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- Das westliche Hochland Guatemalas -

nach eineinhalb Jahren Friedensabkommen

»Guatemalas Wächter über die Wahrheit ist tot - Nach dem brutalen Mord an Weihbischof Juan Gerardi zittert das lateinamerikanische Land um seinen Frieden«, eine Meldung der Süddeutschen Zeitung, die mir den Anstoß gab, meinen Artikel über Guatemala zu schreiben.
Juan Gerardi war Weihbischof im Menschenrechtsbüro des Erzbistums von Guatemala und wurde am 26. April 1998, zwei Tage nach Veröffentlichung seines Berichts „Guatemala: Nie wieder„ mit Zeugenaussagen auf 1400 Seiten über die Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs, brutal ermordet. Ein Rückschlag für das vor knapp eineinhalb Jahren am 29. Dezember 1996 geschlossene Friedensabkommen, für die Bemühungen, dieses in die Praxis umzusetzen und für all diejenigen, die auf das Ende der Gewalt des Bürgerkrieges vertraut hatten.
Guatemala blickt auf einen 36 Jahre währenden Bürgerkrieg zwischen der Guerillaorganisation URNG und den militärischen Streitkräften zurück. Der Konflikt hatte sich an der äußerst ungerechten Landverteilung entzündet, Hauptopfer war die Zivilbevölkerung, besonders die ländliche Mayabe-völkerung. Die repressive Politik des Staates, die „Politik der verbrannten Erde„, machte in den 80er Jahren unter den Generälen Lucas García und Ríos Montt ganze Dörfer dem Erdboden gleich, entwurzelte zahllose Familien und trieb sie in die Flucht nach Mexiko, in die Berge oder die Hauptstadt. Da kann das Friedensabkommen zwischen der URNG und der Regierung schon als Erfolg gerechnet werden, zumal es nicht nur ein Waffenstillstandsabkommen, sondern vielmehr eine Willenserklärung beider Seiten ist, ein neues friedliches Guatemala zu errichten.

Mit den Abkommen über die Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte, die Wiederansiedlung der entwurzelten Bevölkerung, die Einrichtung einer Wahrheitskommission, die Identität und Rechte der indigenen Völker, die sozio-ökonomischen Aspekte und die Agrarsituation, mit den Abkommen über die Stärkung der staatlichen Verwaltung und die Aufgaben der Streitkräfte, den endgültigen Waffenstillstand, die Reformen der Verfassung und des Wahlrechts und die legale Eingliederung der URNG wurden zumindest auf dem Papier weitreichende Veränderungen für einen neuen guate-mal-te-kischen Staat bekundet. Das Friedensabkommen könnte so die Grundlage für eine der fortschrittlichsten Verfassungen Lateinamerikas bilden.
In dem Abkommen über die Identität und Rechte der indigenen Völker heißt es unter anderem:
»„...die guatemalte-kische Nation ist multiethnisch, pluri-kulturell und vielsprachig,...[die Regierung] wird den Gebrauch aller Indí-genasprachen im Erziehungssystem fördern,.....[und] sie wird die offizielle Gleichstellung der Indígenasprachen vorantreiben...«
Im Abkommen über sozio-ökonomische Aspekte ist zu lesen:
»Der Staat verpflichtet sich, den Zugang der Campesinos zu eigenem Land voranzutreiben...«
Daß dies wirkliche Anliegen des Staates sind, darüber scheint man sich auch im Ausland einig zu sein: »Wichtig ist jetzt, der Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, daß die Lösung der kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme energisch in Angriff genommen wird.« (1)

Doch wie sieht dies die Bevölkerung selbst, was gibt es nach einem Jahr zu feiern?

