambos bzw. von Ciro Krauthausen. Letzterer erklärt den Aufstieg des kolumbianischen Drogenmafia vor allem durch das fehlende staatliche Gewaltmonopol und klientelistische Strukturen. Eher schwach präsentiert sich Religion und Kirche in Kolumbien von Christoph Lienkamp der zu allgemein bleibt, dagegen ist der Beitrag zu den kolumbianischen Frauen von Friederike Harter zu loben. Sie zeichnet ein Bild einer engagierten, sich für ihre Rechte einsetzenden kolumbianischen Frau.
Der erste Aufsatz zu Sprache und Kultur kommt von Mitherausgeber Klaus Zimmermann und beschäftigt sich mit der Situation des Spanischen in Kolumbien und mit der spanisch-basierten Kreolsprache Palenquero. Schade, daß die dem Spanischen nicht mächtigen LeserInnen nur wenig davon haben, da Zitate nicht übersetzt werden. Werner Altmann beklagt in seinem Beitrag zum kolumbianischen Roman die geringe Aufmerksamkeit, die dieser abgesehen von Gabriel García Márquez, der aber eher als Vertreter der hispanoamerikanischen Literatur gesehen wird, bisher in Deutschland genossen hat. Patricia Baquero und Joachim Schroeder analysieren auf gute Weise die kolumbianische Bildungspolitik, der sie vor allem die Benachteiligung der ländlichen Bevölkerung vorwerfen.
Einen würdigen Abschluß des sehr gelungenen Buches bildet der Aufsatz zu den Massenmedien: Hier zeigt Dagmar Kusche anhand sehr gut ausgewähltem Zahlenmaterial deutlich die politischen und ökonomischen Verflechtungen in der kolumbianischen Medienwelt.
Schließlich helfen ein Personen- und ein Sachregister bei der Suche nach Informationen und machen den Band noch praxisgerechter.
Fazit: Wer sich ernsthaft mit Kolumbien beschäftigen will, der kommt an Kolumbien heute nicht vorbei. Weitere Ausgaben der heute--Reihe wären sehr zu begrüßen. Vor allem Bände zu Argentinien und Chile würde gut ins Programm passen.

Johannes Beck

Werner Altmann/Thomas Fischer/Klaus Zimmermann (Hrsg.), Kolumbien heute. Politik, Wirtschaft, Kultur, Vervuert, Frankfurt/Main 1997, ISBN 3-89354-562-X, 625 Seiten, 68,– DM.

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 11.11.98