|
|portuñol 13 - übersicht|
Cariri
- Eine Region im Sertão Nordostbrasiliens -
Knapp zehn Stunden dröhnt der Bus jetzt durch das weite hügelige Land. Am Abend in Recife aufgebrochen
und die Nacht hindurch im Regen den Agreste passiert, ist er kurz vor dem Ziel: Juazeiro do Norte in der Region
Cariri im Süden Cearás; mitten im kargen, dürren, gnadenlos anmutenden Sertão Nordostbrasiliens.
Die ausländischen Touristen, die sich hierher in dieses scheinbar so menschenfeindliche Land verirren, lassen
sich an zwei, drei Händen zählen.
Gleich nach der Ankunft im Rodoviária, dem etwas außerhalb der Stadt gelegenen Busbahnhof, stürzen
sich zahllose Kinder, gierig nur das geringste zu verkaufen, auf den Bus. Mit geschälten Apfelsinen, Äpfeln,
gebrannten Erdnüssen, Eis, Süßigkeiten, billigem Schmuck und Spielzeug versuchen sie ihr Glück.
Sie sind Ernährer ganzer Familien, die ohne Habe aus den ländlichen Gebieten der Region Cariri nur mit
der Hoffnung nach Juazeiro do Norte kamen und jetzt in irgendwelchen Bretterbuden am Rande der etwa 175000 Einwohner
zählenden Stadt ihr Dasein fristen. Wenn auch chronisch kränkelnd bildet sie nunmehr als eine der wichtigsten
Städte Cearás zusammen mit den jeweils gut 10 km entfernten Nachbarstädten Crato und Barbalha
das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Cariri.
Bis auf diesen nach der Hauptstadt Fortaleza größten städtischen Ballungsraum Cearás ist
der Cariri mit seinen knapp 17000 qkm und etwa 725000 Einwohnern jedoch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt.
Auf den großen Fazendas werden insbesondere Rinderzucht betrieben sowie Zuckerrohr, Baumwolle und Caju-Früchte
angebaut, die zum Teil in der regionalen Textil- und Nahrungsmittelindustrie weiterverarbeitet werden. Hingegen
müssen die zahllosen Kleinbauern der Region in Subsistenzwirtschaft hauptsächlich durch den Anbau der
Grundnahrungsmittel Reis, Mais und Bohnen auf ihren kleinen öden Äckern, die sie oftmals gar nur als
Pächter bearbeiten, ums Überleben kämpfen. Denn außer einiger fruchtbarer Brejos im unmittelbaren
Umland des Bergzuges der Chapada do Araripe, von dem ein Teil schon seit 1946 unter Naturschutz steht, werden Landschaft
und Menschen im Cariri von einem semi-ariden Klima mit Spitzenwerten über 40 Grad Celsius und immer wiederkehrenden
langjährigen Secas sowie der sich an dieses Klima angepassten Vegetation der Caatinga aus öden Wiesen,
verwucherten und niedrigen Dornbusch- und Krüppelbaumbewuchs sowie Kakteen dominiert. Nach Ende der Trockenzeit,
die gewöhnlich etwa von Juni bis Dezember andauert, können heftige Regenfälle des öfteren zu
verheerenden Überschwemmungen verbunden mit starker Bodenerosion führen.
Ihren Namen hat die Region von dem IndioVolk der Kariri (auch Kiriri genannt), die zur Gruppe der Brasíliden
zählen und vor 5000 bis 4000 Jahren aus Indonesien und Polinesien kommend an der Pazifikküste des Südamerikanischen
Kontinentes ankamen. Über den Amazonas und den Tocantins wanderten sie dann auch in den Sertão von
Bahia, Pernambuco, Ceará und Paraíba ein, wo sie sich in den fruchtbaren Tälern niederließen.
Die ersten Viehzüchter wanderten dann gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts von Bahia, Sergipe, Alagoas
und Pernambuco aus in den Cariri ein. Während um 1750 noch lediglich zwischen zwei bis fünf Tausend Siedler
im Cariri lebten, zählte der Cariri 1960 bereits rund 450000 Einwohner, von denen damals jedoch noch 67% im
ländlichen Raum lebten , wohingegen heute allein das Städtedreieck Crato-Juazeiro do Norte-Barbalha mit
mehr als 300000 Einwohnern 41,8% des Bevölkerungsanteils ausmacht .
Wie auch in anderen Regionen und Ländern versucht das Volk des Sertão durch die künstlerische
Interpretation seiner Sitten, Traditionen und Mythen seine ihm spezifische Lebensweise und soziokulturellen Werte
auszudrücken, um sein gesellschaftliches Leben zu gestalten. Bei der Entstehung von Folkore, Volksliteratur
und Kunsthandwerk im Sertão sind dabei drei Aspekte von besonderer Bedeutung: Zum einen die jahrhundertelange
Vermischung indigener, afrikanischer und iberischer Kulturelemente, zweitens der enorme Anpassungsdruck des Volkes
im Sertão an seine rauhe teils gar widrige natürliche Umwelt und zuletzt vor allem auch die soziale
Situation seines stets unterdrückten Volkes. So spiegeln heute Folklore, Volksliteratur und Kunsthandwerk
im Sertão eine reiche kulturelle Vielfalt sowie in großem Maße die Lebensrealität seines
Volkes wider.
Markus Auditor
Worterklärungen:
Fazenda, Latifúndio: Großer Landbesitz; Brejos: Feuchte, fruchtbare Landstriche innerhalb des Sertão;
Seca: Dürre; Caatinga: Bezeichnung für die typische Vegetationsform des Sertão; Salário
(auch Salário Mínimo): Brasilianischer; Mindestlohn von etwa 150,00 DM

|portuñol 13 - übersicht|
Diese Seite wurde erstellt von Martin
Heiden am 11.11.98
|