Zu den Unterzeichnern der Friedensverträge sind neue Gruppen zu deren Umsetzung hinzugekommen. Die Regierung ist ausführende Kraft, die URNG, gerade im Begriff der Umstrukturierung ihrer Organisation zu einer politischen Partei, ist über die Stiftung Toriello für die Wiedereingliederung ihrer Mitglieder verantwortlich.
MINUGUA, die Mission der Vereinten Nationen, ist mit ihrer Wahrheitskommission für die Aufarbeitung der Vergangenheit zuständig, und dann wäre da noch die Versammlung der Zivilgesellschaft ASC. Ihre Funktion ist nicht genau definiert. Sie soll gemeinsam mit Regierungsvertretern in gemischten Kommissionen konkrete Vorschläge für die Entwicklung des Landes ausarbeiten.

Die Wiedereingliederung der ehemaligen Guerillakämpfer und -kämpferinnen: wie und in welche Gesellschaft?

Die Maßnahmen, die im Abkommen festgeschrieben sind, werden von EU-Geldern finanziell unterstützt und durch die Stiftung Toriello von URNG-Seite und das spanische Rote Kreuz in die Praxis umgesetzt. Es gibt verschiedene Schulungen in technischen, die Verwaltung betreffenden und erzieherischen Bereichen.
Jeder und jede ehemalige Guerillakämpfer(in) soll ein Kleinunternehmenspaket wie Bäckerei, Tischlerei, Schneiderei, Kiosk, Landwirtschaft o.ä. als Starthilfe erhalten. Natürlich müssen auch Schulungen in Verwaltung und Führung eines Kleinbetriebes vorgenommen werden.
Dazu greift das Rote Kreuz auf guatemal-tekische Nichtregierungsorganisationen wie das Movimiento Tzuk Kim Pop zurück, die nun vor der fast unlösbaren Aufgabe stehen, den compañer@s an einem Wochenende Planung, Verwaltung und Buchführung beizubringen. Die meisten können weder lesen noch schreiben und sind es auch ganz sicher nicht gewohnt, den ganzen Tag auf einem Stuhl zu sitzen. Als sie dann schließlich ihre Schulung abgesessen haben, fragt eine Frau am Schluß: »Und was mache ich, wenn ich morgen die Nähmaschine bekomme, aber nicht weiß, wie ich sie bedienen soll?«
Besonders schwer ist es für diejenigen, die über 10 Jahre in den Bergen waren und nun weder Familie noch sonstige Bleibe haben. Für sie wurden für die Übergangszeit sog. Albergues eingerichtet, eine davon befand sich bis Ende Januar in Quetzaltenango, mit 300.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Guatemalas. Hier gab es wenigstens noch ein Stück der alten gemeinschaftlichen Lebensformen, aber die Stimmung war eher bedrückt, als jeder und jede mit Hilfe des Starthilfeprojektes im Februar seinen Weg suchen mußte. Und es bleibt die Frage: Können sich Menschen, die unter extremen Bedingungen, körperlichen und psychischen Belastungen gelebt haben und dies immer am Rande von Legalität und Illegalität, in die zivile Gesellschaft wiedereingliedern und ein normales Leben führen? Dies gilt nicht nur für die, die aktiv an der Front mit Waffen gekämpft haben, sondern auch für die vielen, die logistische Aufgaben in den Städten wahrgenommen haben.

Und wie sehen die Beteiligungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft an der Umsetzung der Abkommen aus, wie sehen dies die Vertreter und Vertreterinnen der Bevölkerung der benachteiligten Regionen des Landes?

Carlos von COPMAGUA, der Koordinationsstelle der Mayaorga-ni-sationen, meint dazu:
»In der Kommission über das Recht auf Land beispielsweise ist das Verhältnis zwischen Regierung und Vertretern der Bevölkerung unausgeglichen. Die Regierung hat technische Berater aus Chile, den Vereinigten Staaten und Mexiko und woher sollten die Indí-genas, die für ihr Recht auf Land kämpfen, Gelder für gleichwertige Berater auftreiben?
In der Kommission für die Gleichstellung der Indígenasprachen sieht es ähnlich aus. Im Grunde ist die Regierung überhaupt nicht daran interessiert. Die Regierung erließ im Mai letzten Jahres einfach ein Gesetz über das Kulturerbe und griff so in den Kompetenzbereich der Kommission über die Spiritualität und die heiligen Orte der Mayas ein. Die Regierung ist den Vertretern der Zivilbevölkerung also immer einen Schritt voraus.«

Und wie sieht dies die Mayabevölkerung der Dorfgemeinschaften im westlichen Hochland von Guatemala?

