Dora Herrera Zeledón arbeitet seit 1990 in der Zentrale des nicaraguanischen Agrararbeitergewerkschaftsverbandes
ATC (Asociación de Trabajadores del Campo) in Managua. Die ehemalige Kaffeepflückerin hat sämtliche
Stationen gewerkschaftlicher Mitarbeit durchlaufen und gehört zu den Mitinitiatorinnen der Frauenarbeit innerhalb
der ATC. Früher als Frauenbeauftragte besonders im Bereich der Kinderbetreuungsprogramme beschäftigt,
ist sie nun für die Jugendarbeit der Gewerkschaft zuständig.
Wie kam es zum Aufbau des Frauensekretariats innerhalb des ATC?
Die Arbeit mit Frauen begann im Jahre 1983, denn zu diesem Zeitpunkt verschärfte sich der Krieg besonders
in den landwirtschaftlich genutzten Gegenden dramatisch. Diese Regionen aber waren genau die, in denen der ATC
die meisten Mitglieder hatte. Es kam also dazu, daß wir Frauen dort die gesamte Last der Produktion zu tragen
hatten, da die Männer zur Verteidigung eingezogen wurden. Zu manchen Arbeiten waren die Frauen zunächst
nicht in der Lage. Einfach, weil sie nicht daran gewöhnt waren, doch die Zeit hat gezeigt, daß mit Ausbildung
alles möglich ist. Auf der anderen Seite gab es das Problem der Kinderbetreuung. Also fingen wir an, Seminare
über die Normierung der Arbeit aus der Gender-Perspektive zu veranstalten. [Unter Gender versteht man nicht
das biologische Geschlecht, sondern das durch die Gesellschaft geprägte geschlechtsspezifische Verhalten.]
Damals wurde noch nicht von der Gender-Perspektive gesprochen, aber es wurde eine Studie über die Situation
der Frau gemacht und dabei entdeckten wir das Potential der Frauen an der gewerkschaftlichen Basis.
Damit fing alles an. Die ATC rief ein sogenanntes Frauenprojekt ins Leben. So arbeiteten wir damals im Bereich
der Internationalen Beziehungen unter der Oberaufsicht des Generalsekretariats des ATC. 1986 wurde dann das Frauensekretariat
als eigener Bereich gegründet und somit den anderen Sekretariaten auch offiziell gleichgestellt. Von der Gewerkschaftsbasis
bis zur nationalen Zentrale mußte ein Arbeitsbereich den Frauen gewidmet werden. 1990 [als der Regierungswechsel
erfolgte und die Sandinisten von einer liberalen Koalition unter Führung von Violeta Barrios de Chamorro abgelöst
wurden] war dieser Bereich schon beachtlich gut entwickelt, aber klar, bis 1990 war die Arbeit in dem Sinne leichter,
daß wir einfach mehr Möglichkeiten hatten. Wir waren sehr ideologisch orientiert, den Frauen sollten
ihre spezielle Problematik, aber auch ihre Rechte bewußt werden. Wenn wir auf einer Zusammenkunft eine Forderung
stellten, war es klar, daß sie durchkommen würde, und sei es auch unter der Hand. Zum Beispiel prangerten
wir einmal einige Arbeiter wegen sexueller Belästigung an. Das löste einen richtigen Kampf zwischen den
Geschlechtern aus, aber wir erreichten wenigstens Sanktionen gegen diese Arbeiter. Vielleicht nicht deren Verabschiedung,
aber immerhin Sanktionen.
Nach 1990 fing der kritischste Teil an. Vor allem finanziell. Logisch, denn mit dem Eintritt Nicaraguas in die
Demokratie wanderte der Großteil der Solidaritätsbewegung nach El Salvador ab. Das ist etwas, was viele
nicht verstanden haben, daß wir gerade damals sehr viel Hilfe nötig hatten. Ab 1990 hatten wir weder
die Partei (FSLN, Sandinistische Befreiungsfront), die uns half, noch die staatlichen Betriebe, die uns den Rücken
stärkten, noch Hilfsmittel wie verbilligten Transport und vieles mehr.
