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- Kleinkredite: Eine neue Entwicklungsstrategie? -


Ein neues Konzept der Armutsbekämpfung scheint innerhalb der Entwicklungshilfe immer populärer zu werden: die Kleinkreditvergabe. Abseits der "normalen" sozialen Projekte sowie der wirtschaftlichen Zusammenarbeit von offizieller Seite appellieren diese alternativen Banken und Fonds nicht an die Spendermentalität der Industrieländer, sondern wollen die wirtschaftliche Kraft der Armen fördern. Grundgedanke der Kleinkredite ist es, Menschen, die nach konventionellen Kriterien keinerlei Chancen für den Erhalt eines Kredites hätten, Zugang zu finanziellen Mitteln zu verschaffen. Das bedeutet, ein Kreditsystem ohne Garantien wie Grundbesitz oder berufliche Bildung zu schaffen und stattdessen die Eigeninitiative dieser Menschen zu fördern. Begründet wurde dieses Konzept 1976 von Muhammed Yunus, damals Ökonomieprofessor an der Universität Chittagong in Bangladesh. Konfrontiert mit den schrecklichen Hungersnöten im eigenen Land und dem Teufelskreis der Menschen gerade im ländlichen Bereich, die, um überhaupt anpflanzen zu können, ihre Ernte im Voraus zu niedrigsten Preisen verpfänden müssen, fing er an, die geringfügigen Summen zum Kauf des saatguts aus eigener Tasche vorzustrecken.

Die Grameen-Bank

Die Idee einer neuen Art der Armutsbekämpfung war geboren. Aufgrund des Erfolgs dieses Experiments (die Rückzahlungsquote dieser ersten Versuche lag bei 100%) wurde sein Konzept ausgeweitet. 1983 schließlich wurde die Grameen-Bank, die erste dieser alternativen Banken, gegründet. Heute hat die Grameen-Bank 2,1 Millionen Mitglieder und ein Kreditvolumen von 2 Milliarden US$, zahlreiche Nachahmerorganisationen, auch in Lateinamerika, wurden gegründet.
Die Errichtung solcher Kleinkreditbanken erfolgt meist mit einer finanziellen Starthilfe von Geberländern oder Nichtregierungsorganisationen zur Fondsbildung; Ziel ist allerdings, eine Selbsttragfähigkeit der Banken zu erreichen. Bei der Kreditvergabe selbst gibt es gewisse Grundkriterien, die durch die Grameen-Bank eingeführt wurden und sich allgemein durchgesetzt haben.

Kredite nur als Gruppe

Wichtigste Voraussetzung ist oft die Organisation der Kreditnehmer in Gruppen von 5-7 Personen. Einerseits sorgt so der soziale Druck der Gruppe für Sicherheit der Rückzahlung, da die Gruppe als solche bürgt. Wenn also ein Mitglied der Gruppe seinen Anteil des Kreditbetrags nicht zurückzahlen kann, müssen die übrigen Personen für den Betrag mitaufkommen. Auf der anderen Seite wird die Gruppenbildung als erster Schritt eines Organisations- und Vernetzungsgrades von benachteiligten Bevölkerungsschichten geschätzt.
Das Konzept der Kleinkredite hat eine unmittelbare Verbesserung der Lebensumstände der Armen zum Ziel. Folglich ist eine weitere Voraussetzung zur Kreditvergabe eine relative Mittellosigkeit. Diese variiert allerdings in den verschiedenen Modellen. Während die Grameen-Bank Erstkredite ausschließlich an Landlose vergibt, ist bei anderen Organisationen ein minimaler Standard gefordert.
Besonders als Mittel zur Förderung von Frauen haben die Kleinkredite eine breite Zustimmung gefunden. Viele Banken vergeben ihre Kleinkredite ausschließlich an Frauen, auch innerhalb der Grameen-Bank, die männliche Mitglieder nicht von vornerein von den Krediten ausnimmt, liegt der Frauenanteil bei 95%.

Frauen sind zuverlässiger

Gründe für diese Entwicklung gibt es mehrere. Empirisch bestätigt hat sich auf jeden Fall die größere Zuverlässigkeit von Frauen: deren Rückzahlungsquote liegt höher als bei männlichen Kreditnehmern. Primär werden die Kredite aber als Mittel zum Abbau der benachteiligten Stellung der Frau vor allem auf dem Land begrüßt. Indem Frauen die Kreditempfängerinnen sind, wird nicht nur ihre wirtschaftliche Situation verbessert, sondern auch ihr Selbstvertauen und ihre Stellung in der Gesellschaft gestärkt. Gleichermaßen wird so einer realen Situation Rechnung getragen, die z.B. in Lateinamerika einen immer größer werdenden Anteil von alleinerziehenden Frauen verzeichnet.
Die besondere Benachteiligung der Frauen wird deutlich, wenn man Faktoren wie den Bildungsstand und die Tatsache, daß Landtitel fast ausschließlich auf den Namen des Mannes verzeichnet sind, betrachtet. Die Erfahrung hat gezeigt, daß Frauen vorausblickend mit den Krediten umgehen, in die Erziehung ihrer Kinder investieren und das allgemeine Lebensniveau der ganzen Familie bedeutend anheben können. Durch ihre besondere Stellung innerhalb der Familie wird nicht nur eine Person, sondern gleich eine ganze Gruppe gefördert.
Viele Organisationen beginnen ihre Arbeit zunächst mit der Finanzierung von eher typisch weiblichen Betätigungen wie der Kleintierzucht (oft ist die Frau z.B. für die Haltung von Hühnern nahe des Hauses zuständig, während der Mann auf dem Acker arbeitet) oder Handel (Verkauf im Rahmen des informellen Sektors) und kleinere Dienstleistungen an. Doch besonders sollen Frauen in der Ausübung von nichtkonventionellen Tätigkeiten wie Schreinerei oder Ackerbau motiviert werden.

Zusatzprogramme

Ein zentrales Element der Kleinkreditvergabe an Frauen sind oft zusätzliche Programme. Im Fall der Grameen-Bank werden die Frauen vor ihrer Aufnahme gezielt vorbereitet und müssen eine Liste von 16 grundsätzen unterzeichnen. Diese schließt Selbstverplichtungen wie Familienplanung, Ausbildung auch der Töchter, Ablehnung von Kinderheirat und Mitgift und ähnliches ein. Andere Organisationen veranstalten begleitend regelmäßige Workshops für Kreditnehmerinnen, in denen die Rolle der Frau unter verschiedenen Aspekten und in unterschiedlichen Bereichen thematisiert wird.

Wahlbeteiligung

Sichtbarer Erfolg dieser Maßnahmen ist beispielsweise die Beteiligung von Kreditnehmerinnen der Grameen-Bank an den Wahlen, einer für Frauen in Bangladesh sensationellen Handlung.
Ob die Kleinkreditvergabe ein langfristiges Mittel der Armutsbekämpfung sein kann, wird mancherorts bezweifelt. Kritiker merken an, die Ärmsten der Armen mit den Krediten nicht zu erreichen, da gerade diese Gruppe oft Schwierigkeiten der Selbstorganisation hat. Andere Stimmen bezweifeln, daß die alternativen Banken selbsttragend sein können, da in der Regel subventionierte Kredite unter Realniveau vergeben werden. Wichtig ist sicherlich, Aufbau und Arbeitsweise der jeweiligen Organisation den Gegebenheiten des konkreten Landes anzupassen und auch, je nach Zielsetzung, die Grenzen dieses Mittels im Blick zu haben.


Ulrike Bock

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 11.11.98