In einer von der Nichtregierungsorganisation CEPROIM organisierten Veranstaltung zur Verbreitung der Friedensverträge in San Juan Ostuncalco im von der Mayaethnie Mam besiedelten Gebiet des Departamentos von Quetzal-tenango meint ein älterer Mann: »Gut, es gibt die Acuerdos de Paz, aber für uns Campesinos gibt es kein Stück Land mehr. Es heißt Entwicklung, aber jeden Tag gibt es ein Stück Armut mehr und das kommt von der Privatisierung, auch der Privatisierung der Erziehung.«
Ein anderer meint: »Nichts ist besser geworden, es ist schlimmer, weil es mehr Überfälle gibt, mehr Morde und jetzt gibt es kein Gesetz mehr. Für die URNG und das Militär, ja, für die ist jetzt Frieden. Und die, die verlieren, sind wir campesinos, die, die Kartoffeln verkaufen, und die Reichen, die sie kaufen, sie haben gewonnen, für sie ist die Kartoffel billiger geworden. Deshalb müssen wir uns in den ländlichen Gebieten versammeln und organisieren, damit die Regierung sieht, daß wir kämpfen. Denn uns in den Gemeinden wird nicht geholfen.«
Olga vertritt eine ähnliche Meinung: »In den Gemeinden hat man bis jetzt keine Verbesserungen durch die Abkommen erkennen können, die maras(2) zerstören die Dorfgemeinschaften, die Leute üben Selbstjustiz, es bleibt dieselbe Angst, sich zu organisieren.... Manchmal scheint es, als sei das Friedensabkommen nur eine Gefahr mehr.«
Eine Antwort auf die neuen Beteiligungsmöglichkeiten der Zivilbevölkerung durch das Friedensabkommen will das Movimiento Tzuk Kim Pop geben, eine Bewegung für den Kampf gegen die Armut und für einen dauerhaften Frieden, für eine menschenwürdige, ökologisch und kulturell verträgliche Entwicklung des westlichen Hochlandes von Guatemala.
Das Movimiento Tzuk Kim Pop ist eine interkulturelle Koordinationsstelle von 15 Nichtregierungsorgani-sationen mit verschiedenen Arbeitsschwerpunkten, die sich gegenseitig ergänzen sollen. Ihre Zuständigkeitsbereiche reichen von Gesundheit, Mayakultur, Erziehung, Landwirtschaft, Frauen, Weberei und Kunsthandwerk, Kleinbetriebe, Erziehung zu Friedenskultur bis hin zu Verteidigung der Menschenrechte und der Rechte der Mayavölker. Die Organisationen sind alle in verschiedenen Departamentos der Region tätig und ihre Träger sind meist EinwohnerInnen aus den betreffenden Gebieten. Das Movimiento Tzuk Kim Pop selbst wurde im August 1995 gegründet. Movimiento (=Bewegung) hat in der Philosophie der Mayas eine besondere Bedeutung, für sie ist Tzuk Kim Pop wie das Leben eine Bewegung. Tzu steht für das Mayavolk Tzutujil, k für die Kakchikeles, ki für die K’iches und m für die Mam. Pop bedeutet in der Sprache der K’iché "weben", "erschaffen". Ziel ist also die gemeinsame interkulturelle Erschaffung einer lebenswerten Region, bildlich eines Tuches, das, aus vielen Einzelstücken gewebt, ein ganzes ergibt.