Im Frauensekretariat gab es ebenfalls einen drastischen Wandel. Damals waren wir aufgrund von Personalschwierigkeiten
gerade in einer Krise, also leiteten wir eine interne Umstrukturierung ein, und das in einer Zeit des politischen
Wechsels. Wir wollten aber um jeden Preis die Fortbildungen aufrechterhalten, dabei aktuelle Themen behandeln und
- diese Programme gibt es bis heute.
Wir begannen, arbeitslose Frauen zu organisieren und ihnen Kleinkredite zu verschaffen, damit sie irgendwie überleben
konnten. Wichtig ist dabei, und da müssen wir wirklich selbstkritisch sein, daß wir absolut keine Erfahrung
hatten mit diesen Fragen der Selbstverwaltung der Frauen. Sie waren es ja gewohnt, alle 15 Tage ihren Lohn zu
bekommen, und nun hatten sie plötzlich einen eigenen Kredit, mit dem sie investieren sollten, um zu überleben.
Dazu noch in einer Situation der Geldentwertung: Das war es, was diese Kollektive scheitern ließ. Von all
den Kollektiven, die wir von 1990-92 aufbauten, überlebten nur sechs.
Was für Kollektive sind das?
Verschiedene. Manche produzieren Bananen, andere betreiben Kleinviehzucht, es gibt alles mögliche. Es war
die schiere Hoffnungslosigkeit, die zu überleben half.
Wurden sie von der ATC finanziert ?
Nein, wir hatten kein Finanzierungsprogramm. Wir organisierten die Frauen und halfen ihnen, bei der lokalen Verwaltung
finanzielle Unterstützung zu suchen. Bei den Bürgermeistereien, bei den Landbanken, die sich gebildet
hatten, aber nicht bei uns als Frauensekretariat. Das hat damit zu tun, daß es in dem Sekretariat sehr viel
Paternalismus gab. So konnten z.B. die Zinszahlungen auch nachgereicht werden, und schließlich entstand
ein ganzer Haufen von Schuldenerlassen und ähnlichen Geschichten, und so funktionierte der revolvierende Fond
nicht. Wir konnten den Nächsten nichts mehr leihen, weil die Letzte nicht gezahlt hatte. Dann bekamen wir
Probleme mit unseren Unterstützerorganisationen, und es war sehr schwer, ihnen diese Situation zu erkären.
Also sagten wir: “Wir können so nicht weitermachen.” Es kam zu einer Umorientierung innerhalb der Arbeit.
Heute sind wir nur noch für die Oragnisation und Ausbildung der Frauen zuständig, die Finanzierung läuft
über das PAMIC (Programa Nacional de Apoyo de la Microempresa: Nationales Unterstützungsprogramm für
Kleinbetriebe) oder über kleine Organisationen, die mit alternativer Finazierung arbeiten.
Was sind die anderen Bereiche, in denen das Frauensekretariat arbeitet?
Ein weiteres Thema im Moment ist das Arbeitsrecht, das Gesetzbuch ist gerade reformiert worden. Nicht, daß
es große Verbesserungen gegeben hätte, aber es ist so oft erneuert und wieder geändert worden,
daß man nicht mehr wußte, was stimmte und was nicht. Also, unsere Aufgabe ist es, den Basisgewerkschaften
ihre Rechte zu vermitteln, damit sie Übereinkünfte aushandeln können. Das ist die einzige Möglichkeit,
ihre Rechte zu verteidigen. Es ist sehr wichtig, daß Frauen an diesen Verhandlungen beteiligt sind, denn
Frauen befinden sich in einer besonderen Situation. In diesen Gremien wird das oft übergangen.”
Wie groß ist der Frauenanteil innerhalb des ATC?
Wo immer wir ihn auch untersucht haben, liegt er bei 38%. Wir sind in allen Bereichen vertreten, im privaten Sektor
sowie in den Kooperativen. Jetzt, mit dem Problem der Arbeitslosigkeit, versuchen wir, in der Lokalverwaltung etwas
zu bewegen.
Und in all diesen Bereichen haben wir die Jugendbewegung. Die wird besonders behandelt, schließlich stellt
sie die Zukunft des ATC dar. Hier setzen wir an, veranstalten Seminare, Zusammenkünfte, Projekte wie z.B.