Methodisch setzt das Movimiento auf die Unterteilung der Region in Mikroregionen, in die Regionen der einzelnen Mayavölker und will damit eine echte Dezentralisierung und eine größere Beteiligung der Bevölkerung erzielen. Ganz groß geschrieben werden Schlagworte wie aktive Partizipation, Stärkung der Lokalgewalt, Gleichstellung von Mann und Frau, Demokratisierung, Interkulturalität, Stärkung der ländlichen Zivilgesellschaft durch Organisation und Förderung eines Mei-nungs-bildungsprozesses.
Dies hört sich auf dem Papier und in der Theorie alles sehr gut an, aber wie erreicht man wirklich ein gemeinsames gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen Mayas und Nichtmayas, Frauen und Männern, Kindern, Campe-sinos und Nichtcampesinos, Leuten mit politischer Vergangenheit und anderen ohne diese? Wie kann man eine Bevölkerung motivieren, teilzunehmen, Entscheidungsprozesse voranzutreiben, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen? Eine Bevölkerung, die nichts anderes als Unterdrückung gekannt hat, die in ständigem Widerstand und Angst lebte, in der Gewalt tief verankert ist und Demokratie den negativen Beigeschmack der neoliberalen Regierung hat.
Einen ersten Erfolg konnte das Movimiento Tzuk Kim Pop im Oktober 1997 zum internationalen Tag der Beseitigung der Armut feiern, als es offiziell seine "Agenda der sozialen Entwicklung des westlichen Hochlandes von Guatemala" vorstellte. Die Agenda soll ein Forum bieten für Diskussionen in der Region, mit dem Staat und mit der internationalen Kooperation, seine Rechtfertigung sieht das Movi-miento in dem Abkommen über sozio-ökonomische und landwirtschaftliche Aspekte. Konkrete Vorschläge bieten, was die einzelnen Bevölkerungsgruppen für ihre Entwicklung verlangen. Gerade in der Pluri-kulturalität, der biologischen Artenvielfalt, der Nähe zu Mexiko und des großen Angebotes junger Arbeitskräfte liege das Potential dieser Region. Mit diesem Konzept scheint das Movi-miento Tzuk Kim Pop vorerst auch „Erfolg„ gehabt zu haben, man bekam Gelder und Fachkräfte vom PNUD, des Entwicklungsprogrammes der Vereinten Nationen, zugesagt.

Constanze Neher

Fußnoten

(1) Thesing, Josef, Frieden in Guatemala, in: KAS-Auslandsinformationen, Heft 1/ 1997, S. 41
(2) maras = Banden von Jugendlichen, die meist unter Drogeneinfluß stehen

Daten des westlichen Hochlandes von Guatemala

Geographische Ausdehnung

Fläche: 9.102 qkm entspr. 8% des Staatsgebietes
7 Departamentos: Totonicapán, Sololá, Hochland von Quetzaltenango, Hochland von San Marcos, Süden Huehuetenangos, Süden Quichés, Westen von Chimaltenango
Höhe: 1500m - 4230m ü. d. M.

Armut

Extreme Armut: 60% der Bevölkerung
Unterernährung: 33-49%
Analphabetenrate: 43%
Trinkwasserversorgung: bis zu 64% ohne
Energieversorgung: unzureichend, daher hoher Verbrauch an Holz zur Energiegewinnung, vor allem durch Abholzung

Bevölkerung

Bevölkerungsdichte: 177 Einwohner pro qkm
Einwohnerzahl: 1.613.678 (ca. 15% der Gesamtbevölkerung)
Zusammensetzung: hauptsächlich Mayas der Ethnien K'iché, Mam, Kakchiquel und Tz'utujil mit den zugehörigen Sprachen
Wachstumsrate: 2,5%
Alterszusammensetzung: 66% unter 24 Jahre
Durchschnittsfamilie: 6,5 Kinder
Lebenserwartung: ca. 59 Jahre
Verteilung: 78% ländlich, 22% städtisch

Wirtschaft

Landwirtschaft: meist Subsistenzwirtschaft und Kleinfeldanbau
Hauptanbauprodukte: Mais, Bohnen, Kartoffeln
Arbeitsmigration: hoch, vor allem an die Küste (Kaffeefincas) und in die USA

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Diese Seite wurde erstellt von Martin Heiden am 11.11.98