Wiederaufforstung, nicht-traditioneller Anbau usw. Mit diesen Jugendlichen haben wir viel vor - und da sind viele
junge Frauen dabei.
Und innerhalb des Jugendprogramms erfahren die Frauen auch besondere Beachtung?
Die Jugendarbeit ist in verschiedene Arbeitsbereiche unterteilt, und einer dieser Bereiche ist eben der Gender-Bereich.
Es gibt eine Vertreterin auf nationaler Ebene und einen Rat, in den pro Verwaltungseinheit jeweils eine Frau und
ein Mann entsandt werden. Im Bereich der Jugendlichen versuchen wir schon, einen Frauenanteil von 50% durchzusetzen.
Bei uns Alten sind wir nicht über diese 38% hinausgekommen, aber bei den Jugendlichen achten wir darauf. Wir
können uns es nicht erlauben, einen so wichtigen Bereich zu vernachlässigen. Wie machen auch weiterhin
Seminare zu Themen wie das Recht auf Verhütung, Sexualaufklärung usw. Die Situation auf dem Land ist
noch viel schlimmer. Dort gibt es keine Sexualerziehung, und die ländliche Kultur ist sehr viel konservativer.
In der Stadt gibt es wenigstens mehr Möglichkeiten, sich zu informieren, es gibt mehr Zugang zum Fernsehen,
zu Broschüren und all solchen Sachen. Auf dem Land gibt es das nicht. Natürlich kommt ein bißchen
an durch das Radio und das Fernsehen, aber die Eltern sind doch sehr verschlossen, was Fragen wie Verhütung
und das Recht, darüber zu entscheiden, anbetrifft.
Um noch einmal auf allgemeine Aspekte einzugehen: Was sind die größten Hindernisse Ihrer Arbeit?
Was uns in diesem Jahr am härtesten getroffen hat, ist die Instabilität der Arbeit. Wir haben viele Führungspersönlichkeiten
verloren, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen auswandern mußten.
Eine Genossin z.B. mußte wegen dieser Italiener, die jetzt die Reispflanzungen aufgekauft haben, nach Costa
Rica gehen. Sie haben sie rausgeschmissen, weil sie in der Gewerkschaft war. Sie hat dann einen Prozeß angestrengt
und gewonnen, aber sie kann nicht zu ihrer Arbeit zurückkehren, weil sie sie einfach nicht mehr reinlassen.
Das Ganze zieht sich nun schon vier Jahre hin. Vier Jahre der Arbeitslosigkeit, also mußte sie auswandern.
Wir haben es schließlich geschafft, sie wieder hierher zu bringen, um sie als Kader nicht zu verlieren, aber
das ist wirklich eine belastende Sache.
Das andere große Problem, das Frauen traditionell betrifft, ist das der Schulbildung. Es stellt eine große
Einschränkung im Bereich der Kaderausbildung dar. Wir entdecken hervorragende Genossinnen mit einer ungeheuren
Bereitschaft zur Mitarbeit, die aber eine so geringe Schulbildung haben, daß wir keine Möglichkeit haben,
sie zu fördern, weil sie erstmal alphabetisieren müßten. Es ist deprimierend zu sehen, wie wir
ihnen nicht helfen können, aber dafür haben wir nicht die finanziellen Mittel.
Das sind die schwerwiegendsten Probleme. Wir haben es schon nach und nach geschafft, die Schranken des Unverständnisses
innerhalb der Familie aufzubrechen. Ich möchte nicht behaupten, daß wir sie überwunden haben, aber
die Verhältnisse ändern sich, und entweder erlauben die Männer die Mitarbeit der Frauen oder die
Frauen trennen sich von ihnen.
Es gibt Genossinnen, die es geschafft haben, ihre Männer in die Arbeit der ATC einzubeziehen, andere haben
wir als Mitarbeiterinnen verloren, weil sich der Mann nicht damit abfinden konnte. Aber für mich ist das ein
Problem des Zusammenlebens, welches wir alle durchlebt haben, was wir als Organisation aber nicht lösen können.
Interview vom September 1997
Ulrike Bock